Kulturrevolution in China: „Ich musste mich hinknien und wurde dabei geschlagen und getreten“ - WELT
Um seine Macht zu sichern, trat Chinas KP-Chef Mao Tse-tung im Sommer 1966 die „Große Proletarische Kulturrevolution“ los. Bis 1976 fielen Millionen Menschen – Konkurrenten, Intellektuelle, „Kapitalisten“ – dem Terror der „Roten Garden“ zum Opfer.
Der vor 2000 Jahren lebende gelbe Kaiser Qin Shihuangdi habe 406 konfuzianische Gelehrte lebend begraben lassen, spottete Mao Tse-tung einmal, „wir haben einige Hunderttausend Konterrevolutionäre unter die Erde gebracht. Mehr als 46.000 Intellektuelle waren darunter. Wer mich als Qin Shihuangdi beschimpft, hat recht. Nur – ich bin hundertmal schlimmer.“
Mit der sogenannten Großen Proletarischen Kulturrevolution, den „Zehn verlorenen Jahren“ von 1966 bis 1976, vervielfachen sich diese Zahlen. Offizielle Angaben gibt es dazu nicht. Deshalb schwanken die Schätzungen zwischen 1,2 und drei Millionen, die ihr Leben verloren. Annähernd ähnlich viele blieben durch Folter während der Verfolgung und der Haft lebenslang behindert. Insgesamt sollen damals bis zu 30 Millionen malträtiert, verhaftet und eingekerkert worden sein. Zugleich wurden rund 100 Millionen als Familienangehörige, Freunde, enge Bekannte der Verfolgten in „Sippenhaft“ genommen – bei einer damaligen Gesamtbevölkerung Chinas von rund 825 Millionen.
Als erstes prominentes Opfer gilt Bian Zhongyun, Parteisekretärin und Vizedirektorin des elitären Mädchengymnasiums der Pädagogischen Hochschule in Peking, das damals auch Töchter von Liu Shaoqi, als „Vorsitzender der Volksrepublik China“ praktisch Staatspräsident, und Deng Xiaoping, damals Generalsekretär des ZK, besuchten. Ende Juni 1966 wurde sie von ihren Studentinnen, angestiftet von einer Lehrerin, beschuldigt, „akademische Studien höher als die politische Erziehung zu bewerten“ und die Ideen Maos nicht zu respektieren. Was daraufhin geschah, schilderte sie in einem Brief an das ZK:
„Ich wurde vier bis fünf Stunden lang geschlagen und misshandelt. Mir wurde ein spitzer Hut aufgesetzt, ich musste gebückt stehen, ich musste mich hinknien und wurde dabei geschlagen und getreten. Meine Hände wurden mit Stricken gefesselt, ich wurde mit Holzgewehren malträtiert, die sonst von den Milizen zu Übungszwecken benutzt werden. Man nahm Unrat und presste ihn mir in den Mund und beschmierte mein Gesicht damit. Am ganzen Körper wurde ich bespuckt. Als ich schon bis zum Äußersten gequält worden war, kamen Leute und machten Fotos von mir.“ Bian wurde wiederholt gedemütigt, ihre Wohnung wurde demoliert. Am 5. August wurde sie schließlich von ihren Schülerinnen mit nagelbestückten Stöcken erschlagen.
Eine der Beteiligten war Song Binbin, die 19-jährige Tochter von Song Renqiong, der inzwischen als einer der „Acht unsterblichen Generäle der KPCh“ verehrt wird. Ihr wurde am 18. August, dem ersten von acht Massenaufmärschen von hunderttausend Rotgardisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, eine besondere Ehre zuteil. Sie durfte Mao eine Armbinde mit den Schriftzeichen „Rote Garde“ anlegen. Dabei soll er sie gefragt haben, ob ihr Name „wohlerzogen und sanft“ bedeute. Sie bejahte. Darauf sagte Mao, sie solle sich stattdessen „Yaowu“ nennen, was „auftrumpfen, aggressiv sein“ bedeutet. Das hat sie in den Parteizeitungen als „Song Yaowu“ stolz berichtet.
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Dagegen war darin nicht zu lesen, dass am 23. August die Roten Garden 20 Schriftsteller und Wissenschaftler im Pekinger Literaturinstitut als „reaktionäre Machthaber im Kulturbereich“ festnahmen und in aller Öffentlichkeit drangsalierten. Unter ihnen war Lao She, ein nicht nur in China hochgeschätzter Autor und einer der wenigen, die nicht der einst privilegierten Schicht der Gebildeten entstammten. Tags darauf wurde seine Leiche aus dem Pekinger „See des großen Friedens“ geborgen.
