Leben an der Abbruchkante: Erinnerung an die Hochwasserkatastrophe belastet Anwohner in Erftstadt

Wenn Andreas Negro vor seine Haustür tritt, steht er nach wenigen Metern direkt vor der Abbruchkante. Vor ihm erstreckt sich der Krater von Erftstadt Blessem, entstanden bei der Flutkatastrophe 2021. Heute kippen LKW Sand und Kies hinein. Es wird aber noch Jahre dauern, bis der Krater befüllt ist. Das riesige Loch am Ortsrand ist eine ständige Erinnerung an das, was sich hier in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 abgespielt hat.

Flucht vor der Flut mitten in der Nacht

Andreas Negro, seine Familie und die Nachbarn mussten mitten in der Nacht - Hals über Kopf - ihre Wohnungen verlassen. Evakuierung, die Feuerwehr mahnte zur Eile. "Das war wirklich gruselig", erinnert sich Negro heute.

"Wir waren plötzlich obdachlos, kann man sich gar nicht vorstellen. Man hat ja immer irgendwo gewohnt, ein Haus und eine Heimat gehabt, seine Schränke. Und plötzlich hat man gar nichts mehr und weiß nicht, wo man hinmuss". Andreas Negro, Anwohner Erftstadt-Blessem

Andreas Negro ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, was auf ihn und seine Heimat zukommen wird. Auf der Flucht vor den herannahenden Wassermassen hat er nicht einmal daran gedacht, ein frisches Hemd, eine Hose oder Unterwäsche einzupacken. Als die Hauptflutwelle Erftstadt-Blessem erreicht, befinden sich Negro und seine Familie bereits in Sicherheit. Nicht aber ihr Hab und Gut.

Dramatische Rettungsaktionen per Hubschrauber

Andere Menschen aus Blessem werden nicht rechtzeitig gewarnt. Das Wasser steigt am Morgen des 15. Juli 2021 in rasantem Tempo. Anwohner flüchten sich in Panik auf die Dächer ihrer Häuser. Hubschrauber der Bundesspolizei müssen sie in dramatischen Aktionen vor der Flut retten.

Nicht weit von Andreas Negros Wohnung entfernt, liegt die Kiesgrube. Jene Kiesgrube, die heute zum traurigen Symbolbild der Flut 2021 geworden ist. Die Flutwelle der Erft stürzt damls die steilen Hänge hinab, reißt Sand und Kies mit sich. In rasender Eile saugt der gewaltige Wasserstrom ein ganzes Getreidefeld weg. Tiefe Rinnen im Boden entstehen. Am Ortsrand von Blessem werden Autos, Garagen und ganze Wohnhäuser von den Wassermassen mitgerissen. Auf der Burg Blessem stürzen ein ganzer Pferdestall und ein Wohnhaus ein.

"Wir mussten alles neu aufbauen, vom Boden bis zur Decke"

Erst zwei Wochen nach der Flut kann Andreas Negro sich erstmals das volle Ausmaß des Schadens ansehen. Immerhin das Gebäude stand noch, dicht an der Abbruchkante, erinnert sich Negro heute. Es war nur knapp der Katastrophe entgangen. "Drinnen war es aber Totalschaden", berichtet Negro. "Wir mussten alles neu aufbauen, vom Boden bis zur Decke".

Welle der Hilfsbereitschaft

Viele Freiwillige kamen in den Tagen und Wochen nach der Flutkatastrophe nach Erftstadt-Blessem, um zu helfen. "Das hat uns sehr berührt. Diese Menschen, die zu uns gekommen sind, um mit anzupacken. Das hat uns getragen – das war auch moralisch eine große Hilfe", sagt Andreas Negro heute.

"Wir hatten hier so viel Glück. Es ist niemand ums Leben gekommen. Da schäme ich mich manchmal, dass ich mich überhaupt beschwere. In anderen Gegenden mussten Menschen ertragen, dass sie Angehörige verloren haben. Das hier in Blessem war etwas ganz anderes". Andreas Negro, über Flut in Erststadt-Blessem

Zwei Jahre hat es gedauert, bis er wieder in seine Wohnung auf der Burg Blessem einziehen konnte. Seine Lebensgefährtin mag dort aber nicht mehr wohnen. Sie habe ein mulmiges Gefühl, sagt er. Andreas Negro engagiert sich jetzt für den Hochwasserschutz in der Region und da tue sich viel.

Umfangreicher Hochwasserschutz an der Erft

Der zuständige Erftverband plant eine Reihe von Hochwasserrückhaltebecken, die im Ernstfall oberhalb von Blessem etwa 5 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Ein weiterer wichtiger Punkt: Der Erftverband versorgt die Leitstellen der Kreise jetzt schon bei kleineren Hochwassern mit genauen Pegelständen und Prognose für mögliche Überschwemmungen. So können die Feuerwehren schneller und gezielter reagieren.