"Sie nehmen uns den Himmel weg!" - Warum ein Abriss in Düsseldorf die Anwohner verärgert
"Man hätte mit diesem Haus ganz viel machen können - und nicht einfach wegknallen." Margit Sauer steht fassungslos vor der Stelle an der Hans-Böckler-Straße 39 in Düsseldorf-Golzheim. Wo das ehemalige DGB-Bürogebäude mehr als 50 Jahre stand, reißen Bagger Beton aus den Wänden.
Staub zieht über das Gelände, lose Kabel hängen aus der Fassade. Wenn es nach der Stadt geht, beginnt hier die Zukunft eines 500-Millionen-Euro-Projektes: New Heart on the Block, so nennt es der Investor. Für viele Anwohner wird in diesen Tagen die Hoffnung auf eine andere Zukunft ihres Viertels mitabgerissen.
Die Angst wächst
"Wenn das wirklich so hoch gebaut wird, nehmen sie uns den Himmel weg." Erny Hildebrandt wohnt seit Jahrzehnten im Viertel. Ihre Sorge richtet sich nicht nur gegen zwei neue Hochhäuser. Die Anwohner fürchten, dass ihr Viertel noch heißer wird, Luftschneisen verschwinden, längere Autoschlangen entstehen und dass das Leben zwischen den Gebäuden immer weniger Platz bekommt. Geplant sind ein 120 Meter hoher Büroturm und ein 84 Meter hoher Wohnturm mit Luxuswohnungen.
Bevor man Gebäude abreißt, muss man ganz intensiv überlegen, ob sich das rechnet, also nicht nur finanziell, sondern vor allem ökologisch." Professor Jörg Leeser, Hochschule Düsseldorf
Weil sie bei der Stadt mit ihren Sorgen auf Ablehnung trafen, suchten die Anwohner Hilfe bei der Hochschule Düsseldorf. Dort gibt es den Fachbereich Architektur und Stadtentwicklung. Gleich zwei Professoren nahmen sich der Sache an und stellten nach Prüfung der Sachlage fest: "So einen Abriss können wir uns nicht mehr leisten, denn wir müssen in Deutschland die Bauwende schaffen."
Kann Zukunft auch Umbau sein?
So steht Professor Jörg Leeser jetzt auch an der Abriss-Stelle und schüttelt den Kopf. In Zeiten der Klimakrise müsse jedes bestehende Gebäude zuerst auf seine Zukunft geprüft werden, betont er. Beim Abriss gehe wertvolle "graue Energie" verloren - also Ressourcen und CO₂, die bereits im Bau stecken.
"Außerdem muss bei jedem Neubau bedacht werden, ob so hohe Gebäude Windschneisen blockieren, damit die Frischluftzufuhr verändern und Städte zusätzlich aufheizen", erklärt er. Für ihn steht der Fall exemplarisch für eine Frage, die sich inzwischen viele Städte stellen müssen: Abriss oder Umbau?
Der Plan B, der nie eine Chance bekam
Der Plan B existiert längst. Während draußen die Abriss-Bagger Beton aus den Wänden reißen, stehen in der Hochschule Düsseldorf Modelle auf den Tischen. Ein Semester lang haben Studierende gerechnet, gezeichnet, geplant und eine andere Zukunft für das alte Gebäude entworfen: Wohnungen statt Büros, Cafés, Künstlerateliers, viel Grün und Treffpunkte für das Viertel.
Einer der Entwürfe sieht sogar ein öffentliches Schwimmbad vor. Schallschutz, Hitzeschutz, Verschattung - alles ist durchgerechnet. "Unsere Entwürfe zeigen doch, dass es mehr als genug Ideen gibt, um so ein Gebäude umzubauen", sagt eine Studentin. Professor Leeser ist überzeugt: Gerade solche Bürohäuser ließen sich hervorragend in dringend benötigten Wohnraum verwandeln. Doch für das alte DGB-Gebäude an der Hans-Böckler-Straße kommen die Pläne zu spät.
Ein Schokoladenkuchen sagt mehr als alle Protest-Schilder
Es ist ein kurzer Moment der Leichtigkeit. Das Gebäude hinter ihr wird bald verschwunden sein. Geblieben ist eine Frage, die weit über Düsseldorf hinausreicht: Müssen wir unsere Städte immer neu bauen - oder steckt die nachhaltigste Zukunft manchmal schon in den Häusern, die längst da sind?
Das Neubau-Projekt "New Heart on the Block" ist übrigens noch nicht genehmigt. Derzeit entstehen Gutachten, ein erstellter Bebauungsplan wird dann noch einmal öffentlich ausgelegt - alle Bürger können Stellung nehmen. Am Ende muss es im Rat der Stadt Düsseldorf entschieden werden.
Unsere Quellen:
- Anwohnerin Erny Hildebrandt
- Professor Jörg Leeser von der Hochschule Düsseldorf
- Stadt Düsseldorf
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Düsseldorfer Bürger wegen Abriss verärgert, 28.07.2026, 04:56 Uhr