Die Nato verspricht der Ukraine 140 Milliarden Euro für zwei Jahre: So realistisch ist das Ziel

Seit Trump die Ukraine-Gelder eingestellt hat, müssen die Europäer klotzen. Obwohl sie sich zu «Gerechtigkeit» verpflichtet haben, sind die Unterschiede riesig. Braucht es «naming and shaming»?

18.07.2026, 05.30 Uhr

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Tag und Nacht beschiesst Russland die Ukraine mit Drohnen und Raketen. Doch das Land leistet noch immer erfolgreich Widerstand.

Tag und Nacht beschiesst Russland die Ukraine mit Drohnen und Raketen. Doch das Land leistet noch immer erfolgreich Widerstand.

Efrem Lukatsky / AP

Seit bald viereinhalb Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen die russischen Invasoren – mit Widerstandskraft, Mut und Erfindergeist. Gerade in den letzten Monaten konnte die Armee trotz anhaltendem Druck Russlands einige spektakuläre Erfolge verbuchen. Klar ist allerdings: Ohne die Unterstützung der westlichen Staaten wäre die Lage der Ukraine heute düsterer.

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Dieses Momentum wollen die Partnerländer nun ausnützen. Am Nato-Gipfel in Ankara haben sich die 32 Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, der Ukraine fürs laufende Jahr militärische Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung im Umfang von 70 Milliarden Euro zu liefern. Für 2027 versprechen sie, diese Hilfe «mindestens auf einem gleichwertigen Niveau aufrechtzuerhalten», wie es in der Abschlusserklärung heisst.

Die ukrainische Armee erhält damit eine gewisse Planungssicherheit. Gleichzeitig wollen die Ukraine-Verbündeten Moskau signalisieren, dass ihre Unterstützung nicht nachlassen wird und Russland besser eine Verhandlungslösung anstreben sollte, anstatt weiterhin enorme menschliche und materielle Kosten – für überschaubare Fortschritte auf dem Schlachtfeld – in Kauf zu nehmen.

Eine festgeschriebene Zahl ist schon ein Erfolg

Aber was sind die grossen Versprechen der Nato-Länder tatsächlich wert? Sind sie realistisch – oder handelt es sich um substanzlose Ankündigungspolitik? Nüchtern betrachtet ist es für die Ukraine schon ein Erfolg, dass in der diesjährigen Gipfelerklärung eine konkrete Zahl steht. Beim letztjährigen Gipfel – dem ersten unter der neuen amerikanischen Regierung – war lediglich unverbindlich von «direkten Beiträgen zur Verteidigung der Ukraine» die Rede. Die USA, die unter Trump die finanzielle Unterstützung an Kiew komplett eingestellt haben, hatten dies so gewollt.

Von Washington ist auch beim neuen Versprechen der Nato für die Ukraine nicht viel zu erwarten. Wenige Tage vor dem Ankara-Gipfel sagte Matthew Whitaker, der amerikanische Botschafter bei der Nato, dass sein Land «mehr für die Ukraine geleistet hat als irgendjemand sonst». Damit konnte er freilich nicht die Zeit seit dem Amtsantritt seines Chefs gemeint haben – die Gelder, welche die USA 2025 sprachen, gingen noch auf Verträge von Trumps Vorgänger Joe Biden zurück.

Whitaker und andere Vertreter der USA verweisen jeweils darauf, dass sie das Purl-Programm der Nato, über das amerikanische Waffen an die Ukraine geliefert werden, ins Leben gerufen haben. Das stimmt – doch bezahlen tun dafür die Europäer und Kanada. Allein die Tatsache, dass in der Gipfel-Erklärung der Ukraine-Betrag in Euro und nicht – wie sonst bei der Nato jeweils üblich – in Dollar angegeben ist, spricht Bände.

Vollständige Transparenz gefordert

Von den 70 Milliarden Euro werden 30 via den Ukraine-Unterstützungskredit von der EU gestemmt. Beim EU-Gipfel von letztem Dezember hatten sich die Mitgliedsländer auf 90 Milliarden für zwei Jahre geeinigt, «nur» zwei Drittel davon sind aber für militärische Hilfe vorgesehen. Es bleiben für die 32 Nato-Verbündeten, von denen 23 der EU angehören, also 40 Milliarden Euro.

