Vom Glück? Heinz Strunk über „Memories of Heidelberg“

In Ihrem am Freitag erscheinenden Roman „Memories of Heidelberg“ ist die Rede vom „untergegangenen Schlager einer verblassten Epoche“. Soll das Buch auch ein Abgesang sein, mit dem Sie sich über Heidelberg lustig machen?

Keineswegs! Heidelberg dient eher als sehr schöne Kulisse, es geht ja um etwas anderes. Aber die Kulisse eignet sich gut, ich fühle mich dem Ort seit Jahrzehnten verbunden, habe Verwandtschaft hier, war bestimmt schon dreißig Mal zu Besuch. Und was das Lied von Peggy March angeht: In ein paar von meinen Romanen hatte ich schon alte Schlager als Leitmotive, beim „Goldenen Handschuh“ war das „Es geht eine Träne auf Reisen“, beim „Sommer in Niendorf“ war es „Marina, Marina“.

Bei Peggy March heißt es: „Memories of Heidelberg sind Memories vom Glück.“ Im Roman aber geht so manches schief. Das Boutique-Hotel am Neckar für 500 Euro pro Nacht lässt zu wünschen übrig, ein Restaurantschiff wird Vehikel zur Katastrophe. Das Protagonisten-Paar, das hier urlaubt, Isolde und Bertram, steckt nicht nur in einer erotischen Krise – Glück scheint da fernzuliegen.

Ja, aber immerhin gibt es ein überraschendes Ende, bei dem Bertram unter Einsatz seines Lebens Isolde rettet.

Das ist auch deshalb beachtlich, weil Bertram übergewichtig ist und ständig gegen seinen Körper kämpft. Als er sich etwa den Schlangenweg an der Alten Brücke hochschleppt – ein touristisches Highlight in Heidelberg –, könnte man kurz meinen, es komme so etwas wie Schiller’sche Erhabenheit auf beim Blick ins Neckartal. In uralten Städten wie Heidelberg, so steht es in Ihrem Roman, spüre man, was es heißt, „nur ein unbedeutendes Lüftchten/Lichtlein/Körnchen“ zu sein. Aber die Erhabenheit wird dann hart gebrochen durch Bertrams Körperlichkeit: ein japsender, fetter Mann am Rande des Zusammenbruchs.

Ja, Bertram ist immer kurz vor Schlaganfall oder Herzinfarkt. Körperlichkeit ist für mich ein integraler Bestandteil beim Schreiben, bei Bertram etwa auch darüber, wie er – neben vielem anderen – seine Völlerei vor Isolde verbirgt, also vor ihr nur einen Teller Nudeln isst, heimlich aber Sachen wie ein „Mandel-Intermezzo“, was eine sehr gut schmeckende unglaubliche Kalorienbombe ist.

In Ihren Romanen kippt körperliches Unbehagen oft auch in empfundenen Ekel oder drastisch geschilderte Ekelhaftigkeiten, hier eine explodierende Toilette. Überspitzt gesagt: Auf das Zeitalter der Neurasthenie zu Beginn der Moderne folgt jetzt das der Übersättigung?

Kann schon sein, so genau denke ich darüber eigentlich nicht nach – wobei es für mich Szenen mit Bertram gibt, besonders die beim Essen, die ich in der Nachfolge früher Texte von Elfriede Jelinek sehe.

Jetzt aber noch mal zum „Sehnsuchtsort Heidelberg“. Kann das touristisch noch funktionieren?

Ich habe mir sagen lassen, dass beim Tourismus Heidelberg nach Berlin an zweiter Stelle steht, mit 14 Millionen Besuchern jährlich, was ja bei 150.000 Einwohnern doch enorm ist. Also ich glaube, Heidelberg hat immer noch eine große Ausstrahlung weltweit. Das sieht man ja auch an den vielen Asiaten, die hier durch die Straßen laufen.

Eine Pointe ist allerdings auch, dass das Paar den schönsten Moment des Urlaubs nicht an einem berühmten Ort oder im edlen Restaurant erlebt, sondern, eingedeckt mit Snacks von der Tankstelle, beim Fernsehen – das heißt, das Einfachste ist manchmal das Beste?

Ja, das deckt sich mit meinem eigenen Empfinden. Denen geht es da gut, weil sie sozusagen was Studentisches zusammen machen, viel trinken, wieder eine Nähe spüren.

Und dann schauen sie ausgerechnet Stanley Kubricks Horrorfilm „The Shining“, das klingt jetzt nicht sehr romantisch. Haben Sie sich dabei etwas Besonderes gedacht?

Nö, das ist einfach einer meiner All-Time-Favourites, mir war klar, dass die dann den Fernseher einschalten und der gerade läuft. Und zur Romantik: Für die ist es ja auch schon Gewohnheit, nach Heidelberg zu fahren, sie erhoffen sich da jetzt keine große Veränderung – aber dann kommt es anders. Ich sehe den Roman eher im Genre der Weird Fiction.

Weird Fiction?

Eine Mischung aus Horror und Seltsamkeit. Es bleibt ja bis zum Ende offen, was eigentlich dazu führt, dass diese Ereignisse auf dem Schiff so eskalieren und man diesen beiden harmlosen älteren Leuten, die sich gut benehmen und nur einmal etwas mit dem Ossobuco rumkleckern, plötzlich nach dem Leben trachtet.

Es ist stellenweise auch sehr unterhaltsam. Das führt mich zu einer generellen Frage: In Lesungen von Ihnen habe ich beobachtet, dass die Zuhörer oft schon verfrüht lachen, quasi vorher beschlossen haben zu lachen.

Am irritierendsten war das für mich bei meinem Roman „Der goldene Handschuh“. Die Leute sind gewohnt, dass es immer was zu schmunzeln gibt, und dann bei dieser grausamen Geschichte hab ich gemerkt: Die wollen auch Sachen lustig finden, die gar nicht lustig sind. Das kann nerven, nervt ja auch die anderen. Und dann muss man die Betreffenden mal in die Schranken weisen.

Glauben Sie, dass unterhaltsame Literatur hierzulande noch immer unterbewertet ist?

Kann sein. Und ich finde ja, dass jeder sich bemühen sollte, auch wenn es komplizierte Stoffe und Anliegen sind, davon so unterhaltsam wie möglich zu erzählen. Im Übrigen glaube ich, dass Kunst, die bleibt, immer solche ist, die auch eine breite Öffentlichkeit gefunden hat. Bücher, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren im Feuilleton behandelt wurden und Büchnerpreise bekommen haben, aber nie Publikumserfolge waren, für die interessiert sich bald niemand mehr. Deswegen versuche ich, Unterhaltung und Literarizität  zu verbinden. Was Humor angeht, heißt es oft, der oder die habe ja Humor. Das ist aber nicht so. Humor ist ein Handwerk. Das muss man mühsam erlernen.

Sie haben in den Roman auch einige Aperçus zum Literaturbetrieb geschmuggelt. Etwa über den Unterschied von Nobelpreis und Pulitzerpreis. Letzterer sei Ausweis literarischer Qualität, beim Ersteren könne man sich da nicht so sicher sein.

Ich habe mich immer am Pulitzer orientiert. Von Han Khang habe ich zwei Bücher gelesen, darunter „Die Vegetarierin“. Wenn man das vergleicht mit, sagen wir, Richard Powers, dem für mich momentan führenden nordamerikanischen Erzähler, dann liegen Welten dazwischen. Deswegen empfinde ich den Nobelpreis fast wie einen Nachwuchspreis.