CSD-Anschlag: „Nach 22 Uhr wurde es dunkel“ – Chronologie eines Attentates
Eine pinkfarbene 32 und ein pinkfarbener Kreis über dem „S3“ markieren den Anfang der dunklen Stunden Berlins. Es ist ein kleines Schlupfloch, ein Sicherheitsleck, eine Lücke. Während größere Zugänge zum Berliner Tiergarten, der Grünfläche inmitten der Stadt, verpollert oder mit Hamburger Gittern abgesperrt waren, war dieser Zugang ungeschützt. Auch weil der Tiergarten nicht zur Veranstaltungsfläche des Christopher Street Days gehörte. Die Lücke befindet sich zwischen Lennéstraße und Ebertstraße. Der Weg ist so breit, dass gerade ein größeres Auto hineinfahren kann.
Gegen 22 Uhr soll der mutmaßliche Täter Abdul Ballout mit einem weißen Citroën-Transporter an dieser Stelle eingefahren sein, und ist offenbar mehrere Hundert Meter durch die Grünfläche gefahren. Nach Informationen unserer Zeitung mit hoher Geschwindigkeit. Der Weg, den die Ermittler rekonstruiert haben, zeigt Stellen, an denen Abdul Ballout vom Ahornsteig abgekommen ist und möglicherweise bewusst über das Gras fuhr, um Menschen zu verletzen. Er tuschierte Bäume. Mehrere pinkfarbene Kreise und Nummern zeichnen den Weg bis zu einem Baum, an dem der Wagen frontal aufgeprallt ist.
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Anschlag auf dem CSD: Täter soll Machete gehabt haben
Beide Airbags wurden dabei ausgelöst. Anschließend soll der mutmaßliche Täter ausgestiegen und mit einer Machete auf Passanten losgegangen sein, ehe er vom Tatort flüchtete. Die Polizei geht nach jetzigem Stand von einem oder mehreren Tätern aus. Auch Mittäter könnten vom Tatort geflohen sein. „Alles, was wir sehen, deutet darauf hin, dass wir es mit einem islamistischen Terroranschlag zu tun haben“, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Sonntag am Tatort. „Wir stehen fassungslos und tief erschüttert vor diesem schrecklichen Anschlag. Unsere Gedanken, unsere Trauer, unsere Gebete sind bei den Opfern, bei den Angehörigen.“
Dobrindt beschrieb die ersten Minuten nach dem Anschlag. „Es bot sich ein schreckliches Bild, das Fahrzeug hat mehrere Verletzte zurückgelassen, die von anderen Passanten sofort unterstützt wurden.“ Kurz darauf seien Einsatzkräfte eingetroffen. „Unmittelbar danach sind Polizeikräfte eingetroffen, Bundespolizisten, die Reiterstaffel. Sie haben auch Erste-Hilfe-Maßnahmen übernommen.“ Die Rettung und Versorgung der Verletzten habe für die Einsatzkräfte zunächst im Mittelpunkt gestanden, so der Innenminister.
Um 23 Uhr hatte die Polizei das Gebiet weiträumig abgesperrt
Besucher des Christopher Street Days, die sich in der Nacht in der Nähe des Tatorts befanden, berichteten davon, dass am Rande plötzlich vermehrt Einsatzkräfte der Polizei auftauchten. Währenddessen hatte der Veranstalter die Großveranstaltung beendet und die Menschen in Richtung Brandenburger Tor geschickt. Nach 23 Uhr hatte die Polizei das Gebiet bereits weiträumig abgesperrt. Mehr als 150 Kräfte der Feuerwehr versorgten die Verletzten und jene, die nach dem Anschlag unter Schock standen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) besuchte den Tatort noch in der Nacht. „Wir werden uns unsere Art und Weise des Lebens und Zusammenlebens nicht nehmen lassen“, sagte Wegner.
Währenddessen durchkämmten Einsatzkräfte den Tiergarten, um nach Beweisen oder den Tätern zu suchen. Auch ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera war im Einsatz. Polizeisprecher Florian Nath sagte in der Nacht, der Tiergarten sei „menschenleer“. Noch in der Nacht durchsuchten Polizeikräfte die Meldeadresse von Abdul Ballout, die sich rund einen Kilometer entfernt vom Tiergarten befindet. Schwer bewaffnete Polizisten waren am Eingang des Wohnhauses zu sehen. Mit „Hochdruck“ suche die Polizei den oder die Täter, hieß es vonseiten der Sicherheitsbehörde.
