Marcel Pilet-Golaz war der umstrittenste Bundesrat im Zweiten Weltkrieg: Wer war er wirklich?
Er war im Zweiten Weltkrieg der umstrittenste Bundesrat: Doch wer war Marcel Pilet-Golaz wirklich?
Zwischen Anpassung und kühler Staatsräson: Eine biografische Trilogie von Hanspeter Born deutet Pilets Aussenpolitik nicht als Kapitulation vor dem Nationalsozialismus, sondern als Strategie der «strikten Neutralität».
Thomas Zaugg25.07.2026, 05.30 Uhr
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Nicht der «stolze Adler» der machtpolitischen Entschlossenheit, sondern die «getreue Brieftaube» sei die Rolle der Schweiz: Marcel Pilet-Golaz, Aufnahme aus dem Jahr 1949.
Ullstein / Getty
Seiner undankbaren Rolle war sich Marcel Pilet-Golaz früh bewusst. Der Waadtländer Bundesrat lebte damit nicht erst seit dem Kriegssommer 1940, sondern seit seinem heftigen Streit mit Eisenbahn- und Postgewerkschaftern in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Doch war es oft Pilet selbst, der mit Sarkasmus und intellektueller Herablassung die Kritik herausforderte. 1940 übernahm der Freisinnige nach dem Tod Giuseppe Mottas das Aussendepartement und sprach im Juni nach der Niederlage Frankreichs in einer Radiorede von einer neuen Zeit jenseits des «alten Menschen». Wenig später, im September 1940, empfing er führende Vertreter der rechtsextremistischen Nationalen Bewegung der Schweiz.
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Diese Audienz mitten in einer bedrohlichen aussenpolitischen Druckphase fand zwar das Wohlwollen des Bundesrats und der Bundesanwaltschaft wie auch führender Wirtschaftskreise. Pilet zeigte aber auch hier seinen Hang, weiter zu gehen, als nötig schien. Das Schweizervolk sei wie ein schwerkranker Patient, der allmählich gesund werde, soll er wenige Tage später einem Schweizer Nazi in einem Privatgespräch gesagt haben.
Als Pilet 1944 zurücktrat, nahm er Akten mit nach Hause, um eine Rechtfertigungsschrift zu verfassen. Seine Memoiren würden, schrieb er einem befreundeten Journalisten, Schaden stiften und für Beunruhigung sorgen. Andere Schweizer Entscheidungsträger waren aus Pilets Sicht sehr viel mehr kompromittiert durch die Kriegsjahre unter nationalsozialistischer und faschistischer Hegemonie. Veröffentlicht hat Pilet seine Memoiren jedoch nie. Er starb 1958 in Paris und galt in der Aktivdienstgeneration als «Anpasser».
Pilets viele Gesichter
Der Journalist Hanspeter Born beleuchtet Pilets Wirken in einer jüngst abgeschlossenen Trilogie. Ein Koffer aus Familienbesitz mit Dokumenten Pilets diente dem Autor unter anderem als wichtige Quelle. Die Trilogie umfasst Leben und Werk von der Jugend als Mitglied der Studentenverbindung Belles-Lettres an der Universität Lausanne über die Wahl in den Bundesrat Ende 1928 bis zum Rücktritt 1944. Dabei nimmt Born Partei für den Romand und gibt leider keine Referenzen für die vielen Zitate an, was den geschichtswissenschaftlichen Wert stark beeinträchtigt. Die Bücher sind kenntnisreich entlang von Anekdoten aufgebaut, mitunter charmant, im angelsächsischen Erzählstil gehalten.
Der essayistische Ansatz passt zum komplexen Phänomen. Der Historiker Daniel Bourgeois beschrieb Pilet-Golaz einmal als Mann der vielen Gesichter. Deren vier soll Pilet im Umgang mit Vertretern des NS-Regimes gezeigt haben. Es gab den Pilet-Golaz des Anpassertums, der im Jahr 1940 höchstwahrscheinlich mit einem deutschen Endsieg rechnete. Spätestens ab 1941 gab es aber auch einen Pilet-Golaz, der dem deutschen Gesandten in Bern, Otto Köcher, Grenzen aufzeigte. So forderte er ihn etwa auf, die nationalsozialistische Infiltrationstätigkeit in der Schweiz zu unterbinden. Deutschland werde den Frieden nicht gewinnen, sagte Pilet im Herbst 1942 zu Köcher, weil es in den besetzten Ländern zu viel Hass auf sich gezogen habe. Das hiess im diplomatischen Jargon, dass Deutschland den Krieg verloren hatte.
