Immer mehr Kinder bekommen die „Abnehmspritze“
Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Österreich sind von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und orthopädische Probleme. Viele dieser möglichen Folgen bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen. Hinzu kommen psychische Belastungen wie Depressionen und soziale Isolation durch Mobbing. Immer mehr Familien fragen daher Abnehmmedikamente für ihre Kinder nach. Zwei Präparate sind zugelassen: Saxenda ab sechs Jahren (täglich) und Wegovy ab zwölf Jahren (wöchentlich).
Hohe Nachfrage für Kinder und Jugendliche
Der Bedarf ist groß: In der Kinder-PVE Donauinsel (Primärversorgungseinheit) unter der ärztlichen Leitung von Jasmin Voitl sind seit Anfang 2025 mehr als 750 Kinder und Jugendliche mit Adipositas in Behandlung. „Die Entscheidung für die Abnehmmedikamente ist sehr individuell. Adipositas ist wie ein Puzzle, das sich aus mehreren Teilen zusammensetzt“, sagt Voitl.
Besonders komplex sei die Behandlung bei autistischen Kindern oder Jugendlichen mit ADHS, bei denen das Sättigungsgefühl oft anders funktioniert. Die Wirkstoffe der Medikamente setzen genau hier an: Patienten sind schneller und länger satt. Die Dosierung wird dabei langsam gesteigert. Manche Kinder zeigen bereits nach der ersten Dosis Gewichtsverlust, bei anderen dauert es länger.
Die Familien kommen monatlich zur Kontrolle. „Die Medikamente funktionieren extrem gut. Bei den meisten sehe ich sehr gute Erfolge. Die Tendenz muss passen, das Gewicht muss sich in die richtige Richtung bewegen, um in einen gesunden Bereich zu kommen“, sagt Voitl. Konkrete Kilo-Ziele lehnt sie ab, das schaffe nur Frustration. Hinzu kommt: Die Kinder wachsen – anders als Erwachsene – während der Therapie weiter. Je nach Ausgangsgewicht kann daher ein gleichbleibendes Gewicht ebenso ein Erfolg sein.

Kinderärztin Jasmin Voitl
„Die Kinder müssen im Boot sein“
Vor Therapiebeginn werden die Kinder umfassend abgeklärt: Laborwerte, Herzuntersuchungen, Bauchultraschall. Auch nach möglichen genetischen Ursachen wird gesucht. Die häufigsten Nebenwirkungen der Abnehmmedikamente sind unabhängig vom Alter Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall. „Man kann aber gut gegensteuern“, erklärt Voitl. Mehrere kleine Mahlzeiten werden besser vertragen als große, eiweißreiche besser als fettreiche.
„Wenn die Kinder lernen, auf ihr verändertes Sättigungsgefühl zu hören und die Portionen anpassen, haben wir in aller Regel eine gute Verträglichkeit.“ Die Anwendung ist einfach: Die Medikamente werden mit einem Pen gespritzt, schon Volksschulkinder können das teils selbst. Entscheidend ist aber: „Die Kinder müssen im Boot sein, sonst funktioniert es nicht. Es ist ihr Körper, sie entscheiden über ihren Körper. Die Therapie muss von allen getragen werden, aber vor allem vom Patienten selbst“, betont Kinderärztin Voitl.
Schuldzuschreibungen wie bei keiner anderen Erkrankung
Neben der Medikation ist diätologische Begleitung notwendig, psychologische wird dringend empfohlen. Viele Kinder haben bereits negative Erfahrungen gemacht, neben Gleichaltrigen hören sie häufig auch verletzende Kommentare von Familienmitgliedern, Turnlehrern oder Ärzten. „Sie sind ganz oft mit dem Thema Schuld konfrontiert, auch die Eltern, die ganze Familie. Irgendjemand wird für schuldig erklärt. Das ist ein Bild, das mir grundsätzlich missfällt. Wir haben das bei keiner anderen Erkrankung“, sagt Voitl. Würde man den Ansatz konsequent weiterdenken, müsste man auch bei jedem Schlaganfall von Selbstverschulden sprechen. „Aber das tut man nicht. Bei Adipositas schon und davon müssen wir wegkommen.“
Adipositas sei eine komplexe Erkrankung, bei der Willenskraft nicht der entscheidende Faktor ist. Kinder seien von hochverarbeiteten Lebensmitteln umgeben, süße Getränke stünden in Schulautomaten, beim Buffet gebe es Chicken Nuggets und Pommes. „Es ist schwierig, sich dem zu entziehen. Das ist ein gesellschaftliches Problem und wir wälzen die Schuld auf die Familien ab“, so Voitl.
Bedenken zu langfristigen Auswirkungen
Für die Verschreibung der Abnehmmedikamente für Kinder und Jugendliche ist eine chefärztliche Bewilligung nötig. Voitl sieht das kritisch: „Man muss sich fragen: Warum bekommt jeder ein Blutdruckmedikament, ohne sich rechtfertigen zu müssen, die Abnehmmedikamente brauchen aber eine ausführliche Erklärung? Adipositas ist eine Erkrankung wie jede andere auch. Wenn wir das nicht anerkennen, müssten wir die ganze Erwachsenenmedizin hinterfragen.“
Viele Eltern hätten Bedenken hinsichtlich möglicher langfristiger Auswirkungen der Medikamente. Voitl hält entgegen: „Alle Daten, die wir bisher haben, sind positiv, gerade bei sehr ausgeprägter Adipositas. Viele denken, dass Kinder mit Übergewicht schon herauswachsen, das trifft aber bei einem Großteil nicht zu – unbehandelt nehmen sie die Erkrankung mit ins Erwachsenenalter und die gesundheitlichen Folgen sind mehr als bekannt.“
Manche Jugendliche konnten die Spritze bereits wieder absetzen, bei anderen ist eine längere Unterstützung nötig. Therapieabbrüche kämen ebenso vor wie bei Erwachsenen. Adipositas ist ein sozioökonomisches Thema, sagt Voitl: „Je nachdem, wie viel Unterstützung jemand erfährt, umso eher ist die Therapie gut führbar.“
kurier.at, ege | 14.07.2026, 13:05