Ein neues Festival für Berlin – zehn Tage Jazz in allen Facetten

Ein neues Jazz-Festival – und eines, wie es noch keines gab. Stars wie Till Brönner und Al Di Meola treten ebenso auf wie weniger bekannte, aber bei Jazzkennern hoch angesehene Musiker und Musikerinnen wie Brad Mehldau, Gonzalo Rubalcaba, Stacey Kent oder Ida Nielsen. Zehn Tage lang, vom 20. bis 30. Juli, finden an jedem Abend tolle Konzerte im Gasometer Berlin statt.

Darunter auch die von ROLLING STONE präsentierte „Prince Experience“ am 24. Juli mit den beiden früheren Prince-Bassist:innen Ida Nielsen und MonoNeon.

Veranstalter des ZigZag Jazz Festivals ist der Chef des gleichnamigen Clubs in der Schöneberger Hauptstraße, Dimitris Christides. ROLLING STONE sprach mit ihm über das neue Highlight des Berliner Festival-Sommers.

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Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm zusammengestellt, was war die Idee hinter dem neuen Jazz-Festival?

Ich buche eigentlich keine Musikrichtungen, ich buche Menschen. Wenn man im Laufe der Jahre Tausende von Konzerten produziert hat, entwickelt man ein Gespür für Künstler, die etwas Authentisches zu sagen haben. Technisches Können ist wichtig, aber die Persönlichkeit ist viel wichtiger. Ich möchte Künstler, die auf die Bühne treten und sofort eine Verbindung zum Publikum herstellen.

Die Idee hinter dem Festival war nie, ein weiteres Jazz-Festival zu schaffen. Europa hat bereits viele großartige Festivals. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem das Publikum das gesamte Spektrum dessen erleben kann, was Jazz heute ausmacht. Legendäre Künstler, jüngere Stimmen, verschiedene Kulturen, verschiedene Generationen. Berlin verdient ein Festival, das die Stadt selbst widerspiegelt.

„Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man das ganze Spektrum des Jazz erleben kann.“

Welche Rolle spielt der Begriff „Jazz“ heute überhaupt noch? Ist er für Sie noch vornehmlich ein musikalisches Genre oder eher eine Stimmung oder eine Haltung?

Ich denke, dass wir manchmal zu viel Zeit damit verbringen, Jazz definieren zu wollen. Für mich ging es immer um Neugier. Die Bereitschaft, zuzuhören, Risiken einzugehen und Raum für Überraschungen zu lassen.

Wenn man sich die Musiker in unserem Programm ansieht, klingen sie alle völlig unterschiedlich. Niemand würde Gonzalo Rubalcaba mit Ute Lemper oder Al Di Meola mit Ivan Lins verwechseln. Und doch gehören sie alle hierher. Das zeigt mir, dass Jazz viel mehr ist als ein Genre. Es ist eine Denkweise.

Sie bringen Musiker verschiedener Generationen und unterschiedlichster musikalischer Biografien zusammen. Ist das eine bewusste Dramaturgie?

Auf jeden Fall. Ich mochte noch nie Festivals, bei denen jedes Konzert wie das vorherige klingt. Ich möchte, dass jemand an einem Abend kommt und Dee Dee Bridgewater hört, dann am nächsten Abend wegen Brad Mehldau wiederkommt und eine völlig andere Erfahrung macht. Dieser Kontrast ist spannend. Er hält das Publikum neugierig. So hat sich Jazz schon immer weiterentwickelt. Jede Generation lernt von der vorherigen und findet dann ihre eigene Stimme.

Mit Gonzalo Rubalcaba steht der afro-kubanische Jazz auf dem Programm, Antonio Faraò repräsentiert eine europäische Pianotradition, Ivan Lins die brasilianische Popularmusik, Al Di Meola verbindet seit Jahrzehnten Jazz mit mediterranen und lateinamerikanischen Einflüssen. War es euch wichtig zu zeigen, dass Jazz heute weniger eine Stilrichtung als eine gemeinsame Sprache verschiedener Musikkulturen ist?

Absolut. Wenn ich mir dieses Programm anschaue, sehe ich eigentlich keine Nationalitäten, ich sehe Dialoge. Ein kubanischer Pianist, ein brasilianischer Songwriter, ein italienischer Pianist, ein amerikanischer Saxofonist. Sie alle kommen mit unterschiedlichen Hintergründen, aber sobald sie zu spielen beginnen, verstehen sie sich sofort. Das ist eines der Dinge, die ich am Jazz am meisten liebe. Er hebt Grenzen auf, ohne die Identität auszulöschen.

Welche Bedeutung haben diese kulturellen Grenzüberschreitungen heute für den Jazz? Ist gerade diese Offenheit vielleicht sein größter Trumpf?

Ich glaube, Offenheit war schon immer die größte Stärke des Jazz. Jazz hat überlebt, weil er nie Angst vor Veränderungen hatte. Jede Generation hat etwas Neues eingebracht. Verschiedene Rhythmen, verschiedene Kulturen, verschiedene Instrumente, verschiedene Einflüsse. Wenn der Jazz jemals aufhören würde, sich weiterzuentwickeln, wäre er kein Jazz mehr.

„Offenheit war schon immer die größte Stärke des Jazz.“

Viele Festivals werben mit großen Namen. Das Quartett von Gonzalo Rubalcaba mit Chris Potter, Larry Grenadier und Eric Harland wirkt dagegen wie eine Besetzung, bei der vor allem andere Musiker ins Schwärmen geraten. Ist das vielleicht das musikalisch anspruchsvollste Konzert Ihres Programms?

