Eine Kugel Glace für gute Noten – Polen debattiert über Gleichheit und Motivation

Eine Glacekugel zu viel: Polen streitet über die Belohnung für gute Noten

Eine polnische Kleinstadt verteilt seit Jahren eine Gratiskugel Glace an Schüler mit Bestnoten. Die Kinderschutzbeauftragte stoppt die Tradition mit dem Verweis auf Diskriminierung. Schon diskutiert das Land über Gleichberechtigung, Fleiss und Aufstieg.

18.07.2026, 05.30 Uhr

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Die geschenkte Kugel Glace sorgt in Polen für erbitterte Diskussionen.

Die geschenkte Kugel Glace sorgt in Polen für erbitterte Diskussionen.

Adrian Baer / NZZ

In Pszczyna geht es beschaulich zu. Die hügelige Stadt liegt in Südpolen, hat ein neobarockes Schloss, eine neobarocke Kirche und etwa 25 000 Einwohner. Und sie hat den Glacestand «Pod debem» (Unter der Eiche). Das an sich wäre nichts Aussergewöhnliches. Denn Polen ist geradezu ein Paradies für Glace-Esser. «Pod debem» aber ist nun zum Politikum geworden. Zum Gegenstand von Diskussionen über Gleichberechtigung, Fleiss, Aufstieg.

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Im «Pod debem» verteilt die Besitzerin Jolanta Halas am Ende jedes Schuljahres eine Gratiskugel Glace an die Schüler. Seit 25 Jahren geht das so. Die Bedingung dafür: der sogenannte «bialo-czerwony pasek». Dieser weiss-rote Streifen zieht sich von oben bis unten über das Schulzeugnis und zeigt damit: Hier steht ein Schüler mit Bestnoten vor einem. Solche Streifen bekommen polnische Schüler mit einem Notendurchschnitt von mindestens 4,75. Auch in Polen ist eine 6 die Bestnote, doch anders als in der Schweiz bestehen polnische Schüler ihre Prüfungen auch noch mit einer 3 und sogar mit einer 2, die als ausreichend gilt. Die Streifen gibt es für Kinder ab der vierten Klasse. Sie sind ein Statussymbol. Manche Eltern stellen die Zeugnisse mit dem «pasek» zu Hause in Vitrinen aus.

Motiviert Glace zum Lernen?

Auch in diesem Jahr stellten sich die guten Schüler von Pszczyna also bei Jolanta Halas an, hielten ihre gestreiften Zeugnisse in die Höhe und bekamen ihre süsse Belohnung. Die schwächeren gingen leer aus. Das sei Diskriminierung, sagte die polnische Kinderrechtsbeauftragte Monika Horna-Cieslak im 350 Kilometer entfernten Warschau, als sie von der Aktion hörte, und verlangte mehr Gleichberechtigung. Die Debatte begann. Kann denn eine «gute Tat einer Privatperson», wie die Bewohner von Pszczyna die Glace-Schenkung nannten, etwas Schlechtes sein? Fleiss müsse belohnt werden, sagten die einen. Gute Noten bedeuteten nicht automatisch Fleiss, betonten dagegen die anderen.

Belohnungen für gute Noten, so legte es Horna-Cieslak dar, seien selten einfach eine Auszeichnung für den blossen Fleiss. Es werde vor allem das soziale und kulturelle Kapital des Elternhauses honoriert. Auch die moderne Motivationspsychologie sieht die Belohnung für Noten als problematisch an. Damit sinke die sogenannte intrinsische Motivation: Die Schüler lernten nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern für den Applaus, das Lob, letztlich die Glace. Lernen werde so instrumentalisiert. Das ist auch die Position der Kinderrechtsbeauftragten. Viele andere im Land aber betrachteten ihr Eingreifen als einen Akt staatlicher Gleichmacherei und damit als Relikt aus sozialistischen Zeiten, wo individueller Erfolg misstrauisch beäugt wurde.

Die Glacestand-Besitzerin Halas reagierte prompt: Für ihre Glace musste nach der Intervention aus Warschau am Ende jeder bezahlen, die starken, die mittleren, die schwachen Schüler, auch ihre Eltern. Das passte wiederum vielen in Pszczyna nicht, sie forderten Halas auf, nicht nachzugeben. Und selbst die Kinderschutzbeauftragte war irritiert. Mit einem «Fest für alle Kinder» wollte sie die Wogen glätten. Doch auch das empfanden viele in der Stadt als «billige Gesichtswahrung». Ob es die Glace für den «pasek» im kommenden Jahr geben wird, will sich Halas nochmals genau überlegen.

Die Ideologie ist weg, die Leistungsschau ist geblieben

Die Geschichte von Pszczyna erzählt eine Geschichte über das Gestern im Heute. Längst haben sich die Polen von der staatlich verordneten Gleichmacherei verabschiedet. Polen hat nach 1989 eine rasante wirtschaftliche Transformation durchgemacht. In dieser Zeit galt das Versprechen: Wer sich anstrengt und hart arbeitet, der schafft es nach oben. In vielen postsozialistischen Ländern ist Bildung ein Heilsversprechen. Deshalb stecken die Eltern ihre Kinder von früh an in «Entwicklungskurse», die Kinder müssen Sprachen lernen, erfolgreich beim Musizieren und im Sport sein. Sie müssen leisten. Und damit diese Anstrengung auch gesehen wird, müssen die Symbole, mögen sie auch ein Erbe aus vergangenen Zeiten sein, auf Zeugnissen für alle erkennbar sein.

Deshalb der «pasek» in Polen, deshalb auch die roten Diplome und die goldenen Medaillen in Russland, Weissrussland und der Ukraine wie auch die roten Universitätspässe in Tschechien und der Slowakei.

Die ideologischen Inhalte von damals sind in Polen zwar weg, die Form der kollektiven Leistungsschau aber ist geblieben. Spitzenleistungen werden öffentlich zelebriert. Der «pasek» zeigt nach aussen: Ich funktioniere, ich bin diszipliniert und werde es weit bringen. In den Augen vieler hat die Kinderschutzbeauftragte mit ihrer Kritik an der Glace von Pszczyna am Versprechen von sozialem Aufstieg gerüttelt. Und an der festsitzenden Überzeugung, dass Noten motivieren. In der modernen Pädagogik werden Noten letztlich als schlichtes Sortierwerkzeug gesehen.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestimmt in Polen die soziale Herkunft stark den weiteren Bildungsweg. Die Kluft beim Universitätsabschluss zwischen jungen Erwachsenen (25 bis 34 Jahre) aus Akademikerhaushalten und solchen, deren Eltern keinen Sekundarabschluss haben, liegt bei 68 Prozentpunkten. Das ist eine der grössten Lücken im OECD-Vergleich im vergangenen Jahr.

Der weiss-rote Streifen reproduziert damit durchaus soziale Privilegien, er feiert sie gar. Deshalb sorgt die geschenkte Kugel Glace für solch erbitterte Diskussionen, nicht nur am Glacestand von Jolanta Halas.

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