Fußballer als Kunstsammler: Warum sie Pop-Art am liebsten mögen
Was verbindet die Welt der Kunst mit der Welt des Fußballs? Nun, einiges: Da ist schon mal das mittlerweile etwas abgestanden klingende Wort „Ballkünstler“, mit dem besonders virtuose Fußballspieler von Sportkommentatoren bedacht werden – und wenn man sich einmal die aktuellen Bewegungsdiagramme der Dribblings, Pässe und Torschüsse von Upamecano, Olise und Mbappé anschaut, dann sieht das schon sehr nach einem ziemlich guten Action Painting aus.

Viele Künstler lieben Fußball: Zu den schönsten Werken der französischen Nachkriegsmoderne gehören die Fußballgemälde von Nicolas de Staël. Der trat nach einem Spiel zwischen Frankreich und Schweden in Paris im März 1952 an die Leinwand und malte ungeheuer schöne halb abstrakte Bilder, die die Bewegungen der Spieler zeigen: Das Durcheinander der Waden, die Turbulenz des Dribbelns, das Weltumdrehende des Fallrückziehers – kurz, sie zeigen keine Spieler, sondern das Wesen des Spiels selbst.

Weniger bekannt ist die umgekehrte Liebe: die der Fußballer zur Gegenwartskunst. Das Klischee des bürgerlichen Establishments sieht im Fußballer jemanden, der sich durch körperliches Training hochgearbeitet hat, vor einem Millionenpublikum auftritt und seine Erfolge in Dubai mit vergoldeten Steaks oder mit röhrenden mattschwarzen Lamborghinis zelebriert, dem aber die neuesten ästhetischen Wendungen der Gegenwartskunst-Avantgarden und ihr geheimbündlerischer Acquired Taste verschlossen bleiben müssen.
Doch dann sah man vor gut zehn Jahren Michael Ballack erst auf der Art Cologne und dann auf der Art Basel Miami, im Gespräch mit dem zehn Jahre jüngeren Galeristen Vito Schnabel, am Stand der Galerien Gagosian und Sprüth Magers und schließlich beim Kauf einer Skulptur von Frank Stella. Unter den begeisterten Sammlern der britischen Neunzigerjahrekunst von Sam Taylor-Wood bis Tracey Emin findet sich auch David Beckham. Der ließ sich außerdem bei Damien Hirst eine herzförmige Leinwand mit den typischen Schmetterlingen verzieren und sich selbst von Jeff Koons als Statue verewigen. Kunst dient hier, wie schon vor Jahrhunderten, dazu, den Dargestellten unsterblich zu machen, die Sammlung schafft ein schmeichelhaftes Selbstporträt des Sammlers, bei dem die einzelnen Werke sich wie Mosaiksteine zu dessen Idealbild zusammensetzen.

Auch Sergio Ramos, der berühmte Innenverteidiger bei Real Madrid und dann Paris St. Germain, ist als Kunstsammler aufgefallen, er mag die tribalistische Street-Art-Ästhetik des Künstlers Phil Frost. Was schätzen die, die Millionen von Menschen im Stadion unterhalten, an denen, die in vergleichsweise kleinen Galerien auftreten und manchmal nur einer Handvoll Sammler und Kuratoren bekannt sind?
Einer der bedeutendsten Kunstsammler unter den großen Fußballern ist einer, der auf dem Feld nicht gerade als Feingeist auftrat – wie etwa der bei einem Zusammenprall arg lädierte französische Spieler Patrick Battiston erfahren musste. Harald „Toni“ Schumacher, einst Torwart des 1. FC Köln und Nationalkeeper, sammelte Anfang der Achtziger schon Warhol und andere Pop-Art-Vertreter, später kam Aborigines-Kunst dazu. 1983 wurde Schumacher im Auftrag des 1. FC Köln von Andy Warhol porträtiert, wofür der 50.000 Mark bekam. Wie immer arbeitete Warhol auf Basis eines Polaroid-Fotos, so auch bei seinem Beckenbauer-Porträt von 1977.

Warhol stellte Schumacher mit Schnurrbart und Lockenhaufen-Mähne etwas entfärbt, wie aus der Zeit ins Schwarz-Weiß-Sepiazeitalter gefallen, vor knallblauem Hintergrund dar. Das Kinn hat Schumacher auf die Hand gestützt, was einerseits an Rodins Denker erinnert, andererseits die stets schlag- und abwehrbereiten, im Laufe seiner Karriere vielfach gebrochenen Torwarthände in den Vordergrund rückt.
Vielleicht finden beide Welten, die elitäre der Kunst und die populäre des Fußballs, nirgendwo so gut zusammen wie in der Pop-Art, dem Spiel mit der Ästhetik der Massen. Der Rausch der Menge und Erfolgsformeln, die Millionen begeistern – das suchen Fußballer in der Galerie offenbar ebenso wie im Stadion. Deswegen sammeln sie am liebsten Pop-Art.
„Meine Spielerkollegen gaben ihr Geld für große Autos aus, ich bin auf Pop-Art abgefahren“, sagte Schumacher einmal dem „Spiegel“. Womöglich aber sind selbst diese Autos mehr als nur Statussymbole, nämlich Bindeglieder zwischen der Welt des Sports und der Ästhetik: Sie sind zugleich Hochleistungsgeräte und Skulpturen auf Rädern, also Sport und Kunst in einem. Und deshalb so populär, kurz: Pop.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.