Drei Monate nach den Schüssen: Washington holt sein Dinner mit Trump nach
In Washington wird an diesem Freitagabend ein festliches Dinner fortgesetzt, das eigentlich längst beendet sein sollte. Drei Monate nachdem Schüsse und ein möglicher Attentatsversuch das traditionelle Fest der Korrespondenten im Weißen Haus jäh abbrachen, kehren Präsident Donald Trump, Journalisten, Regierungsvertreter und Gäste an die festlich gedeckten Tische zurück. Allerdings nicht ins Washingtoner Hilton-Hotel, dessen Ballsaal 2000 Leute fasst, sondern ins kleinere Waldorf Astoria an der Pennsylvania Avenue – ausgerechnet in jenes Haus im ehemaligen Hauptpostamt, das früher Trumps Namen trug.

Der Ortswechsel besitzt damit eine Ironie, die in dieser Stadt kaum erfunden werden könnte. Der Präsident, der Medien regelmäßig vor Schienbein tritt, als korrupt bezeichnet, als Feinde des Volkes beschimpft und sie auf Millionensummen verklagt, tritt vor der Korrespondentenvereinigung in einem Gebäude auf, das einmal als Schaufenster seines Familienunternehmens diente. Trump hat wie beim Original im April eine Rede angekündigt. Ob er die ursprünglich vorbereiteten, nach eigener Darstellung „ziemlich garstigen“ Passagen über einige handverlesene Journalisten vortragen werde, ließ er genüsslich offen.
US-Korrespondentendinner im April: Bewaffneter Mann versucht, Sicherheitsring zu durchbrechen
Doch dieser Abend ist mehr als eine verspätete Washingtoner Gesellschaftsveranstaltung. Am 25. April hatte ein bewaffneter Mann versucht, den Sicherheitsring des Hilton-Hotels zu durchbrechen. Ein Secret-Service-Polizist wurde an seiner Schutzweste getroffen, stellte sich dem Angreifer aber weiter entgegen. Trump, seine Frau Melania und ranghohe Regierungsvertreter wurden umgehend aus dem Saal gebracht, in dem streckenweise Panik ausbrach. Mehr als 2000 Gäste mussten das Gebäude verlassen.

Da war noch alles normal. First Lady Melania Trump, Präsident Donald Trump und Weijia Jiang, Präsidentin der White House Correspondents’ Association, kurz vor dem Abbruch der Festveranstaltung im Frühjahr.© Gripas/Abaca/Bloomberg/Getty Images | Yuri Gripas
Dass das Dinner nun wiederholt wird, war nach Angaben der White House Correspondents’ Association nicht selbstverständlich. Der Verband versteht die Neuauflage als Antwort auf politische Gewalt und als Bekenntnis zur Pressefreiheit. Secret-Service-Beamter Victor Gonzales sowie die Belegschaft des Hilton werden für ihren Einsatz geehrt. Auch die Journalistenpreise und Stipendien, deren Übergabe im April ausfiel, sollen endlich vergeben werden. Delikat: Mit Josh Dawsey (Wall Street Journal), Aamer Madhani und Zeke Miller (Nachrichten-Agentur „ap”), Kaitlan Collins (CNN) und Tyler Pager (New York Times) stehen Journalisten auf der Bühne, die sich unter anderem durch herausragende Berichterstattung über die Wirren und Skandale der zweiten Präsidentschaft Trumps ein Namen gemacht haben.
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Die Sicherheitsvorkehrungen sind deutlich verschärft worden. Das Treffen fällt in eine Zeit, in der der Secret Service nach eigenen Angaben rund 40 Prozent mehr Bedrohungsfälle untersucht als vor einem Jahr. Direktor Sean Curran, einer der Leibwächter Trumps während des versuchten Mordanschlags 2024 in Butler/Pennsylvania, formuliert die Lage ohne Beschönigung: Man müsse damit rechnen, dass „böse Menschen“ auftauchten.

