Ich wuchs in Armut auf. Die Erinnerungen daran lassen mich nicht mehr los
Eine Zeit lang dominierten Werbeplakate von der Investmentplattform Scalable Capital das Stadtbild: „Deine Villa geschehe, auch ohne Vater im Himmel“, „Alle heiraten, Du diversifizierst“, „Endlich wieder Spargeld-Zeit“. Ich sehe im Park Menschen, die „Das einzige Buch, das Du über Finanzen lesen solltest“ von Thomas Kehl lesen, besser bekannt als der Influencer „Finanzfluss“.
In meinem Freund*innenkreis, der nur aus Akademiker*innen besteht, wird über Anlagestrategien gesprochen. Ein Freund hat ein Stück Wald gekauft. Eine Freundin steckt seit kurzem monatlich 150 Euro von ihrem Gehalt in einen ETF.
Ich gehöre dazu. Insoweit, dass ich auch Akademikerin bin und selbst Geld an der Börse investiere. Nur ist für mich Sparen kein Lifestyle. Nichts, was ich gerne tue. Und doch kenne ich keine Person, die sparsamer lebt als ich. Das habe ich von meiner Mutter so gelernt. Sie sparte an allen Ecken und Kanten, sparte, damit wir den Monat überstanden.
„Bürgergeld-Handbuch“ rät: Speiseplan nach Sonderangeboten richten
Im Kapitel 16 des Handbuchs zum Bürgergeld findet sich unter der Rubrik „Praktische Tipps“ der Hinweis: „Vergleichen Sie vor dem Einkauf Sonderangebote und richten Sie den Speiseplan nach den Angeboten aus“. Das haben wir aus der Not heraus früher so gemacht. Zuverlässig landeten die Prospekte wöchentlich in unserem Briefkasten, wir kauften dann in dem Discounter ein, in dem es sich besonders lohnte.
Jetzt habe ich von vielen Supermärkten und Drogerien die App auf dem Handy und kann so mit wenigen Fingertipps die einzelnen Angebotsprospekte aufrufen. Sonntagabend checke ich die Prospekte für die kommende Woche. Wenn es bei Rossmann 20 Prozent auf Bio-Lebensmittel gibt, fahre ich mit meinem großen, leeren Rucksack hin, um auf Vorrat einzukaufen, am liebsten mehrere Packungen Mandel-Nuss-Tofu, der statt 1,89 Euro dann „nur“ 1,52 Euro kostet.
Lidl Plus hat zuletzt das Sparen nochmal gamifiziert: „Coupid – Swipen & bevorzugten Coupon wählen“. Ein Coupon ploppt auf, 10 Prozent Rabatt auf Bio-Zitronen, wenn ich nach rechts wische, habe ich den Coupon sicher, wenn ich nach links wische, dann habe ich die Chance auf einen anderen Coupon, einer, der mir vielleicht mehr bringt, für ein Produkt, das ich sowieso kaufen wollte. Nur lässt sich nicht unendlich nach links wischen, irgendwann ist auch Schluss, dann habe ich meine Chance vertan, es ist wie pokern.
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Wenn ich an der Supermarktkasse stehe, um zu bezahlen, dann sehe, dass der Preis beispielsweise für die Packung Mandeln höher ist als erwartet, schiebe ich Panik. Ich versuche mich zu beruhigen, dass diese 4 bis 6 Euro mich nicht verarmen lassen, und kann dann trotzdem nicht aufhören, mich tagelang schuldig zu fühlen.
Natürlich hätte ich an der Supermarktkasse darum bitten können, die Mandeln zu stornieren, aber das wäre wiederum mit unangenehmen Gefühlen verbunden: Mit dem schlechten Gewissen, wie ich hier gerade die ganze Schlange aufhalte, während der Filialleiter, die Filialleiterin zur Kasse gerufen wird. Mit der Scham darüber, dass alle denken, ich hätte Geldprobleme, ohne reale Geldprobleme zu haben.
Investment-Tipp vom Ex-Freund: Geld soll für mich arbeiten
Ich bin nämlich mittlerweile so gut im Sparen, dass ich auch Geld habe, um es, wie meine Akademikerfreund*innen, anzulegen, oder wie ich es ironisch nenne: zu „parken“. Mein Exfreund meinte mitten in der Pandemie zu mir, dass es jetzt besonders schlau wäre, mein erspartes Geld zu investieren, die Kurse würden sich wieder erholen. Er meinte, dass mein Geld sowieso die ganze Zeit schon an Wert verliert, wenn es einfach nur so auf dem Konto liegt, Stichwort Inflation. Ich vertraute ihm.
Letztendlich waren seine Eltern im Besitz zweier Häuser und einer Eigentumswohnung, er hatte von seinem Großvater schon irgendwelche ETFs vererbt bekommen, er vermittelte mir das Gefühl, dass er sich auskannte. Dass das Geld für einen arbeitet, wenn man Geld übrig hat, ist für mich so surreal, dass ich keinen richtigen Bezug dazu habe. Ich sehe die Zahl, aber kann nicht glauben, dass das so einfach ist.