Eine abschliessende Übersicht, wie weit die Europäer und Kanadier auf diesem Weg sind, gibt es nicht. Auch die Nato-Pressestelle kann auf Anfrage keine liefern. Im Nato-Hauptquartier gibt es Diplomaten, die dies bemängeln: Sie fordern vollständige Transparenz, damit gemäss dem Grundsatz «naming and shaming» auf die Ausgabensünder gezeigt werden kann.

Gestützt auf nationale Verlautbarungen und die Zahlen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) sind dennoch Annäherungen an die Gesamtausgaben zugunsten der Ukraine möglich. Das IfW führt seit Kriegsbeginn 2022 versprochene und tatsächlich erfolgte Hilfeleistungen der Geberländer nach. Das letzte Update erfolgte bis April 2026, also rund zwei Monate vor dem Ankara-Gipfel. Dabei zeigt sich, dass in diesem Jahr militärische Unterstützung, hauptsächlich Waffen und Ausrüstung, im Wert von knapp 10 Milliarden Euro aus Europa in die Ukraine geliefert worden ist. Die geografischen Unterschiede sind dabei frappant – obwohl die Gipfel-Erklärung verlangt, dass die Unterstützung «gerecht» zu erfolgen habe.

Frankreich, Italien und Spanien fallen ab

Deutschland und Grossbritannien bleiben die grössten Geber: Allein zwischen Januar und April stellten sie Kriegsgüter im Wert von 5 beziehungsweise 2 Milliarden Euro bereit. Schweden stockte seine Unterstützung zu Jahresbeginn nochmals um 1 Milliarde Euro auf. Andere wichtige Geberländer wie Dänemark und die Niederlande liefern zwar weiterhin zuverlässig, schnürten bis zum Frühling jedoch kaum noch Hilfspakete in Milliardenhöhe.

Dass in absoluten Zahlen Deutschland und Grossbritannien vorneweg sind, erstaunt aufgrund ihrer volkswirtschaftlichen Grösse nicht sonderlich. Sie müssen sich aber auch bei «bereinigten» Zahlen nicht verstecken. Ebenfalls wirtschaftsstarke Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien hingegen fallen ab. Von ihnen blieben seit 2025 neue Milliardenhilfen zugunsten der Ukraine weitgehend aus.

Rechnet man plump die Lieferungen bis Ende April auf den Rest des Jahres hoch, wären rund 30 der versprochenen 40 Milliarden erreicht. Zuverlässiger sind jedoch die Verlautbarungen der nationalen Regierungen: Eine umfassende Übersicht ist dabei nicht möglich, zumal aus den angekündigten Zahlen zuweilen nicht zwischen militärischer, finanzieller und humanitärer Hilfe unterschieden wird. Die Nato-Erklärung «fordert» militärische Unterstützung.

Versprochen ist noch nicht geliefert

Die deutsche Regierung etwa hat im Haushalt für 2026 11,5 Milliarden Euro zugunsten der Ukraine vorgesehen, Grossbritannien umgerechnet rund 4,4 Milliarden Euro. Bemerkenswert ist Norwegen mit seinen 5 Millionen Einwohnern, das für 2026 umgerechnet 7,6 Milliarden Euro budgetiert hat – über 80 Prozent davon für Militärgüter.

Kurz: Das 40-Milliarden-Ziel der Nato ist nicht aus der Luft gegriffen, bleibt aber ambitioniert. Die Nato-Medienstelle schreibt, dass die Bündnispartner für 2026 «bereits erhebliche Mittel» zugunsten der Ukraine ausgegeben oder zugesagt hätten, aber dass noch zusätzliche aufgebracht werden müssten.

Bleibt die grosse Frage, ob der Effort der nordeuropäischen und baltischen Staaten auch im kommenden Jahr anhält. Sie leisten, gemessen an ihrer Wirtschaftskraft, erheblich mehr Ukraine-Hilfe.

Möglicherweise braucht es gar noch einen grösseren Kraftakt, schliesslich spricht die Nato-Erklärung von einem «mindestens gleichwertigen» Betrag. Selbst wenn die Ankündigungen der nächsten Monate mit dem Ziel Schritt halten sollten, ist jedoch Vorsicht angebracht: Von den rund 400 Milliarden Euro Ukraine-Hilfen, welche die EU-Institutionen und ihre Mitgliedstaaten in den viereinhalb Kriegsjahren versprochen hatten, sind gemäss dem IfW bis Ende April rund 180 Milliarden in Kiew angekommen.

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