Günstige Premiumaktien: Fünf angeschlagene Champions mit Comeback-Potenzial

Die Aktie von Procter & Gamble gilt als Anlage fürs Leben. Frei nach dem Motto: Gewaschen wird immer. Der Handelsriese mit Marken wie Ariel, Lenor, Pampers oder Oral-B ist nicht nur in fast allen Badezimmern dieser Welt zu finden, er gilt auch als Paradebeispiel für eine solide, defensive Aktie. Außerdem ist der Konzern aus Ohio ein Dividendenkönig: Seit 136 Jahren schüttet er regelmäßig Geld an seine Anleger aus.

Zuletzt wirkte die Aktie allerdings gar nicht so stabil. Vergangenes Jahr ging es steil bergab, mehr als zwölf Prozent verlor das Papier insgesamt – auch wegen des Zollkonflikts zwischen den USA und dem Rest der Welt. Ein Kurssprung am Jahresanfang war nicht von Dauer. Nun aber könnte die Wende gelingen. Die Geschäfte laufen wieder, der Konzern hat Raum für Investitionen. Von denen könnten bald auch Anleger profitieren.

Solche Geschichten gibt es einige an der Börse: angeschlagene Champions, die im Schatten der großen Techhoffnungen zuletzt ihr Dasein fristeten. Die Bewertungen solcher Value-Aktien liegen teilweise so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht. Und trotzdem sind sie kaum gefragt.

Einige dieser Champions dürften jetzt indes vor einem Comeback stehen: weil sie Probleme überwunden haben, ihre Produkte wieder stärker nachgefragt werden oder der politische Gegenwind abgeflaut ist. Die WirtschaftsWoche stellt fünf Favoriten unter den Aktien mit Turnaround-Potenzial vor.

Das makroökonomische Umfeld macht Turnaround-Wetten jetzt interessant. Weil es am US-Arbeitsmarkt zuletzt schlechter lief als erwartet, sinkt der Druck auf die US-Notenbank Fed, die Zinsen zu erhöhen. Höhere Zinsen würden die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen verschlechtern und die Chancen auf ein Comeback schmälern.

Auch die niedrigeren Ölpreise schaffen ein wendefreudiges Umfeld. Für Konsumgüterhersteller wie Procter & Gamble schwindet dadurch der Druck, Mehrkosten in der Produktion an die Konsumenten weitergeben zu müssen. Konjunkturforscher erwarten, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr robust um etwa drei Prozent wächst. In den USA hat sich die Laune der Verbraucher zuletzt unerwartet deutlich verbessert.

Die Argumente für ein mögliches Revival der fünf ausgewählten Aktien sind vielfältig: Teils gibt es ein schlüssiges Sanierungskonzept mit drastischen Einsparungen, etwa beim britischen Spirituosen-Giganten Diageo oder beim Münchner Chemiekonzern Wacker. In anderen Fällen haben sich die Rahmenbedingungen verbessert, etwa beim Schuh- und Sportbekleidungskonzern Deckers Outdoor.

Foto: Dmitri Broido

Zwei Dinge sollten Anleger bei ihrer Wendewette bedenken. Zum einen treffen wohl die wenigsten mit ihrem Investment exakt den richtigen Zeitpunkt. Auch nach einem Kauf können die Kurse weiter sinken. Denn an der Börse werden Erwartungen gehandelt – und sind die einmal niedrig, kann jede Negativnachricht den Kurs weiter drücken. Zum anderen gibt es an der Börse keine Garantien. Nicht jede Transformationsstrategie ist erfolgreich, auch das Umfeld kann sich ändern. Mit diesen fünf Titeln haben Sie aber gute Chancen auf steigende Kurse.

Deckers Outdoor: Läuft doch

Deckers Outdoor ist ein Zollverlierer – aber nur auf den ersten Blick. Weil US-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr die Zölle für Waren aus asiatischen Ländern besonders stark anhob, stürzte die Aktie des amerikanischen Schuh- und Sportbekleidungskonzerns ab. Deckers lässt fast alle seine Produkte in China, Vietnam und Kambodscha fertigen. Aus dem einst hoch bezahlten Wachstumstitel, der es an der Börse zeitweise auf ein KGV von über 30 brachte, wurde so binnen Wochen ein Sonderangebot mit günstiger Gewinnbewertung. Dabei halten sich die Folgen der Trump-Zölle operativ in Grenzen.

