Geografie der Odyssee: Warum die Suche nach den wahren Schauplätzen sinnlos ist
Immer wieder versucht jemand, Odysseus’ Irrfahrten geografisch nachzuvollziehen. Dabei ist nicht einmal klar, wo er zu Hause war
Das grundsätzliche Problem bei der Suche ist: Die Odyssee ist Fiktion. Daran ändert sich auch nichts, wenn ein Ort zufällig ungefähr zur Beschreibung im Epos passt.
25.07.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Die Insel Ithaka liegt vor der Westküste Griechenlands. Seit der Antike wird darüber gestritten, ob sie mit dem homerischen Ithaka, der Heimat des Odysseus, identisch ist.
Paolo Reda / Reda / Getty
Wo Odysseus umherirrte, scheint eigentlich sehr klar. Es steht ja da, das homerische Epos ist voller Ortsangaben. Nehmen wir die Insel mit den Kühen des Sonnengottes Helios. Dorthin gelangen Odysseus und seine Gefährten, nachdem sie Skylla und Charybdis passiert haben, ein sechsköpfiges Monster und einen riesigen Wasserstrudel. Eine Insel in der Nähe solcher Gefahren müsste doch zu finden sein?
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Und tatsächlich: Da die Beschreibung von Skylla und Charybdis nur auf die Strasse von Messina passt, muss die Insel des Helios Sizilien sein.
Seit der Antike haben Menschen die Beschreibungen in der Odyssee genutzt, um die Irrfahrten des Odysseus geografisch nachzuvollziehen. Immer noch wollen sie unbedingt beweisen, dass eine bestimmte Insel Odysseus’ Heimat Ithaka ist – oder auch nicht. Die Odyssee-Verfilmung von Christopher Nolan, die gerade in den Kinos läuft, verstärkt das kaum je versiegte Interesse an einem möglichen wahren historischen und geografischen Kern der mindestens 2700 Jahre alten Erzählung noch einmal. Doch selbst wenn Menschen Antworten finden, sagen Wissenschafter: Es sind Antworten auf die falschen Fragen.
Die Verbindung von Orten mit Homer war prestigeträchtig
Die Historikerin Elizabeth Della Zazzera hat einmal formuliert: Warum Menschen versuchen, die legendäre Stadt El Dorado zu finden (sie besteht aus Gold) oder das mythische Bimini (dort sprudelt der Brunnen, der ewige Jugend verleiht), ist leicht verständlich. Aber, schreibt sie, «was gewinnen wir, wenn wir wissen, wo Helios seine Kühe hielt?» Vermutlich habe die Suche nach den Orten aus der Odyssee etwas damit zu tun, dass man sich mit dieser Geschichte verbinden wolle, dass sie Teil der eigenen bewohnten Welt sein solle.
Für die Geografen der klassischen Antike war es sicher so. «Die homerischen Epen spielen in einer mythischen Vergangenheit, und in Griechenland standen überall diese Ruinen aus gewaltigen Steinblöcken wie in Mykene», sagt Greta Hawes in einem Videogespräch. Sie ist klassische Altertumswissenschafterin an der Macquarie University in Sydney in Australien und beschäftigt sich mit in griechischen Mythen vorkommenden Orten. «Für die Griechen waren diese Mythen der einzige Weg, etwas über länger zurückliegende Zeiten herauszufinden.»
Ob Teile der homerischen Epen tatsächlich schon in der Bronzezeit entstanden, ist umstritten. Erstmals in schriftlicher Form fixiert wurden sie nach gängiger Annahme um 700 v. Chr. Sie enthalten deshalb viele Bezüge zu dieser Zeit. So ist das Thema Gastfreundschaft in der Odyssee und auch im Film ein wichtiges Thema: Was ist ein guter Gast, was ist ein guter Gastgeber? Im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. gründeten Migranten aus Griechenland neue Siedlungen, viele davon in Sizilien und Süditalien. Wenig später begannen antike griechische Geografen, die Abenteuer des Odysseus genau dort zu verorten. Wissenschafter gehen davon aus, dass dies auch ein Echo der mehr oder weniger gastfreundlichen Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung in den neuen Siedlungsgebieten war.
Hawes vertritt die Ansicht, dass die Suche nach den Schauplätzen auch für die neu gegründeten Städte einen Zweck erfüllte: «Es scheint auch darum zu gehen, eine Vergangenheit für diese Siedlungen zu kreieren, diese neue Landschaft zu domestizieren, indem man ihr eine prestigeträchtige griechische Vergangenheit gibt: Odysseus ist hier vorbeigekommen.»