Wobei, was heißt „einfach“. Ich habe ja anfangs für Mindestlohn die richtig beschissenen Jobs gemacht. Ich habe als Hostess auf diversen Veranstaltungen gearbeitet, beispielsweise musste ich auf einem 18. Geburtstag, der im 20er-Jahre-Stil stattfand, im Ritz Carlton Hotel stundenlang in einem kurzen Kleid und Absatzschuhen umherlaufen, riesige Blumenbuketts entgegennehmen, später das Geburtstagskind auf die Bühne begleiten und noch später mit einem Bauchladen 18-Jährigen Zigarren verteilen.
Viele solcher Jobs habe ich gemacht, Menschen dabei beobachtet, wie sie in Saus und Braus leben, dabei selbst auf so viel verzichtet, um so viel Geld wie möglich zur Seite legen zu können. Zumindest arbeitet jetzt das Geld auch für mich. Trotzdem fühlt sich das für mich irgendwie nicht richtig an.
5,5 Millionen Bürgergeld-Empfänger: Die Lotterie der Geburt
Wie kann es überhaupt sein, dass manche Menschen für jeden Euro hart arbeiten müssen, während sich das Geld anderer ganz von selbst vermehrt, nur weil sie etwas übrig haben und wissen, wie sie es anlegen? Und warum zur Hölle macht mich der Umstand, dass sich mein Geld vermehrt, nicht entspannter?
Neidisch bin ich auf meine Akademikerfreund*innen. Sie erben Wohnungen, Geld, andere Immobilien, einer vermutlich sogar ein ganzes Wohnhaus und was weiß ich nicht alles. Man spricht ja nicht so darüber, was in der Familie alles an Vermögen da ist.
Meine alleinerziehende, nach Deutschland eingewanderte Mutter und ich lebten viele Jahre mit Leistungen des Sozialstaates, in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft. Ich selbst war dem Amt auch als „arbeitslos“ gemeldet, obwohl ich noch zur Schule ging. Von den etwa 5,5 Millionen Menschen Bürgergeld sind etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche.
Während des Abiturs bekam ich einen Brief: eine Vorladung beim Jobcenter, um zu erläutern, wie ich mir meinen beruflichen Werdegang vorstelle. Ich weiß nicht mehr, was ich genau vor Ort behauptete, vermutlich studieren. Die Sachbearbeiterin gab sich mit meinen Antworten zufrieden, ich habe nie wieder was vom Jobcenter gehört. Zum Glück. Das Jobcenter verbinde ich mit Stress.
Jobcenter-Sanktion: Drei Monate weniger Geld nach Ukraine-Reise
Einmal bekam meine Mutter Post vom Jobcenter, als wir meine Oma in der Ukraine besuchten. Sie konnte dementsprechend nicht fristgerecht auf den Brief reagieren und wurde sanktioniert, für drei Monate bekamen wir deutlich weniger Geld. Die Folge war, dass wir in dieser Zeit noch weniger Lebensmittel einkauften. Meine Mutter ging kein einziges Mal ins Hallenbad, obwohl sie das so gerne tat.
Wenn wir später meine Oma besuchten, ließ meine Mutter ihrem Partner immer den Schlüssel da, er musste alle ein bis zwei Tage nachschauen, ob ein Brief vom Jobcenter kam, damit sie im Notfall immer rechtzeitig handeln konnte, sich krankmelden, oder zu aller größter Not zurückfliegen, obwohl wir immer nur mit dem Zug in die Ukraine fuhren.
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Jede Abwesenheit, die über einen Tagesausflug hinausging, musste damals erst dem Jobcenter gemeldet und daraufhin genehmigt werden. Erst dann durfte man offiziell wegfahren. Das hat sich bis heute nicht geändert. Meine Mutter sparte immer für den Fall der Fälle. Man wüsste nie, auf was für Kosten man doch sitzenbleibt. Wer dauerhaft in Unsicherheit lebt, lernt jederzeit mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Meine Mutter wollte aber auch nicht, dass irgendjemand Wind davon bekam, dass wir arm waren. Wir suchten im Schlussverkauf immer nach Klamotten, die das Potential hatten, das Gegenteil zu beweisen. Damals gab es das Bildungs- und Teilhabepaket noch nicht, aber selbst, wenn es das gegeben hätte, weiß ich nicht, ob meine Mutter sich mit den Formalitäten hätte auseinandersetzen können und wollen, die muss man ja auch erst mal alle verstehen, außerdem sich eingestehen, dass man im Endeffekt auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Für Klassenfahrten sparte sie entweder das Geld zusammen, oder ich fuhr nicht mit.
Preisschild-Reflex: Warum ich im Restaurant nie das billigste Gericht übersehe
Meine Mutter redete viel über Geld, Preise und Angebote. Das tue ich jetzt auch – mehr als mir lieb ist. Ich bin in ihre Fußstapfen getreten. Mein Blick geht, so wie es bei meiner Mutter der Fall war, immer zuerst aufs Preisschild. Im Restaurant sehe ich immer zuerst die Zahl, nicht das Gericht, wie ein Reflex entscheide ich mich für das Gericht, hinter dem die niedrigste Zahl steht. Zu trinken: Könnte ich vielleicht ein Leitungswasser bekommen?