Das waren die Tage, als die Roten Garden die Städte terrorisierten. Mit Billigung Maos, der am 16. Mai zusammen mit seiner vierten Frau, Jiang Qing, Geheimdienstchef Kang Shen und seinem Sekretär Chen Boda die „Arbeitsgruppe Kulturrevolution“ schuf, um Zentralkomitee und Politbüro der KP als bislang höchste Instanzen zu überspielen. Damit stabilisierte er seine Macht, die nach dem Scheitern des „Großen Sprungs“ bedroht war und ihn 1959 zum Rücktritt als Staatspräsident gezwungen hatte. Denn die „drei schlimmen Jahre“, der brutale Versuch der Industrialisierung, der zu Missernten und Hungersnöten führte, hatte zwischen 20 und 40 Millionen Tote gefordert.
Um Maos Autorität als „größten Marxisten-Leninisten unserer Zeit“ festzuschreiben, brachte Verteidigungsminister Lin Biao 1962 die gesammelten „Worte des Vorsitzenden Mao“ heraus. Anfangs für die Schulung der Soldaten gedacht, erreichte das „Kleine Rote Buch“ – nicht zuletzt dank zahlreicher Übersetzungen – eine Milliardenauflage und wurde zum Ausweis der überschwänglichen Verehrung Maos und der unbedingten Linientreue.
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Dennoch gingen die Fraktionskämpfe in der KP weiter. Das geschah in der in China traditionellen Form des „mit der Geschichte auf die Gegenwart Zielens“. Ein Beispiel dafür ist die Peking-Oper „Hai Rui wird entlassen“ von Wu Han, einem bekannten Schriftsteller, der seit 1949 als Vizebürgermeister von Peking amtierte. Das Stück handelt von einem Beamten der Ming-Zeit, der, weil unbestechlich und gerecht, denunziert und vom Kaiser entlassen wird. Die Botschaft konnte als Kritik an Maos Umgang mit Rivalen verstanden werden.
Im November 1965 erschien in Shanghai ein Artikel, in dem Wu eine revisionistische Verfälschung der Geschichte vorgeworfen wurde. Als Autor wurde Yao Wenyuan, angeblich ein Schwiegersohn Maos, vorgeschoben. Tatsächlich waren Maos Gattin Jiang Quin und er selbst die Initiatoren. Einige hochrangige Funktionäre verhinderten jedoch zunächst die breite Publikation des Beitrags, was Mao als versuchten Staatsstreich deutete. Das war der Anstoß zur „Kulturrevolution“. Zu Maos wichtigsten Helfern wurde die „Viererbande“, zu der neben Jiang und Yao die linksextremen Politiker Zhang Chunqiao und Wang Hongwen gehörten. Wu Han starb 1969 im Gefängnis.
Seit dem 16. Mai 1966 herrschten, angeleitet von der von Mao an diesem Tag zusammengerufenen „Arbeitsgruppe Kulturrevolution“, die Roten Garden in Peking. Am 25. Mai ließ Nie Yuanzi, Parteisekretärin der Philosophischen Fakultät der Pekinger Universität, die erste Wandzeitung anschlagen, auf der der Rektor der Hochschule und zwei weitere Funktionäre als Feinde Maos und als „ein Haufen revisionistischer Elemente vom Schlage Chruschtschows“ bezeichnet wurden (der sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow war 1964 gestürzt worden).
Das geschah ganz im Sinne Maos, der am 8. August seine Wandzeitung mit dem Tenor „Die Hauptquartiere bombardieren“ folgen ließ, und mit dem Satz „Revolution lernen, indem man Revolution macht“ den anarchistischen Terror der Roten Garden sanktionierte: „Die Arbeiter, Bauern und Soldaten sollen sich nicht in die große Kulturrevolution einmischen. Lasst die Studenten auf die Straße gehen.“
Die Schüler und Studenten, und das waren anfangs vor allem die gut situierten Kinder der „Wohlstandsmaoisten“, also der Kader, gingen nicht nur auf die Straße und sangen „Der Osten ist rot“ oder „Vater und Mutter stehen uns nahe, doch niemand so nah wie der Vorsitzende Mao“. Angeblich spontan, jedoch stets an der mal langen, mal kurzen Leine der Partei. Sie sollten, wie es in einer Erklärung des Zentralkomitees hieß, die „Vier Alt“ – die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten und die alten Bräuche – überwinden helfen.
Wobei gegenüber den „Rinderdämonen und Schlangengeistern“, wie Personen geschmäht wurden, die als Klassenfeinde und Revisionisten einen „kapitalistischen Weg“ eingeschlagen hätten, jegliche Schandtat geduldet wurde. „Wenn gute Menschen schlechte Menschen schlagen, geschieht ihnen recht“, hatte Maos Gattin Jiang Qing Schülern gegenüber geäußert. Wie sich bald herausstellte, diente das revolutionäre Vokabular jedoch oft nur dazu, persönliche Rechnungen zu begleichen.
