Fed-Chef Kevin Warsh verändert die Spielregeln der Wall Street

Die Federal Reserve verändert unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh ihre Kommunikation grundlegend. Weniger Forward Guidance, mehr Zurückhaltung – so lautet der neue Kurs des Fed-Chefs. Doch genau diese Neuausrichtung stößt an der Wall Street auf Kritik. Denn Investoren wollen heute weniger wissen, wann die Fed die Zinsen verändert, sondern vor allem, nach welchen Regeln sie auf Inflation, Konjunktur und neue Wirtschaftsdaten reagiert.
Fed-Kommunikation im Wandel
Wie Bloomberg berichtet, macht Kevin Warsh seit seinem Amtsantritt deutlich, dass er sich von der bisherigen Kommunikationsstrategie der Fed lösen möchte. Auf seiner ersten Pressekonferenz wich er mehrfach Fragen zum künftigen Zinspfad aus und betonte, er wolle keine Forward Guidance geben. Dahinter steckt die Sorge, die Notenbank könnte sich mit zu konkreten Aussagen selbst festlegen und später an Glaubwürdigkeit verlieren.
Ganz neu ist diese Debatte nicht. Nach der Finanzkrise 2008 und während der Corona-Pandemie nutzte die Fed die Forward Guidance gezielt, um den Märkten Orientierung über den weiteren Zinskurs zu geben. Viele Notenbanker sehen darin inzwischen jedoch auch Nachteile. Ändert sich das wirtschaftliche Umfeld schneller als erwartet, kann eine zu konkrete Kommunikation die Handlungsfreiheit der Zentralbank einschränken.
Genau hier setzt auch die Kritik der Wall Street an Fed-Chef Warsh an. Nicht weil er weniger spricht – sondern weil viele Anleger seine geldpolitische Denkweise bislang nicht erkennen können.

Darum fordert die Wall Street Klarheit
Besonders deutlich wurde Fed-Gouverneur Christopher Waller, der vergangene Woche in Rom einen entscheidenden Unterschied herausarbeitete. Forward Guidance bedeute, den Märkten einen wahrscheinlichen Zinspfad aufzuzeigen. Mindestens genauso wichtig sei jedoch die sogenannte „Reaction Function“ – also die Frage, wie die Fed unter unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen reagieren würde. Genau diese Kommunikation reduziere Unsicherheit an den Finanzmärkten und für private Haushalte, erklärte Waller.
Auch Bloomberg Economics bringt den Unterschied auf den Punkt: Während die Forward Guidance den erwarteten Weg der Geldpolitik beschreibt, erklärt die Reaktionsfunktion, wie die Fed auf unerwartete Entwicklungen reagieren würde – ohne sich bereits auf einen konkreten Zinspfad festzulegen.
Für viele Marktteilnehmer liegt genau hier das Problem. Die Wall Street fordert von der Fed heute keine festen Zusagen über den nächsten Zinsschritt. Sie möchte verstehen, nach welchen Regeln Warsh und seine Kollegen künftig entscheiden. Denn nur dann lassen sich eigene Erwartungen für Inflation, Wachstum und Zinsen sinnvoll ableiten.
Inflation rückt noch stärker in den Fokus
Welche Bedeutung diese Debatte hat, zeigt sich bereits am Dienstag. Dann veröffentlicht das US-Arbeitsministerium die Verbraucherpreisdaten für Juni. Am Markt wird ein Anstieg der Gesamtinflation von 3,8 Prozent im Jahresvergleich erwartet, nachdem sie im Mai noch bei 4,2 Prozent gelegen hatte. Für die Kerninflation rechnen Analysten mit 2,9 Prozent und damit einer unveränderten Entwicklung.
Die Daten sind deshalb so wichtig, weil sie künftig noch stärker als bisher Rückschlüsse auf die mögliche Reaktion der Fed zulassen könnten. Fällt die Inflation höher oder niedriger aus als erwartet, dürften Anleger ihre Zinserwartungen unmittelbar anpassen. Das gilt umso mehr, wenn die Notenbank selbst weniger Orientierung gibt.
Besonders aufmerksam verfolgen Investoren deshalb die Entwicklung der zweijährigen US-Staatsanleihen. Sie gelten als der sensibelste Gradmesser für die kurzfristigen Erwartungen an die Geldpolitik. Zuletzt sind ihre Renditen wieder auf 4,22 % gestiegen – nicht zuletzt, weil die Ölpreise infolge der neuen Iran-Eskalation angezogen haben und damit die Sorge vor erneutem Inflationsdruck wächst. Gleichzeitig signalisiert das FedWatch-Tool der CME weiterhin eine Wahrscheinlichkeit von über 50 Prozent für eine Zinserhöhung im Herbst.
Neue Spielregeln für die Märkte
Diese Entwicklung dürfte auch für andere Anlageklassen entscheidend bleiben. Höhere kurzfristige Renditen und steigende Realzinsen belasten tendenziell den Goldpreis, während geopolitische Risiken den sicheren Hafen gleichzeitig stützen können. Auch Aktien und der US-Dollar reagieren zunehmend auf neue Konjunktur- und Inflationsdaten, weil jeder einzelne Datenpunkt Hinweise darauf liefert, wie die Fed künftig handeln könnte.
Kevin Warsh verändert derzeit weniger die Geldpolitik als die Art, wie die Finanzmärkte sie interpretieren. Weniger Forward Guidance bedeutet nicht automatisch mehr Unsicherheit – vorausgesetzt, die Fed macht ihre Reaktionsfunktion nachvollziehbar. Genau daran entzündet sich derzeit die Kritik der Wall Street. Solange diese Orientierung fehlt, werden Anleger jede neue Inflationszahl, jeden Arbeitsmarktbericht und jede Bewegung der zweijährigen US-Renditen noch genauer analysieren. Denn künftig dürfte weniger der nächste Zinsschritt entscheidend sein als die Frage, wie die Fed auf neue Wirtschaftsdaten reagiert.
FMW/Bloomberg

Über den RedakteurStefan Jäger
Finanzjournalist und Trader
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken