Drohnen-Dauerfeuer wird zum Problem: Asowsches Meer wird zum Friedhof für Putins Flotte

Stand: 18.07.2026, 18:13 Uhr

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Die Ukraine trifft 116 russische Schiffe im Asowschen Meer – der Seeverkehr kollabiert. Jetzt weitet Kiew die Drohnenkampagne aufs Schwarze Meer aus.

Die ukrainischen Drohnen schwebten über den Schifffahrtsrouten im Asowschen Meer, bis sie ihre Beute entdeckten. Unten auf dem Wasser waren russische Tanker unterwegs – träge, wehrlose Schiffe mit einer Kapazität von rund 7.000 Tonnen –, die in Richtung der besetzten Krim-Halbinsel fuhren. Explosionen erhellten den Nachthimmel, als die Drohnen im Sturzflug angriffen, eine nach der anderen. Am Morgen zeigten Satellitenbilder noch immer Rauch, der aus dem Rumpf eines ihrer schwer beschädigten Opfer aufstieg.

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Dieser Artikel von Memphis Barker entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.

Dieser Angriff am 14. Juli erhöhte die Zahl der im Asowschen Meer getroffenen russischen Schiffe innerhalb einer Woche auf 116, wie es von den ukrainischen Drohnenkräften heißt. Diese intensiven Schläge gegen eine maritime Handelsroute – im Schnitt ein Angriff alle zwei Stunden – haben den Verkehr auf einer wichtigen Versorgungsader praktisch zum Erliegen gebracht, in einer Kampagne, die in der Geschichte moderner Kriegsführung nur wenige Parallelen hat.

Ein Schlauchboot der Küstenwache fährt auf ein geentertes Schiff der russischen Schattenflotte zu.

Ärger im Anzug? Russlands Schwierigkeiten im Asowschen Meer werden Putin zwingen, seine Schattenflotte künftig häufiger durch die Ostsee zu dirigieren – für die europäischen Grenzschützer bahnen sich schwere Zeiten an: Hier die Einsatzgruppe und die Küstenwache auf dem Weg zum geenterten Schiff Sea Owl I direkt vor dem dänischen Trelleborg im März 2026 (Symbolfoto). © IMAGO / Johan Nilsson / TT News Agency

„Die Schattenflotte verfällt“, sagte Major Robert „Magyar“ Browdi, der Kommandeur der ukrainischen Drohnenkräfte, in einem Beitrag, mit dem er am Morgen des 15. Juli die „Ergebnisliste“ der Operation aktualisierte. Durch das Abschneiden der Treibstofflieferungen auf die Krim, wo die Einwohner bereits unter langen Stromabschaltungen und einem Verbot von Benzinkäufen leiden, hofft Major Browdi, letztlich den Zusammenbruch des russischen Imperiums auszulösen.

Operation „MoLoChKa“ und der Druck auf Russlands Versorgungslinien

Schon der rätselhafte Titel der Operation deutet auf dieses Ziel hin – „MoLoChKa“ („Milch“) ist ein Akronym für „Moskau wird durch die Krim fallen“. Die Auswertung der Transpondersignale ziviler Schiffe zeigt, dass die ukrainischen Angriffe den Seeverkehr in einem Meer, das ausschließlich von russischem Staatsgebiet oder besetztem Territorium umgeben ist, dramatisch eingeschränkt haben. Die von Starboard Maritime Intelligence erfasste Zahl der Signale ist von 196 am 6. Juli auf weniger als die Hälfte dieses Werts gefallen. Satellitenbilder zeigen Schiffe, die das offene Wasser meiden und sich stattdessen um die östlichen und südlichen Ausfahrtsrouten scharen.

Sergej Lawrow, Russlands Außenminister, verurteilte Anfang der Woche den „Terrorismus“ der Ukrainer. „Piraten“, fügte er verbittert hinzu, „stehlen oder nehmen wenigstens etwas für sich. [Diese Angriffe] fügen nur Schaden zu und verbreiten Angst.“ Kiews Erfolg ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen: miteinander verknüpfte Angriffe auf russische Luftabwehrstellungen und Ölraffinerien, die Moskaus Fähigkeit, Drohnen abzuschießen, verringert und seine Aufmerksamkeit anderweitig gebunden haben; die sorgfältige Anpassung der ukrainischen Langstreckendrohnen des Typs FP‑2; und eine gescheiterte strategische Wette von Wladimir Putin.

Neue Phase im Ukraine-Krieg: Vom Asowschen Meer ins Schwarze Meer

Am Mittwoch erklärte Major Browdi die Kampagne im Asowschen Meer für „abgeschlossen“ – und kündigte eine neue Phase im Schwarzen Meer an. Das tiefere Schwarze Meer ist durch einen schmalen Engpass mit dem Asowschen Meer verbunden, durch den Moskaus Exporte von Nahrungsmitteln und Treibstoff in ausländische Märkte geleitet werden müssen. Die Operation stellt Moskau vor ein unerfreuliches Dilemma. Am 28. Juni wies Putin seine Regierung an, die Treibstofflieferungen auf die Krim per Schiff zu verstärken – auch als Reaktion auf das Höllenfeuer ukrainischer Drohnen, das die Landroute in einen tödlichen Spießrutenlauf verwandelt hat.

Nun aber bieten russische Versicherer nach Angaben der Moscow Times für Tanker keine Kriegsrisikodeckung mehr an. Auch die Regierung will nicht einspringen. Unter Verweis auf den Druck auf den Haushalt soll sich das Finanzministerium Berichten zufolge dagegen sträuben, staatliche Garantien bereitzustellen. Da die Schwarzmeerflotte weder willens noch in der Lage ist, zivile Schiffe zu eskortieren, müssen sich die Bürger der Krim nach Einschätzung von Dr. Siddarth Kaushal, Senior Research Fellow am Royal United Services Institute, „mindestens mehrere Monate“ gedulden, bevor sie auch nur hoffen können, wieder eine normale Versorgung zu erleben. Das setzt voraus, dass Moskau überhaupt eine Lösung findet.

Drohnen als Ersatz für eine klassische Marine im Ukraine-Krieg

„Es ist wirklich bemerkenswert“, fügte Dr. Kaushal hinzu. Wie Iran in der Straße von Hormus habe die Ukraine gezeigt, „dass man keine Marine braucht, um eine Seeverbindung zu unterbrechen“. Über mehrere Jahre hinweg konzentrierte Moskau seinen militärisch-industriellen Komplex auf den Aufbau offensiver Fähigkeiten – ballistische Raketen, Gleitbomben und Schahed-Drohnen – in der Hoffnung, dass solche Waffen Kiew zur Unterwerfung zwingen könnten. Putin hat womöglich auch nicht für möglich gehalten, dass die Ukraine eigene Langstreckenschläge entwickeln könnte, oder er ging davon aus, dass Washington sie weiterhin daran hindern würde, wie es der Fall war, als Joe Biden US-Präsident war.

„Es ist in gewisser Weise ein Segen, dass die Ukraine nicht zuschlagen durfte“, sagte Michael Bohnert, Ingenieur und Forscher beim Thinktank Rand Corporation. „[Russland] hat die Luftverteidigung nicht priorisiert. Man hat darauf gesetzt, den Krieg offensiv gewinnen zu können, und diese Wette ist nicht aufgegangen.“ Um das Asowsche Meer zu erreichen, starten ukrainische Drohnenteams von kleinen, mobilen Stellungen auf ukrainischem Gebiet. Die Fluggeräte überqueren anschließend russisch kontrolliertes Land und umfliegen dabei Moskaus „weichgeschossene“ Luftabwehr.

Ukraine-Krieg: Taktik und Ziele der ukrainischen FP‑2-Drohnen

Die Drohnen des Typs FP‑2 tragen nach Angaben von Bohnert vergleichsweise leichte Sprengsätze, die es ihnen ermöglichen, mindestens 250 Meilen zurückzulegen, um die Tanker zu treffen. Bei den Schiffen im Asowschen Meer handelt es sich um kleine „Kurier“-Tanker, die entweder Treibstoff auf die Krim bringen oder ihn auf größere Schiffe im Schwarzen Meer umladen, die aufgrund ihrer Größe und ihres Tiefgangs die seichteren Gewässer nicht befahren können. Auf See fliegen die Drohnen knapp über der Wasseroberfläche, um nicht vom Radar erfasst zu werden.

Beim Angriff nehmen sie die Steuer- und Kommunikationssysteme ins Visier, die sich auf der Brücke befinden, mit dem Ziel, die Schiffe kampfunfähig zu machen, nicht zu versenken. Das hat Moskau gezwungen, Schlepper auszusenden, um „Geisterschiffe“ zu bergen, die auf offener See treiben – und der Ukraine zugleich neue Ziele verschafft und die logistischen Belastungen für Putins Armee erhöht. Major Browdi hofft, Russland so dazu zu bringen, erneut zu versuchen, Nachschub auf dem Landweg auf die Krim zu bringen – Routen, die ihrerseits unter der „Feuerkontrolle“ der „hungrigen ukrainischen Vögel“ stehen.

Druck auf Russlands Exporte und die Schwarzmeerflotte

Mit den neuen Angriffen im Schwarzen Meer könnte Moskau Schwierigkeiten bekommen, Getreide und Erdöl über den Hafen Noworossijsk auszuführen, wohin viele Schiffe vor dem Beschuss im Asowschen Meer geflüchtet sind. Am Dienstag zerstörte eine ukrainische Seedrohne vom Typ Sargan‑300 ein russisches Patrouillenboot in einem Hafen nur 19 Meilen entfernt. Zwei weitere Drohnenboote trafen am Mittwoch Treibstofftanker. Russische Militärblogger beklagen den fehlenden militärischen Schutz.

Die Auswertung von AIS-Signalen deutet darauf hin, dass Moskau Störsender rund um die Straße von Kertsch – den nur zwei Meilen breiten Engpass zum Schwarzen Meer – und entlang der Südküste stationiert hat. Doch diese tun sich schwer damit, Drohnen zu stoppen, die über Elon Musks Starlink-Satellitennetz gesteuert werden. Unterdessen bleibt die Schwarzmeerflotte im Hafen und außerhalb der Reichweite der Angriffe. Moskau nutzt sie inzwischen vor allem, um ballistische Raketen auf ukrainische Städte abzufeuern – etwas, das Putin laut Dr. Kaushal vermutlich höher gewichtet als die Wiederherstellung des Schiffsverkehrs.

Hinzu kommt, dass die kleinen Korvetten der Flotte laut Bohnert „für die Aufgabe, Drohnen abzuschießen, nicht ausgelegt sind“. „Dafür bräuchte man Hubschrauber mit Maschinengewehren und andere Flugzeuge wie die SU‑25 Frogfoot, die vor Jahren alle zerstört wurden.“ Damit bleiben Treibstoff-mangelnde Krim-Bewohner auf sich gestellt und müssen durch die Sommermonate hindurch leiden. In gewohnt kämpferischem Ton erklärte Major Browdi in dieser Woche, warum seine Drohnen nicht die Kertsch-Brücke angegriffen haben, die für die eingeschlossenen Zivilisten die einzige Fluchtroute zurück auf das russische Festland bietet. „Wir schließen die Wege hinein, nicht den Weg hinaus“, sagte er. „Die Brücke steht aus einem Grund noch: damit die Besatzer sich verpissen können.“