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Am Morgen nach der Tat zeugten zahlreiche Polizisten an Bahnhöfen und auf den Straßen von der Nacht. Auch der Tatort rund um den Tiergarten war noch abgesperrt. Das weiße Fahrzeug stand noch unverändert an dem Baum, während Polizisten mit Spürhunden den Tiergarten nach Hinweisen absuchten.
Trauernde legen Blumen entlang der Tatortstrecke ab
Entlang der Tatortstrecke haben am Sonntag Menschen Blumen abgelegt, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Viele waren fassungslos. Zu jenen Menschen, die ihr Beileid ausdrückten, gehörte auch Alexandra aus Berlin. Sie legte eine Rose ab und besuchte den CSD am Samstag selbst. „Zwanzig Stunden haben wir mit Hunderttausenden gefeiert. Das war wunderschön“, sagte sie. Umso trauriger sei es, nun aus einem solchen Anlass hier zu stehen. Sie wünsche sich, dass „die Politik endlich die Brisanz erkennt und Konsequenzen zieht“.
Die Fahndung nach Abdul Ballout endete am Sonntagabend offensichtlich mit seinem Tod. Gegen 18 Uhr konnte er in einer Kleingartenanlage in Spandau lokalisiert werden. Dort soll ihn ein Spezialeinsatzkommando (SEK) erschossen haben, nachdem er mit einer Stichwaffe auf die Beamten zugelaufen sein soll.
Dobrindt zufolge wurden am Sonntag Flughäfen, Grenzübergänge und Bahnhöfe streng überwacht. Es seien mehrere Personen im Zusammenhang mit der Tat befragt worden. Zudem befinden sich auch Personen in Gewahrsam. „Aber es steht noch nicht fest, ob das Leute mit einem Tatverdachtsgrad sind“, so Nath weiter. „Wir haben immer noch die Ermittlungshypothese, dass es einen zweiten Tatverdächtigen gibt. Aber wir müssen das gerichtsfest beweisen.“
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Polizei-Sprecher berichtet von schwieriger Puzzlearbeit
Den Personen, die sich in Gewahrsam befinden, müsse die Polizei nun konkrete Verdachtsmomente nachweisen. Können die Ermittler das nicht, müssen sie die Personen nach 48 Stunden entlassen. So sieht es die Strafprozessordnung vor. Nath spricht von einer schwierigen Puzzlearbeit. Inzwischen fahndet die Polizei öffentlich. Am Morgen gab sie ein Foto des Tatverdächtigen heraus. Inzwischen wird bundesweit nach ihm gefahndet, auch Europol unterstützt die Ermittlungen.

Berlins Regierender Bürgermeister zeigte sich am Sonntag am Tatort bestürzt. „Gestern hat Berlin einen tollen Tag gefeiert. Berlin war bunt. Berlin hat gezeigt, wie vielfältig und offen diese Stadt sein kann“, sagte Wegner. „Nach 22 Uhr wurde es dunkel. Sehr dunkel.“ Er sprach von einem „terroristischen Anschlag“ auf das Zusammenleben in der Stadt und auf die Freiheit. „Es war ein Angriff auf die Art unseres Zusammenlebens. Damit muss Schluss sein“, so Wegner.

Schock nach dem Anschlag. © FUNKE Foto Services | Sergej Glanze
Tatverdächtiger war Sicherheitsbehörden wohl bekannt
Der getötete Hauptverdächtige war den deutschen Sicherheitsbehörden nach Informationen unserer Zeitung seit Jahren als islamistischer Gefährder bekannt. Der 21-Jährige sei bereits als Jugendlicher aufgefallen und werde dem islamistischen Milieu in Berlin zugeordnet. Im Mai soll er zu einer Jugendstrafe von 1 Jahr und 10 Monaten verurteilt worden sein. Die Strafe sei aber auf Bewährung ausgesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft wollte gegen die Bewährung vorgehen.
Am Nachmittag äußerte sich Polizeisprecher Florian Nath auch zu den Opfern. „Alle Verletzten werden derzeit in Krankenhäusern behandelt. Niemand ist in einem kritischen, lebensbedrohlichen Zustand.“ Es ist eine, der wenigen guten Nachrichten an diesem Tag.