Explosion in Leontica: Polizei geht von gezielter Falle gegen Einsatzkräfte aus

Explosion im Tessin: Polizei vermutet Sprengsatzfalle für die Einsatzkräfte

Bei einem Einsatz der Sondereinheit in Leontica wurden drei Polizisten verletzt. Die Tessiner Kantonspolizei nimmt an, dass der mutmassliche Täter es auf das Sonderkommando der Polizei abgesehen hatte.

Peter Jankovsky, Bellinzona14.07.2026, 18.05 Uhr

3 Leseminuten

Aktualisiert


Eine Luftaufnahme zeigt das Ausmass der Zerstörung an dem Wohnhaus im historischen Dorfkern von Leontica nach der Explosion.

Eine Luftaufnahme zeigt das Ausmass der Zerstörung an dem Wohnhaus im historischen Dorfkern von Leontica nach der Explosion.

Tessiner Kantonspolizei via Keystone

Vor dem Spital der Leventiner Gemeinde Faido wird am Abend des 9. Juli eine 56-jährige Frau mit einer schweren Kopfverletzung aufgefunden. Wenig später erliegt sie ihren Verletzungen. Dank Videoüberwachung und Aussagen des Spitalpersonals kann die Polizei den mutmasslichen Täter identifizieren: Es handelt sich um den 59-jährigen Ex-Mann des Opfers aus dem Dorf Leontica im Bleniotal.

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Doch zur Festnahme des Mannes kommt es nie, stattdessen stirbt er einen Tag später bei der Explosion seines Wohnhauses in Leontica. Die Polizei findet im zerstörten Haus Sprengstoff.

In den Tagen vor der Tat hatte sich der Mann laut Zeugen auffällig verhalten. Er deutete gegenüber Dorfbewohnern an, krank zu sein und vor seinem Tod noch Angelegenheiten regeln zu müssen.

Sind die Taten vorsätzlich erfolgt, und stimmt die Geschichte mit der Krankheit? An der Medienkonferenz vom Montag antworten Offiziere der Kantonspolizei mit einer erschreckenden Vermutung: Man gehe davon aus, dass der explodierte Sprengsatz gegen die Polizei gerichtet gewesen sei. Denn ausser den Beamten habe sich niemand in der Nähe des Hauses aufgehalten, präzisiert der Polizeihauptmann Andrea Cucchiaro gegenüber Ticinonews. Alle weiteren Aspekte müssten noch abgeklärt werden.

Schüsse im Wohnhaus

So wie die Kantonspolizei die Ereignisse nachzeichnet, mutet das Ganze wie aus einem Film an. Noch am Donnerstagabend befragen die Beamten den Sohn und die Schwester des Täters sowie ein Dutzend weitere Personen, unter ihnen eine ehemalige Lebensgefährtin des 59-Jährigen. Gleichzeitig errichtet die Polizei Strassensperren, bezieht in Leontica Stellung und beobachtet das Wohnhaus des Mannes.

Laut der Tessiner Kantonspolizei wurden in den Trümmern menschliche Überreste gefunden, die mutmasslich dem gesuchten Tatverdächtigen des Gewaltverbrechens in Faido vom 9. Juli zugeordnet werden konnten.

Laut der Tessiner Kantonspolizei wurden in den Trümmern menschliche Überreste gefunden, die mutmasslich dem gesuchten Tatverdächtigen des Gewaltverbrechens in Faido vom 9. Juli zugeordnet werden konnten.

Francesca Agosta / Ti-Press / Keystone

Am Freitagnachmittag entdeckt sie sein Auto, 200 Meter vom Haus entfernt. Daraufhin schickt sie Suchtrupps mit Hunden los. Am frühen Abend geht schliesslich aus der Bevölkerung der Hinweis ein, im Nachbarhaus seien drei Schüsse gefallen. Wollte der Gesuchte damit die Polizei zuerst täuschen und dann anlocken? Das Nachbarhaus gehört laut dem Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) dem Bruder des 59-Jährigen.

Daraufhin tritt das Sonderkommando in Aktion. Fünf Polizisten dringen ins Haus ein, hören ein dreifaches metallisches Klicken wie von einer Bombe – und es erfolgt eine Explosion. Sie ist so heftig, dass zwei Beamte aus dem Haus geschleudert werden, ein dritter von Trümmern verschüttet wird und zwei weitere in einem Zimmer eingeschlossen bleiben. Drei Polizisten werden verletzt. Später entdeckt man in den Trümmern die verstümmelte Leiche des Mannes sowie mehrere intakte Sprengsätze.

Keine Hinweise auf Gefährdung

Zwei Kilogramm Sprengstoff werden in den Überresten des Hauses gefunden. Damit stellt sich die Frage, wie der Täter überhaupt an so viel explosives Material gelangen konnte. Der Polizei war der 59-Jährige bisher nur als Besitzer amtlich gemeldeter Schusswaffen bekannt. Zudem soll er früher durch kleinere, harmlose Delikte aufgefallen sein.

Die Polizei findet in den Überresten des Hauses in Leontica zwei Kilogramm Sprengstoff.

Die Polizei findet in den Überresten des Hauses in Leontica zwei Kilogramm Sprengstoff.

Francesca Agosta / Ti-Press / Keystone

Warum hat die Polizei die Bevölkerung von Leontica nach der Tötung in Faido nicht gewarnt? Das wird ihr laut RSI von verschiedener Seite vorgeworfen. Man habe keine Panik verbreiten wollen, so die Antwort. Stattdessen habe man sich auf Menschen im persönlichen Umfeld des Täters konzentriert. Denn es habe keine konkreten Hinweise gegeben, dass der Mann eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstelle.

Die Tötung der 56-jährigen Frau in Faido erweist sich als dritter Tessiner Femizid innerhalb von anderthalb Jahren. Gemäss RSI wurden Anfang 2025 im Grossraum Bellinzona zwei Frauen im Abstand weniger Wochen vom eigenen Sohn beziehungsweise vom Ehemann getötet. Für den vierten Fall muss man bis ins Jahr 2016 zurückgehen: Damals verlor in Stabio eine Frau durch die Hand ihres Partners das Leben.