Die Geschichtsschreibung zögerte, die Widersprüche zu einem Persönlichkeitsbild zusammenzufassen. Einzig der Zürcher Universitätsprofessor Erwin Bucher setzte 1991 mit seiner vieldiskutierten Studie «Zwischen Bundesrat und General» zu einem Erklärungsversuch an. Laut ihr verstand der Aussenminister als einer der wenigen Verantwortlichen, dass zur politischen Unabhängigkeit der Schweiz nicht primär bewaffnete Gegenwehr, sondern eine gewisse Konzessionsbereitschaft vonnöten sei. Denn nicht ein militärischer Angriff, sondern wirtschaftlicher Druck, etwa in Form von ausbleibenden Rohstofflieferungen, war laut Pilet die grösste Gefahr für die von den Achsenmächten eingeschlossene Schweiz.
Füchsische Politik?
Hat sich Pilet-Golaz mit lauteren Motiven zu einer Taktik des Hinhaltens entschieden? Auf dieser Linie argumentiert Born. Bereits der NZZ-Chefredaktor der Kriegsjahre, Willy Bretscher, hatte 1968 von der «füchsischen Politik» Pilets gesprochen: Der Aussenminister habe gesagt, wenn er schon kein Löwe sein könne, dann wolle er wenigstens als Fuchs agieren. Dennoch wurde diese Deutung bislang kaum weiterverfolgt.
Born greift aber nicht nur die alte Debatte rund um den Krisensommer 1940 auf. Überraschenderweise liegt auf dem weniger bekannten Pilet der Jahre 1941 bis 1944 ein Schwerpunkt. Neben vielen Rundumblicken auf globale Kriegsschauplätze trägt eine unausgesprochene These die beiden Hauptbände, «Staatsmann im Sturm» über das Jahr 1940 und «Diplomat auf Drahtseil» bis 1944. Die These verdichtet sich in einer Parlamentsrede vom 11. Juni 1942, in der Pilet-Golaz sein Verständnis der «strikten Neutralität» erläuterte. Gegen den Vorwurf der Kleinmütigkeit stellte er das Bild einer unspektakulären, auf Wirkung statt auf Glanz ausgerichteten Politik. Nicht der «stolze Adler» der machtpolitischen Entschlossenheit, sondern die «getreue Brieftaube» sei die Rolle der Schweiz.
Neutralität erscheint in dieser Perspektive weder als Enthaltung noch als Opportunismus, sondern als Pflicht zur Hilfeleistung, zur Vermittlung und zur Bewahrung minimaler zivilisatorischer Standards im Krieg. In der Kinderhilfe, in der Tätigkeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und in der Übernahme von Schutzmachtmandaten erkannte Pilet jene Felder, auf denen der Kleinstaat im Weltensturm noch wirksam handeln konnte. Der Aussenminister sprach von dem «Opfer, sich selbst zu vergessen, um an andere zu denken», und meinte damit womöglich auch sein eigenes ramponiertes Image.
Kein Platz in der Heldengalerie
Born macht sich diese Selbstdeutung zu eigen und geht damit sehr weit. Denn zwei Monate nach der zitierten Rede vom 11. Juni 1942 schloss der Bundesrat die Grenzen für jüdische Flüchtlinge. Gemäss neuerer Forschung wirkte Pilets Departement mit seiner aussenpolitischen Vorsicht in der Flüchtlingsfrage besonders auf Restriktionen hin. Das Scheitern von Pilets humanitärer Neutralitätsstrategie müsste gewiss eingehender ergründet werden.