Im Geschäftsjahr 2025/26 (bis 31. März) erzielte Deckers mit seinen Hoka-Sportschuhen und Ugg-Boots 5,47 Milliarden Dollar Umsatz. Das waren zwar nicht mehr die Wachstumsraten wie in den guten Jahren, als sich die Umsätze noch um rund 20 Prozent steigerten. Ein Zuwachs von zehn Prozent ist aber angesichts des belasteten Welthandels kein schlechtes Ergebnis. Mit 1,02 Milliarden Dollar Reingewinn lag die Nettomarge zudem bei 18,6 Prozent und damit sogar auf dem Niveau der stärkeren Jahre. Deckers verliert also etwas an Wachstum, kann aber über höhere Preise die Zollbelastungen weitgehend ausgleichen.

Dank der weiterhin stabilen Nachfrage und Anpassungen in der Lieferkette rechnet das Unternehmen in den nächsten Jahren wieder mit deutlich zweistelligen Wachstumsraten. Zusammen mit der stabilen, schuldenfreien Finanzverfassung, einer Eigenkapitalquote von 66 Prozent und der Aussicht auf weitere Aktienrückkäufe ist das für Anleger eine solide Perspektive. Und wenn sich die Geschäfte auch im Zollkonflikt so positiv entwickeln, was wird dann geschehen, wenn Trumps Präsidentschaft im Januar 2029 endet und die nächste US-Regierung die Zölle vielleicht wieder zurücknehmen wird? Unter der letzten US-Regierung waren die Zölle nicht ansatzweise so hoch wie heute. Gespräche über mögliche Erleichterungen im globalen Handel finden schon statt.

Diageo: Klasse und Masse

Zwei Flaschen Whisky für umgerechnet 52.000 Euro – wer kann das bezahlen? Bisher war das Diageo egal: Der Hersteller von Whisky (Johnnie Walker), Wodka (Smirnoff) und anderen Spirituosen zielte mit seinen Produkten eher auf das hochpreisige Segment als auf den Massenmarkt. Damit soll nun Schluss sein.

Der neue Diageo-Chef Dave Lewis will den britischen Konzern umkrempeln und mit seinen Produkten wieder stärker auf den Massenmarkt setzen. Die Kehrtwende ist dringend nötig. Im Geschäftsjahr 2024/25 brach der operative Gewinn um fast 28 Prozent ein. Schuld war neben den US-Zöllen auch die generell sinkende Nachfrage nach Hochprozentigem. Im bis Ende Juni laufenden Geschäftsjahr entwickelte sich das Geschäft zwar in Europa, Lateinamerika und Afrika wieder besser, das miese US-Geschäft drückt die Zahlen aber weiterhin. Diageo musste seine Umsatzprognose revidieren.

Lewis könnte der Richtige für den Neustart sein. Der Manager gilt als knallharter Sanierer. Sein Spitzname: „Drastic Dave“. Mit seinen Sparprogrammen hat er schon den Konsumgüterkonzern Unilever und die Supermarktkette Tesco zurück in die Erfolgsspur gelenkt. Bei Diageo steht er erst am Anfang. Neben Stellenstreichungen sollen Verkäufe frisches Geld in die Kassen spülen. Der Verkauf der East African Breweries an die japanische Brauerei Asahi für 2,3 Milliarden Dollar steht kurz vor dem Abschluss. Das senkt den Schuldenstand.

Aktionäre wetten auf eine erfolgreiche Sanierung – denn an der strukturell sinkenden Nachfrage nach Alkohol kann auch Lewis nichts drehen. Potenzial hat der Massenmarkt aber: Indien etwa gilt, gemessen an der konsumierten Gesamtmenge, als größter Absatzmarkt für Whisky. Dort könnte Diageo mit günstigeren Produkten wachsen. Die Aktie scheint ihr Tief Mitte März gefunden zu haben, der Trend zeigt nach oben. Das Papier ist moderat bewertet und bringt Anlegern eine ordentliche Dividendenrendite.

Medtronic: Kerngesund

Hohe Herstellungskosten wegen teurer Rohstoffe, finanzielle Belastungen durch Zölle, Unsicherheiten über die Abspaltung des Diabetes-Geschäfts und dann auch noch ein Cyberangriff, bei dem sensible Patientendaten gestohlen wurden: Der amerikanische Medizintechniker Medtronic stand im ersten Halbjahr unter Druck. Dabei sind die Geschäftsaussichten des Konzerns besser, als der schwache Kursverlauf der Aktie vermuten lässt.