Geografische Einzelheiten konnten diese Erzählungen stützen: Die vulkanische Aktivität rund um den Vesuv bot eine Verbindung zu der Unterwelt, in die Odysseus im Epos hinabsteigt, um mit den Toten zu sprechen. Der steinspuckende Vulkan Ätna auf Sizilien passte zu dem Riesen Polyphem, der Felsbrocken auf Odysseus’ Schiffe wirft.

Der Vulkan Ätna kommt in der Odyssee nicht vor. Aber vielleicht ist der mit Felsen werfende Riese Polyphem eine Reflexion seiner Gefahren.
Rosario Scalia / Reda / Getty
Ithaka passt nicht zu Homers Beschreibung
Mehr als 2000 Jahre später versuchen Menschen immer noch, diese Identifizierungen zu verifizieren oder zu widerlegen. Weil der antike Autor Plutarch behauptete, die Insel der Kalypso liege fünf Segeltage westlich von Grossbritannien, vermutete der Astronom Johannes Kepler Anfang des 17. Jahrhunderts die Insel der Kalypso in Amerika. Es gab im 19. und im 20. Jahrhundert Versuche, die gesamte Odyssee in die Antarktis zu verlegen oder nach Skandinavien. Nautisch Bewanderte fanden plausible Erklärungen und Verortungen für jedes seefahrerische und geografische Detail der Odyssee, seien es Distanzen, Felsen, Stürme, Strudel.
In fast allen Fällen waren die Vertreter dieser Theorien genau wie Johannes Kepler eines nicht: Altertumswissenschafter oder Archäologen. Meistens sind es von Homer faszinierte Laien. Ein aktuelles Beispiel zeigt das gut.
Besonders intensiv ist in den vergangenen Jahren die Suche nach Odysseus’ Heimat Ithaka vorangetrieben worden. Auch sie beschäftigt die Menschen seit der Antike. Denn es ist klar, dass die Insel im Epos vor der Westküste Griechenlands liegt. Eine der Inseln in dieser Region heisst auch schon seit der Antike Ithaka. Doch die Beschreibungen bei Homer passen nicht zu ihr.
Wichtiger als die genaue Topografie ist die Lage; Ithaka soll die westlichste Insel vor der Westküste Griechenlands sein. Auf die heute noch Ithaka genannte Insel trifft das aber nicht zu – sondern auf Kefalonia. Kefalonia ist aber eigentlich zu gross, um auf Homers Beschreibung zu passen.

Auf Ithaka wurden im 2. Jahrhundert v. Chr. Münzen mit dem Kopf des Odysseus geprägt – zu erkennen an seiner typischen Kopfbedeckung, einer randlosen Filzkappe, Pileus genannt.
CC BY-SA 3.0 / Wikimedia
Eine private Stiftung finanziert geologische Untersuchungen
Deshalb gibt es noch eine These. Ein Homer-Fan mit Vermögen gründete eigens eine Stiftung, die auch nach seinem Tod nur einen Zweck zu verfolgen scheint: zu beweisen, dass die Halbinsel Paliki auf der Westseite von Kefalonia das Ithaka aus der Odyssee ist. Aus der Beschreibung bei Homer wurde eine geologische These abgeleitet: Paliki soll einst eine Insel gewesen sein.
Die Stiftung finanzierte Bohrungen, elektromagnetische Messungen vom Helikopter aus, künstliche seismische Wellen, die Suche nach Gravitationsanomalien – das gesamte Arsenal moderner Geowissenschaften. Erst kürzlich haben die Geologen ihre Ergebnisse präsentiert: Paliki war in der Antike nicht durch einen Streifen Wasser von Kefalonia getrennt. Das widerlege zwar die These von der Insel, stärke aber die Identifikation von Paliki als Ithaka, heisst es kryptisch in einer Mitteilung der beteiligten Universität Aberdeen.
Dass Paliki flach ist und in der Odyssee von einem weithin sichtbaren Berg auf Ithaka die Rede ist, kommt in der Argumentation nicht vor. Ebenso wenig spielt eine Rolle, dass es auf Paliki keine Spuren eines bronzezeitlichen Zentrums gibt, nur ein Grab aus dieser Zeit. Ausserdem habe man Tonscherben aus einer nicht näher bestimmten Zeit gefunden, die auf menschliche Aktivität hindeuteten – das muss als Beweis reichen.