US-Präsident Donald Trump gestikuliert, während er im James Brady Press Briefing Room im Weißen Haus direkt nach dem möglichen Attentatsversuch beim jährlichen White House Correspondents' Association Dinner spricht. © AP/dpa | Jose Luis Magana
Über dem Abend liegt jedoch noch eine zweite Spannung. Mehr als 500 frühere Journalisten und acht Organisationen für Pressefreiheit haben die Korrespondentenvereinigung inständig aufgefordert, Trump von der Bühne aus entschieden Paroli zu bieten. Sie verweisen auf jüngste FBI-Ermittlungen gegen Reporter und deren Angehörige, auf Drohungen gegen Fernsehsender und auf den Versuch der Regierung, kritische Medien systematisch einzuschüchtern.
Galadinner in Washington wird zum politisch-medialen Stresstest
Damit steht die Verbandspräsidentin Weijia Jiang vor einer heiklen Aufgabe. Sie muss der Gewalt vom April entgegentreten, ohne die staatlichen Angriffe auf unabhängigen Journalismus zu verschweigen. Ein Fest der Pressefreiheit, so argumentieren die Kritiker, darf nicht zur Kulisse werden, vor der ein Präsident seine Gegner ungestraft verhöhnt.

Angehörige von Strafverfolgungsbehörden wie dem Secret Service reagieren während des White House Correspondents' Dinner im Washingtoner Hilton-Hotel.© Tom Brenner/AP/dpa | TOM BRENNER
Washingtons berühmtes Dinner war immer eine Mischung aus Macht, Eitelkeit, Nähe und kontrollierter Respektlosigkeit. Am Freitagabend wird daraus ein politisch-medialer Stresstest. Die Frage lautet nicht nur, ob Trump Witze über die Presse macht. Sie lautet, ob die Presse in seiner Gegenwart noch deutlich genug und unverkrampft gegen Trump zurückwitzeln kann.
Unterdessen wird über ihn mutmaßlich kaum gesprochen werden: Cole Tomas Allen, 31 Jahre alt, aus Torrance/Kalifornien, sitzt seit Ende April in Untersuchungshaft. Eine Geschworenen-Jury hat förmliche Anklage in vier Punkten erhoben: versuchte Ermordung des Präsidenten, schwerer Angriff auf einen Bundesbeamten mit einer tödlichen Waffe, Transport von Schusswaffen und Munition über Staatsgrenzen mit dem Ziel, ein Verbrechen zu begehen und Abfeuern einer Schusswaffe während eines Gewaltverbrechens. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Im Moment der Festnahme: Cole Tomas Allen aus Kalifornien ist seit der Tat Ende April in Untersuchungshaft.© Handout/AFP | @REALDONALDTRUMP - TRUTH SOCIAL
Anfang Mai ließ sich Allen in allen Punkten für nicht schuldig erklären. Die Verteidiger verlangten, Justizminister Todd Blanche und Bundesstaatsanwältin Jeanine Pirro von dem Verfahren auszuschließen, weil beide beim Dinner anwesend waren und Pirro eng mit Trump verbunden ist. Bundesrichter Trevor McFadden wies diesen Antrag am Ende Juni zurück. Als nächster Gerichtstermin wurde der 20. August bestimmt. Ein Prozessauftakt ist bisher nicht in Sicht. Die Bundesstaatsanwaltschaft behauptet, Allen habe die Tat über Wochen vorbereitet, sei mit Waffen von Kalifornien nach Washington gereist, habe bereits am Vorabend im Hilton eingecheckt und sei mit einer Schrotflinte durch einen Secret-Service-Kontrollpunkt gerannt. Ihm wird ferner vorgeworfen, auf einen Secret-Service-Beamten geschossen zu haben; dessen Schutzweste verhinderte schwere Verletzungen. Eine gerichtliche Feststellung der Schuld gibt es bisher nicht.