Das könnte durchaus sein. Es ist kein Konzert, das auf Prominenz setzt. Es setzt auf außergewöhnliche Musikalität. Jeder auf dieser Bühne ist in der Lage, die Richtung der Musik im Bruchteil einer Sekunde zu ändern, und die anderen sind sofort dabei. Das sind die Konzerte, die mir am besten gefallen, weil niemand – auch die Musiker selbst nicht – genau weiß, was passieren wird.

Ist dieses Konzert eher etwas für Jazzkenner oder kann man sich auch ohne großes Vorwissen einfach darauf einlassen?

Oft wird angenommen, Jazz sei schwierig. Das denke ich nicht. Man muss weder Harmonie noch Improvisation verstehen, um Emotionen zu spüren. Ich habe schon erlebt, wie Konzertbesucher, die zum ersten Mal dabei waren, völlig überwältigt den Saal verließen, weil sie etwas Ehrliches und Spontanes erlebt hatten. Musik wirkt, noch bevor man sie erklären kann.

Kurt Rosenwinkel und Brad Mehldau gelten für viele Musiker als prägende Figuren des modernen Jazz. Was macht ihre Zusammenarbeit so außergewöhnlich?

Beide haben die Sprache ihrer Instrumente verändert. Aber was mich am meisten beeindruckt, ist, dass keiner von beiden spielt, um die Leute zu beeindrucken. Alles, was sie tun, dient der Musik. Wenn solche Künstler gemeinsam auftreten, hört man kein Ego. Man hört Vertrauen.

Beide verbinden enorme harmonische Komplexität mit einer fast popmusikalischen Melodik. Ist das vielleicht das Geheimnis ihrer Ausnahmestellung?

Ich glaube, große Künstler lassen Komplexität immer natürlich wirken. Brad und Kurt können unglaublich anspruchsvolle Musik spielen, aber irgendwie wirkt das nie intellektuell. Man erinnert sich an Melodien. Man erinnert sich an Emotionen. Das ist viel schwieriger, als einfach nur schwierige Musik zu spielen.

Dee Dee Bridgewater erfindet sich seit Jahrzehnten immer wieder neu. Was macht sie heute noch zu einer so außergewöhnlichen Live-Künstlerin?

Sie betritt die Bühne nach wie vor mit vollem Engagement. Es gibt keine Routine. Sie gibt jedem Publikum alles. Das ist nach einer so langen Karriere unglaublich selten. Man schaut Dee Dee Bridgewater nicht zu, weil sie berühmt ist. Man schaut ihr zu, weil sie bei jedem Auftritt lebendig ist.

„Früher bewunderte ich Al Di Meolas Geschwindigkeit, heute seine Ruhe.“

Al Di Meola war in den Siebzigerjahren fast ein Rockstar des Jazz. Was fasziniert Sie heute an ihm?

Als ich jünger war, bewunderte ich seine Geschwindigkeit. Heute bewundere ich seine Ruhe. Er muss nichts mehr beweisen. In seinem Spiel steckt eine Selbstsicherheit, die nur mit Erfahrung kommt, und ich finde das viel interessanter als reine Virtuosität.

Ute Lemper ist vielleicht die überraschendste Künstlerin im Programm. Verkörpert sie mit Brecht, Weill und dem Chanson auch eine europäische Tradition des Jazz und passt sie deshalb besonders gut nach Berlin?

Genau. In Berlin dreht sich nicht alles nur um Jazzclubs. Es geht auch um Theater, Literatur, Kabarett und künstlerische Freiheit. Ute bringt diese gesamte Kulturgeschichte mit. Sie erinnert uns daran, dass Jazz schon immer im Dialog mit anderen Kunstformen stand, und es gibt nur sehr wenige Städte, in denen sich das natürlicher anfühlt als in Berlin.

Es gibt einen Abend, der sich als Hommage an Prince versteht, und zwei Länderabende – Italien und Brasilien. Wie ist diese Idee entstanden?

Ich habe es schon immer geliebt, Erlebnisse zu schaffen, anstatt einfach nur Konzerte zu präsentieren. Italien und Brasilien haben der Musik so viel gegeben, dass sie es verdienen, als eigenständige Welten gefeiert zu werden. Für einen Abend kann das Publikum in eine andere Kultur eintauchen, andere Rhythmen, andere Geschichten und andere Emotionen erleben. Ich glaube, an solche Abende erinnert man sich.

Das Festival findet in einer Stadt mit einer der lebendigsten Jazzszenen Europas statt. Verfolgen Sie die Berliner Szene regelmäßig? Gibt es Musiker oder Entwicklungen, die Sie besonders spannend finden?

Ja, natürlich. Einer der Gründe, warum ich in Berlin geblieben bin, ist, dass die Stadt Musiker aus aller Welt anzieht. Man hört amerikanischen Jazz, europäischen Jazz, Einflüsse aus dem Nahen Osten, lateinamerikanische Musik, elektronische Musik und klassische Musiker, die sich alle gegenseitig inspirieren. Genau das hat Zig Zag schon immer sein wollen: kein Club mit einer einzigen Identität, sondern ein Treffpunkt, an dem Unerwartetes passieren kann. Ich hoffe, dass dieses Festival eine Erweiterung dieser Idee wird.

zigzag-jazzfestival.de