Egal, wo ich bin, sehe ich zuerst die Zahl. Jede Zahl setze ich in Relation. Jede Ausgabe muss sich lohnen. Es darf keine falsche Entscheidung getroffen werden. Die Aussicht, an falscher Stelle zu viel Geld auszugeben, löst Stress aus.
Ich versuche deshalb weiterhin so günstig wie möglich durchs Leben zu kommen: Alles wird ausgekratzt, das Licht beim Rausgehen immer ausgemacht, der Ofen selten verwendet, der gute Pullover aufgespart.
Immer rechne ich auf. Wenn eine Freundin mich fragt, ob ich mitkommen will, schwimmen, schaue ich online nach, wie viel der Eintritt kostet. Damals konnte ich noch als Kind mit dem Super-Ferien-Pass jeden Tag gratis ins Schwimmbad. Heute muss ich sieben Euro Eintritt zahlen. Ich finde das doch ganz schön happig. In meinem Kopf rechne ich, was ich mir alles stattdessen kaufen könnte: 1 großen Naturjoghurt, 1 Apfel, 1 Packung Haferflocken, 2 Körnerbrötchen, 1 Hummus, 1 Packung Nudeln, 1 Zucchini, 1 Pesto, 1 Mozzarella.
Ich könnte mich von 7 Euro länger als einen Tag ernähren. Für 7 Euro habe ich letztens meine Bluse bei Vinted verkauft, die Bluse ist doch mehr wert als der Schwimmbadeintritt? Ich sage der Freundin ab, gehe nicht mit schwimmen, behaupte, ich müsste arbeiten, schreiben. Meine Arbeit ist immer die beste Ausrede.
Kein Hobby außer Lesen: Wie mein Sparen mich isoliert
Früher grenzte das nicht vorhandene Geld mich aus. Mittlerweile grenzt mein Sparen mich aus. Früher hatte ich bis zur 6. Klasse nicht wirklich irgendein Hobby, außer Lesen. Mit dem Bibliotheksausweis konnte ich mir in den öffentlichen Bibliotheken Bücher ausleihen.
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Jetzt verdiene ich genug Geld für Bücher, und spreche mir doch gleichzeitig jedes Bedürfnis ab, das Geld kostet. Schwimmen? Nee. Ich habe ja gar keine Lust. Chlorwasser ist eh nicht gut für die Haut und überhaupt – total aufwändig. Wollen wir nicht lieber spazieren gehen?
Während andere ihr Leben genießen, reisen und ihren Hobbys nachgehen, spare ich. Mein Geld darf ich nicht ausgeben. Aber wofür spare ich überhaupt? Keine Ahnung.
Wie ein Reflex setzt der Spar-Mechanismus ein. Wenn ich hungrig bin, halte ich entweder den Hunger aus, oder kaufe mir Reiswaffeln, die gibt es ja schon für 59 Cent. Habe ich nicht genug Geld, um mir auch einfach mal ein Brötchen beim Bäcker zu kaufen? Andere würden mich irritiert anschauen und sagen: „Hä, natürlich, das ist doch ganz normal, von Reiswaffeln alleine wird man doch nicht satt.“
Am günstigsten ist es, keine Bedürfnisse zu haben
Ich weiß gar nicht, was „normal“ ist. Wann ist es erlaubt, sich mal was zu gönnen? Ist ein Brötchen vom Bäcker etwas, das man sich „gönnt“? Ich habe keine Ahnung.
Fasziniert beobachte ich Menschen, die sich im Bordbistro der Deutschen Bahn ein Getränk holen, oder was zu essen, während ich meine geschmierten Brote esse, Leitungswasser aus meiner Wasserflasche trinke. Tue ich das, weil ich es so will, weil ich darauf ehrlich Lust habe, oder tue ich das, weil es am günstigsten ist?
Meine Mutter hat gespart. Jetzt spare ich. Wer mit wenig Geld lebt, lernt zu verzichten. Am günstigsten ist es, keine Bedürfnisse zu haben. Vielleicht ist das für mich die hartnäckigste Folge eines Aufwachsens in Armut: Dass sich all diese Gedankenspiralen, Ängste und Sorgen verfestigt haben, mit welchem Selbstverständnis und Selbstvertrauen ich mich durch die Welt bewege, auch wenn mittlerweile genug Geld da ist.
Ungläubig schaue ich dem Geld dabei zu, wie es sich weiter vermehrt. Ich hoffe, dass ich irgendwann das Vertrauen finde, es auszugeben. Dass ich herausfinde, worauf ich Lust habe und dem auch nachgehe, mir nicht automatisch jedes Bedürfnis wieder abspreche, weiter in Angst so vor mich hinlebe.
Elisabeth Pape, geboren 1995 als Kind einer ukrainischen Migrantin, ist Autorin und Dramatikerin. Sie schreibt Theaterstücke und veröffentlichte vergangenes Jahr ihren Debütroman Halbe Portion (Suhrkamp Verlag, 2025).