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Jeder musste damit rechnen, dass die Roten Garden in sein Haus einbrachen und zerstörten, was sie als bürgerlich reaktionär bezeichneten. Das begann bei den traditionellen Verzierungen der Häuser mit Drachen, den dekorativen bronzenen Türklopfern und bemalten Ladenschildern. Und es endete bei Büchern, Bildern, Antiquitäten und allem, was nach Luxus aussah und nicht einem proletarisch-puritanischen Lebensstil entsprach. Also wurden Möbel zerschlagen, Parolen an die Wände geschrieben und Fußböden aufgerissen, weil dort Wertvolles vergraben sein könnte.
Allein in Peking geschah das in 34.000 Wohnungen und Häusern, wobei mehr als 1700 Menschen den Tod fanden. Auch Museen, Denkmäler, Bibliotheken, Gedenkstätten und erst recht die Tempel blieben nicht verschont. In Peking wurden von 6843 Kulturgütern in öffentlichem Besitz mehr als 5000 zerschlagen und geraubt. „In Qufu, der Heimat des Konfuzius, vernichteten die Roten Garden innerhalb von vier Wochen 6618 Kulturgegenstände, darunter 929 Gemälde, über 2700 Bücher, 1000 Steinstelen und 2000 Gräber“, bilanziert der Sinologe Kai Vogelsang.
Solche Aktionen waren stets mit Übergriffen gegen einzelne Personen verbunden. In den Städten wurde, wer nicht die monotone Mao-Tracht samt roter Armbinde trug, attackiert. Frauen schnitt man die langen Haare ab, zerriss modische Kleidungsstücke, nahm ihnen jeglichen Schmuck weg. Und die, die nicht mit dem „Kleinen Roten Buch“ ihre Verehrung für Mao nachweisen konnten, mussten demütigende Rituale ertragen und lauthals bekennen, bürgerliche und antirevolutionäre Sünden begangen zu haben.
Diese erste terroristische Phase der Kulturrevolution, geprägt von der uneingeschränkten Macht der Roten Garden, endete im Juli 1968. Da übernahm das Militär die Macht, fortan gaben die „Arbeiterpropagandatrupps der Ideen Mao Tse-tungs“ den Ton an. Die Jugendlichen, die Mao zugejubelt und sich eine glänzende Zukunft versprochen hatten, sahen sich rechtlos in entlegene Landesteile verbannt, um „von den Arbeitern und Bauern zu lernen“.
Die Unruhen, Fraktionskämpfe und Intrigen hielten jedoch weiterhin an, sowohl in den Provinzen als auch an der Spitze der Kommunistischen Partei. Daran änderte sich auch wenig, nachdem Hua Guofeng, nach Maos Tod im September 1976 dessen Nachfolger als Vorsitzender der KPCh, im August 1977 offiziell das Ende der Kulturrevolution verkündet hatte. Wenig später, am 6. Oktober, wurde die „Viererbande“, die von Shanghai aus eine radikale Fortführung des maoistischen Kurses angestrebt hatte, verhaftet.
Vier Jahre später war es Hua, der von Deng Xiaoping, seinem Stellvertreter als Ministerpräsident, entmachtet wurde. Ende 1980/81 wurde der „Viererbande“ der Prozess gemacht. Man beschuldigte sie, 727.420 Menschen verfolgt und 43.274 getötet zu haben. Jiang Quin und Zhang Chunqiao wurden zum Tode verurteilt, 1981 aber zu lebenslänglich begnadigt. Die beiden anderen Angeklagten erhielten lange Haftstrafen.
Die alte Garde hatte inzwischen die Bühne geräumt. Ex-Staatsoberhaupt Liu Shaoqi, seit 1967 unter Hausarrest, war nach Folter und Misshandlung 1969 im Gefängnis gestorben. Lin Biao, der als potenzieller Nachfolger Maos galt, hatte 1971 nach dem Scheitern eines angeblichen Putsches beim Absturz seines Flugzeugs über der Mongolei sein Leben verloren. Und Ministerpräsident Zhou Enlai, den die einen als skrupellosen Exekutor von Maos Politik, andere als geschmeidigen Diplomaten deuten, war im Januar 1976 gestorben. Am 9. September 1976 folgte ihm Mao nach. Nach chinesischer Tradition konnte man das Erdbeben vom 28. Juli in Tangshan mit bis zu 650.000 Toten als Zeichen deuten, dass „Kaiser“ Mao das „Mandat des Himmels“ entzogen worden war.
Nur Deng Xiaoping, dreimal verbannt und dreimal an die Macht zurückgekehrt, überlebte alle Krisen, um bis zu seinem Tode im Februar 1997 die Fäden der Macht in der Hand zu halten. Wenngleich er aus westlicher Perspektive gern als Praktiker und Widersacher gegen die rigorose kommunistische Politik und damit als Überwinder der Kulturrevolution dargestellt wird, darf nicht übersehen werden, wie kompromisslos er sich selbst radikaler Methoden bediente. Nicht nur bei dem Tiananmen-Massaker, der blutigen Niederschlagung der friedlichen Proteste am 3./4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Bereits 1986 hatte er vor dem Ständigen Ausschuss des Politbüros erklärt: „Auf die Todesstrafe dürfen wir nicht verzichten.“