Ehemaliger Frankfurter Baudezernent Haverkampf gestorben
Dass Frankfurt am Main zu seiner heutigen Bedeutung herangewachsen ist, liegt an der ungewöhnlich hohen Zahl von bedeutenden Oberbürgermeistern, die die Stadt im Laufe des 20. Jahrhunderts mit mutigen Reformen und Investitionen durch die Herausforderungen der jeweiligen Zeit geführt haben, beginnend mit Franz Adickes und weiter über Ludwig Landmann und Walter Kolb bis hin zu Walter Wallmann.
Die Ära Wallmann unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von den Amtszeiten seiner Vorgänger: er prägte sie gemeinsam mit anderen Magistratsmitgliedern, deren Namen bleiben. Zum Team Wallmann, das die kalte und unwirtliche Bankenmetropole binnen eines Jahrzehnts zur weithin bewunderten Kulturstadt umformte, gehörte der charismatische Kulturdezernent Hilmar Hoffmann. Dann war da Kämmerer Ernst Gerhardt, der begnadete Strippenzieher in der CDU. Und, ein wenig im Schatten dieser drei stehend, der eigensinnige Hans-Erhard Haverkampf. Die vier Männer, alle sehr selbstbewusst und durchaus eitel, wussten, dass sie gemeinsam verlören, sollten sie sich gegenseitig Steine in den Weg legen.
Der Sozialdemokrat Haverkampf war 1975 nach Frankfurt gekommen und amtierte zunächst für zwei Jahre als Planungsdezernent. Nach dem überraschend eindeutigen Wahlsieg der CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Wallmann bei der Kommunalwahl 1977 durfte er wie sein Parteifreund Hoffmann im Magistrat bleiben, musste jedoch ins Baudezernat wechseln. Das bedeutete auf den ersten Blick einen Verlust an Prestige. Doch angesichts der Vielzahl von öffentlichen Bauten, die damals in Frankfurt angegangen wurden, war der Posten von eminenter Bedeutung.
Krach mit dem einstigen Oberbürgermeister
Die Alte Oper und die Umgestaltung der Zeil zur Fußgängerzone brachte er glücklich zum Abschluss, auch etliche Schulneubauten entstanden unter seiner Ägide. All das wurde jedoch überstrahlt vom Museumsufer: als städtische Häuser entstanden zuerst Filmmuseum und Architekturmuseum, danach das Museum für Kunsthandwerk (heute Museum Angewandte Kunst), die Schirn Kunsthalle neben dem Dom, dann noch das Jüdische Museum und das Museum für Vor- und Frühgeschichte, heute Archäologisches Museum, auf der nördlichen Mainseite. Und zum krönenden Abschluss das Museum für Moderne Kunst an der Braubachstraße.
Auch am Wiederaufbau der Ostzeile am Römerberg war Haverkampf maßgeblich beteiligt. Legendär und bezeichnend ein Streit, den er sich mit seinem Parteifreund Rudi Arndt während einer Informationsreise in Warschau lieferte. Der einstige Oberbürgermeister, nunmehr nur noch Stadtverordneter, äußerte beim Austausch mit polnischen Rekonstruktionsexperten die Ansicht, es gebe nicht genügend Unterlagen, um die Fachwerkhäuser der Frankfurter Altstadt wiederaufzubauen. Als Haverkampf unter Verweis auf reichlich vorhandene Unterlagen im Stadtarchiv deutlich widersprach, bekamen sich die Genossen so sehr in die Wolle, dass der Gastgeber vom polnischen Architektenbund fragte, ob er den Raum verlassen solle.

In der Anekdote steckt viel von der Persönlichkeit Haverkampfs: hartnäckig, sachorientiert, penibel und konfliktbereit war er. Seine Autorität bezog er nicht zuletzt daraus, dass er lieferte. Die städtischen Projekte entstanden in einem Tempo, das heute märchenhaft anmutet. Man kann einwenden, dass die Budgets damals weniger eng waren und die Genehmigungsverfahren laxer gehandhabt wurden. Daran ist manches wahr. Aber wahr ist eben auch, dass die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und zu diesen auch gegen Widerstände zu stehen, unter den führenden Kommunalpolitikern damals deutlich ausgeprägter war als heute. Vom Denken über Ressortgrenzen hinaus ganz zu schweigen.
Das hatte damit zu tun, dass Dezernatsposten damals für fähige Leute interessanter waren, als sie es offenbar heute sind. Und damit, dass sich die Stadträte auf eine oft exzellente Verwaltung verlassen konnten; für Haverkampf war Roland Burgard, seit 1977 Abteilungsleiter für Kultur- und Sportbauten im Hochbauamt, von zentraler Bedeutung. Burgard hat sich erst unlängst an diese Zeit erinnert: Haverkampf habe viele Projekte angestoßen, den Mitarbeitern des Hochbauamtes aber große Freiheiten gelassen. Das habe sie motiviert. Nicht erwähnt hat Burgard, dass Haverkampf als fordernd galt und sehr unangenehm werden konnte. Auch das womöglich ein Unterschied zur heutigen sogenannten Führungskultur, der den eminenten Qualitätsverlust in der Baukultur der öffentlichen Hand erklären könnte.
Nach seiner Frankfurter Zeit, die mit dem Wahlsieg der SPD im Jahr 1989 endete, ging Haverkampf nach Berlin. Er war unter anderem als technischer Projektleiter zuständig für den Bau des Bundeskanzleramts, anschließend übernahm er im Jahr 2003 die Verantwortung für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas neben dem Brandenburger Tor; den damals wegen Streitigkeiten ruhenden Bau brachte er innerhalb von zwei Jahren zum Abschluss.
2010 trat er in den Ruhestand und kehrte nach Frankfurt zurück. Er widmete sich seinen weit gespannten künstlerischen und intellektuellen Neigungen und verfasste Essays, Novellen, Drehbücher, Sachbücher und Romane, mitunter in einem leicht verschrobenen Stil. Hans-Erhard Haverkampf ist, wie jetzt erst bekannt wurde, am 30. Juni im Alter von 85 Jahren gestorben.