Bei Technologien für Herz-Kreislauf-Krankheiten, dem Kerngeschäft von Medtronic mit fast 40 Prozent am Gesamtumsatz, arbeitet der Konzern an der nächsten Generation von Therapien gegen Herzrhythmusstörungen. Die Übernahme des israelischen Diagnostikspezialisten CathWorks zielt auf die Entwicklung neuer Möglichkeiten in der KI-gestützten Frühdiagnostik bei Herzerkrankungen.

In der Sparte Chirurgie läuft der Zulassungsprozess für die Ausweitung des Hugo-Robotersystems für allgemeinchirurgische und gynäkologische Anwendungen. Schonende Eingriffe könnten damit weltweit zugänglicher und effizienter werden.

Im Segment Nervenleiden weitet Medtronic den Einsatz von Neurostimulatoren für Parkinson-Patienten aus. Der kleinere Geschäftsbereich um Technik gegen Diabetes wurde vor Kurzem über einen Börsengang abgespalten. Medtronic konzentriert sich damit auf sein rentableres Geschäft mit professionellen Kunden.

Insgesamt sollte Medtronic kein Problem haben, im laufenden Geschäftsjahr (bis 24. April 2027) den Umsatz um etwa sieben Prozent auf rund 39 Milliarden Dollar zu erhöhen. Wenn dabei wie geplant gut 5,5 Milliarden Dollar Reingewinn blieben, läge die Nettomarge bei 14 Prozent – ein Wert, der die Margen der europäischen Konkurrenten Siemens Healthineers oder Philips deutlich übertrifft. An Aktionäre dürften 2027 insgesamt wieder mehr als vier Milliarden Dollar fließen, über Aktienrückkäufe und eine Dividende, die seit einem halben Jahrhundert kontinuierlich steigt.

Procter & Gamble: Saubere Finanzen

Es könnte alles so schön sein für Procter & Gamble (P&G). Der US-Konzern dominiert mit seinen international bekannten Marken unzählige Branchen, von den Waschmittelprodukten der Marken Ariel und Tide über die Rasierer von Gillette bis hin zu Pampers-Windeln. Vermutlich gibt es nur wenige Menschen auf der Welt, die nicht schon einmal ein Produkt von P&G genutzt haben.

Doch an der Börse ist das alles nicht genug. Mit 149 Dollar notiert die Aktie des Unternehmens aus Ohio aktuell etwa auf dem Niveau von vor fünf Jahren. Gegenüber dem Ende 2024 erreichten Rekordhoch ist das ein Rückgang um 16 Prozent. Das hat einerseits strukturelle Gründe. Wegen überzogener Preiserhöhungen verloren Konsumgüterhersteller jahrelang Kunden an die billigeren Eigenmarken, weshalb Anleger ihre Konsumgüteraktien verkauften. Noch dazu gilt die Branche als defensiv und wenig wachstumsstark; die Aktien konkurrieren somit auch mit Anleihen, die momentan attraktive Renditen bieten. Andererseits hat P&G seit 2024 mehrfach die Analystenerwartungen verfehlt. Gesunken ist der Umsatz seit 2021 auf Jahressicht zwar nie. Das lag aber vor allem an Preiserhöhungen. Bei den verkauften Stückzahlen schwächelte das Unternehmen.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Im ersten Quartal 2026 stieg das Verkaufsvolumen seit mehr als einem Jahr erstmals wieder. Der Umsatz erhöhte sich insgesamt um sieben Prozent, der Gewinn lag fünf Prozent über dem Vorjahresquartal. Finanziell steht P&G überaus solide da. Die Eigenkapitalquote liegt mit mehr als 40 Prozent deutlich über jener der Konkurrenten Unilever und Colgate-Palmolive. Der freie Cashflow steigt wieder, und die liquiden Mittel liegen mittlerweile auf dem Niveau von 2024. Die stetigen Einnahmen erlauben dem Konzern, immer wieder seine Dividende anzuheben, seit mittlerweile 70 Jahren – das ist Rekord. Momentan liegt die Dividendenrendite bei knapp drei Prozent. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt derzeit knapp 22 und liegt damit knapp 15 Prozent unter dem Fünfjahresschnitt.

Ein finanzstarkes Unternehmen also, das die Konsumenten wieder stärker für sich begeistern kann, stete Erträge aufweist und eine attraktive Dividende zahlt, für die es nicht an die Substanz gehen muss. Und trotzdem kommt die Aktie nicht so richtig vom Fleck.

Was es braucht, ist Momentum – und das könnte bald kommen. Zu Jahresbeginn hat sich gezeigt, wie schnell der Wind drehen kann. KI- und Softwaretitel fielen, stattdessen legten defensive Unternehmen zu. Die Aktie von P&G stieg zwischen Januar und Februar um 20 Prozent. Je unsicherer der KI-Boom wird, desto eher rücken die vermeintlich langweiligen Unternehmen wieder in den Anlegerfokus. P&G wäre dann mit seiner Marktstellung ein überaus attraktiver Kandidat für den Turnaround.

Wacker Chemie: Hebel auf Halbleiter

Ob Fliesenkleber oder Computerchip, für beides braucht es Produkte von Wacker Chemie. Besonders das Element Silizium, das etwa 65 Prozent des Umsatzes von Wacker ausmacht, ist in der Elektronik unverzichtbar. Der Chemiekonzern ist nach eigenen Angaben der weltweite Qualitäts- und Marktführer für ultrareines Polysilizium im Halbleiterbereich. Hinzu kommt: Wacker ist das einzige Unternehmen in Europa, das halbleitertaugliches Polysilizium in dieser Qualität herstellt. Wacker ist damit ein indirekter Hebel auf Halbleiter- und Zukunftsindustrien.

Der Konzern mit Sitz in München liefert mehr als 3000 Produkte in über 100 Länder. Rund 16.000 Mitarbeiter beschäftigt Wacker auf rund 27 Standorte verteilt. Diese Breite macht Wacker für Anleger interessant und dämpft Schwankungen.

2025 reichte das jedoch nicht. Wacker rutschte trotz nur moderat sinkender Umsätze tief in die roten Zahlen. Unterm Strich stand ein Rekordverlust von 800 Millionen Euro. Neben schwachen Geschäften lag das an hohen Wertberichtigungen und den Kosten eines Sparprogramms, mit dem der Konzern auf die Krise reagierte. Mit dieser Schwächephase stand der bayrische Konzern nicht alleine da. Die deutsche Chemieindustrie leidet insgesamt unter schwacher Nachfrage, Überkapazitäten und hohen Energiepreisen. Wacker gehört zu den Extremfällen: Nach eigenen Angaben verbraucht der Konzern knapp ein Prozent des gesamten deutschen Stroms.

Doch langsam zeigt sich neues Potenzial. Der Hebel für eine Kehrtwende heißt PACE. Mit diesem Programm will Wacker die Kosten in Produktion und Verwaltung dauerhaft um mehr als 300 Millionen Euro pro Jahr senken. Das schließt den Abbau von über 1500 Stellen weltweit ein, der Großteil davon in Deutschland. Das ist sozialpolitisch heikel, betriebswirtschaftlich aber die notwendige Antwort auf ein Umfeld, in dem sich Märkte „grundlegend verschieben“, wie Vorstandschef Christian Hartel sagt. Für Anleger zählt: PACE liegt nach Unternehmensangaben im Plan, erste Einsparungen wirken.

Auch operativ deutet sich Stabilisierung an. Für 2026 erwartet Wacker ein Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Im ersten Quartal lag das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) bei geschätzten 173 Millionen Euro. Damit übertraf Wacker die eigene Prognose von 140 bis 160 Millionen Euro. Der Konzern betont allerdings: Eine echte Trendwende im Markt sei noch nicht zu erkennen. Finanziellen Spielraum verschafft sich Wacker zusätzlich: Mit dem Verkauf von 2,1 Millionen Siltronic-Aktien flossen brutto rund 188 Millionen Euro in die Kasse. Größter Anteilseigner bleibt Wacker trotzdem.

Die Wacker-Aktie hat in den vergangenen Jahren ein Auf und Ab hingelegt. Derzeit notiert sie bei rund 96 Euro. Vor wenigen Wochen kletterte sie kurz über die 100-Euro-Marke, gab danach aber wieder nach. Eine Dividende zahlte Wacker zuletzt nicht.

Greifen die Kostensenkungen, stabilisieren sich Auslastung und Preise und gewinnt das Polysiliziumgeschäft für Halbleiter wieder an Schwung, kann es wieder nachhaltig bergaufgehen. Der Münchner Konzern investiert derzeit massiv in den Ausbau des rentableren Halbleiter- und KI-Chip-Segments. Das Ziel: den Umsatz mit Kunden aus der Halbleiterindustrie bis zum Jahr 2030 im Vergleich zu 2024 zu verdoppeln.

Die Risiken bleiben allerdings: Energiepreise, geopolitische Schocks und die zähe Chemiekonjunktur lassen sich nicht wegoptimieren. Wackers Chance liegt darin, an den Stellschrauben zu drehen, die der Konzern selbst kontrolliert.