So wie in Paliki gehen all jene vor, die das Epos für eine historische Erzählung halten: nämlich sehr selektiv. Alles, was nicht ins Bild passt, wird als dichterische Freiheit verworfen – um dann andere Details umso vehementer in der Wirklichkeit zu suchen.
Die meisten Archäologen schütteln bei solchen Unternehmungen nur den Kopf.

In Agios Athanasios, in moderner Zeit auch Schule des Homer genannt, haben Archäologen Keramik aus der Zeit lange nach Homer und Odysseus gefunden.
CC BY-SA 3.0 / Wikipedia
Auf Ithaka wurde Odysseus kultisch verehrt – im 3. Jahrhundert v. Chr.
Auf Ithaka selbst haben archäologische Ausgrabungen stattgefunden. Sie haben einige wenige Keramikscherben aus mykenischer Zeit zutage gefördert, aber keinen Hinweis auf den Palast von Odysseus. Es gibt zwar Spuren zum Helden der Odyssee – aber aus deutlich späterer Zeit. Wie die schon lange bekannten baulichen Überreste stammen sie erst aus dem 3. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. Es handelt sich um eine Scherbe mit einer Inschrift mit dem Namen Odysseus. Damit habe man nun eindeutig den in einer antiken Schriftquelle erwähnten Kultort für Odysseus auf Ithaka identifiziert, heisst es in einer offiziellen Mitteilung der Denkmalbehörde.
Hawes sagt dazu: «Alles, was wir sagen können, ist, dass 500 Jahre nach Homer die Griechen Ithaka als Heimat des Odysseus vermarkteten. Dass er dort im 3. Jahrhundert kultisch verehrt wurde, ist allerdings zu erwarten. Solche sogenannten Heroenkulte gab es auch anderswo, zum Beispiel in Athen für den mythischen Helden Theseus. Aber dass schon früher lokale Odysseus-Traditionen auf Ithaka existierten, dafür gibt es keine Hinweise.»
Orte und Objekte – alles dient der Geschichte
Hawes fasst die Suche nach Ithaka auf Kefalonia, nach der Höhle des Polyphem, der Insel des Helios und all den anderen Orten mit einem Satz zusammen: «Diese Leute stellen die falsche Frage.»
Die meisten bei Homer genannten Orte liessen sich mehr oder weniger genau im Mittelmeer identifizieren. Es sei klar, dass Homer sich grob im Mittelmeer auskenne. Aber die Orte müssen auf einer Karte nicht genau lokalisierbar sein. «Das ist zu viel verlangt von einem Dichter.»
Troja in der Ilias, Ithaka in der Odyssee – «das sind Bühnenbilder». Ob Homer jemals auf Ithaka gewesen sei oder nicht, spiele keine Rolle. «Topografische Genauigkeit ist für die Geschichte nicht nötig.»
Orte, Objekte oder die etwas unlogische Konstellation, dass in Ithaka König wird, wer Penelope heiratet – alles dient nur dazu, die Geschichte voranzutreiben.

Odysseus auf einem Floss aus Weinamphoren, von rechts bläst der Nordwind Boreas. Darstellung auf einem Weinbecher aus Böotien, 4. Jahrhundert v. Chr., ausgestellt im Ashmolean Museum in Oxford.
CC BY-SA 2.0 / Wikimedia
Odysseus’ Irrfahrt ist bei Homer klar verortet: in der Phantasie
Anders verhält es sich nach Hawes’ Meinung mit den Schauplätzen der eigentlichen Irrfahrt. Auch wenn spätere antike Autoren diese im Mittelmeer verorteten – Homer habe das nicht getan.
«Wenn wir heute Homer lesen, ist klar, dass der Mittelteil der Odyssee ein Fantasy-Abenteuer ist», sagt Hawes. Bei Homer ist die Beschreibung eindeutig: Odysseus gerät in der Ägäis in einen Sturm und wird neun Tage lang nach Westen getrieben. «Ab da ist er in einem Jenseitsbereich, in dem nichts mehr Sinn ergibt, in dem Nord und Süd keine Rolle spielen», erklärt Hawes. «Homers Intention ist eine Phantasiewelt, in der die Gesetze der Geografie und der Physik nicht mehr anwendbar sind.»
Wenn also alles nicht zusammenpasst, ist die Lösung nicht, die passenden Details herauszupicken und die anderen als dichterische Freiheit abzutun. Es passt nicht, weil es nicht passen muss. Es ist Fiktion, es ist eine Geschichte – und zwar offensichtlich eine sehr gute.
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