Hingegen arbeitet Born klar heraus, dass die beiden Antipoden aus dem Waadtland, General Henri Guisan und Aussenminister Pilet-Golaz, mit ungleichen Ellen gemessen wurden. Als Guisan 1940 die Vorzensur der Presse forderte und eine diplomatische Entsendung nach NS-Deutschland als Gebot der Stunde unterstützte, stand Pilet-Golaz derartigen Massnahmen und Missionen eher skeptisch gegenüber. Und nachdem Pilet seit dem Empfang der Frontisten im September 1940 vorsichtiger vorgegangen war, wagte Guisan 1943 mit SS-General Walter Schellenberg zwei Geheimtreffen, die dem Ansehen des Oberbefehlshabers der schweizerischen Armee jedoch nicht geschadet haben.

Anpassung und Widerstand: die beiden Antipoden aus dem Waadtland, General Henri Guisan und Aussenminister Pilet-Golaz im Jahr 1940.
Photopress / Keystone
Gegen Ende von Borns Trilogie erkennt man, dass die Abneigung gegen Marcel Pilet-Golaz ein schweizerisches Oberflächenphänomen ist. Direktbeteiligte der Geschichte haben Pilet jedenfalls zuletzt nicht mehr zu den Anpassern gezählt. Anerkennung und Respekt gegenüber dem demissionierenden Pilet sprachen im Jahr 1944 für sich, von weniger bescholtenen Bundesratskollegen wie Walther Stampfli bis hin zu einst argwöhnischen Parlamentariern, die Pilets Bauernopfer dankbar entgegennahmen. Der Romand schickte sich in seine Rolle. Er wusste wohl, dass er als Fuchs nicht in die Heldengalerie des Zweiten Weltkriegs gehörte.
Macht der Verdrängung
Obwohl manches unnötig pointiert daherkommen mag, sollten Würfe wie derjenige von Hanspeter Born die Geschichtsschreibung dennoch wachrufen. Denn die Quellen zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg sind noch längst nicht ausgeforscht. Es erstaunt insbesondere, wie die Personenbilder noch immer einseitig von der Erinnerungspolitik der unmittelbaren Nachkriegsjahre gezeichnet sind.
Erst spät realisierte ein prominenter Dokumentarist der Aktivdienstgeneration, der Publizist Werner Rings, dass er im Manichäismus zwischen widerstandsbereitem General und anpasserischem Pilet-Golaz zu weit gegangen war. 1985, nach dem Studium neuer Akten zu Pilet-Golaz, meinte Rings, «dass er erstaunlich oft und viel Widerstand geleistet hat in den Verhandlungen mit Deutschland, viel mehr, als ich es je vermutet hätte».
Eine ungeschönte Sicht auf die entscheidenden Akteure in der eidgenössischen Politik der Kriegsjahre wäre höchst aufschlussreich. Die Konflikte zwischen den Departementen in Bundesbern, den militärischen und zivilen Spitzen wie auch den Gesandtschaften und Geheimdiensten müssten weiter untersucht werden. Dass aus den innenpolitischen Wirren kein Zusammenbruch resultierte, hat bereits Herbert Lüthy fasziniert. Der Historiker und Zeitzeuge bezeichnete das Jahr 1940 am Schweizer Beispiel als «die Geschichte eines möglichen Zusammenbruchs, der nicht eintrat». Die Schweiz hatte sich am Ende durchgerungen, weder aus absolutem Widerstandswillen noch aus reiner Anpassungspolitik. Womöglich handelte es sich um einen Zufall der Geschichte, den zu rationalisieren uns bis heute umtreibt und unbedingt umtreiben sollte.
Hanspeter Born: Politiker wider Willen. Pilet-Golaz, Schöngeist und Pflichtmensch. Münster-Verlag, Basel 2020. Fr. 31.90. – Hanspeter Born: Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster-Verlag, Basel 2020. Fr. 31.90. – Hanspeter Born: Diplomat auf Drahtseil. Bundesrat Marcel Pilet-Golaz und die schweizerische Aussenpolitik in den Kriegsjahren 1941–1944. Edition Königstuhl, St. Gallenkappel 2025. Fr. 31.90.
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