Die fetten Jahre sind in der Fahrradbranche vorbei, dafür werden die Räder immer fetter
Nach dem Patschen
Die fetten Jahre sind in der Fahrradbranche vorbei, dafür werden die Räder immer fetter
Hersteller und Handel haben harte Jahre hinter sich. Jetzt kommen sie wieder in die Spur. Rennräder sind der Renner – gerne auch motorisiert und üppig bereift. Vor allem Frauen setzen sich auf den Sattel
Regina Bruckner
Die fetten Jahre sind in der Fahrradbranche schon länger vorbei, auf den pandemiebedingten Boom folgte ein Absturz. Aber bei vielen geht es nun zumindest wieder aufwärts. Das ergibt zumindest eine Blitzumfrage von Arge Fahrrad und VSSÖ als Vertretung der Sportartikelbranche unter 95 Betrieben: Gut 42 Prozent vermeldeten ein besseres Gesamtgeschäft als im Vorjahr, knapp ein Viertel stagniert, rund ein Drittel liegt darunter. Es ist also durchwachsen.
Die Konsumenten haben sich durchwegs mit E-Bikes ausstaffiert, der Absatz stagniert. Mit 867 Millionen Euro stellten die Verkäufe im abgelaufenen Jahr 79 Prozent des Gesamtumsatzes von 1,097 Milliarden Euro. Rund 222.730 E-Bikes fanden den Weg in den Handel. Bei den Preisen wurde der Bogen womöglich auch überspannt, aber wer sich jetzt eines zulegen will, kann nach den erstaunlichen Höhenflügen der vergangenen Jahre von stabiler Preislage ausgehen, sagt Tom Streicher. Er vertritt in der Arge Fahrrad die heimischen Hersteller. "Die Leute sind preissensibler geworden", sagt auch Stefan Limbrunner, Geschäftsführer von Österreichs größtem Fahrradhersteller KTM (der nichts mit der Motorradschmiede zu tun hat). Dafür bekommt der Kunde mehr, weil sich die Technologie weiterentwickelt und etwa die Akkus immer besser werden. Oder weil E-Bikes mit elektronischer Schaltung ausgestattet werden, die automatisch umschalten.
Motorisiert
Out ist Mit-Motor ohnehin nicht. E-Mountainbikes oder E-Trekking-Bikes zählen zu den Wachstumstreibern. Und: Heute treibt der "enorme Rennradboom" das Geschäft, sagt Streicher. Ob geländegängig als Gravelbike (mit oder ohne Motor), mit breiteren Reifen oder "nur" straßentauglich: Vor allem Frauen fahren derzeit immer mehr darauf ab, sagt Streicher, der in Seewalchen am Attersee ein Fahrradgeschäft betreibt. Auch bei KTM sind Gravelbikes der Renner. Das Wachstum hat sich in den vergangenen zwei Jahren verzehnfacht, nachdem in den Jahren davor ein paar tausend Stück jährlich hergestellt worden sind.
Und dabei sollte vom Helm bis zu den Schuhen alles passen. Frau, aber auch Mann gibt dafür einiges an Geld aus. Den Einstiegspreis bei den Rädern beziffert Streicher mit 2700 bis 3700 Euro. Wer will, kann auch 15.000 ausgeben – oder mehr. Die Margen im Handel sind dabei für Zubehör weitaus höher als für die Räder. "Kunden und Kundinnen legen wirklich Wert auf Qualität", sagt der Oberösterreicher. Eines werde dabei immer wichtiger: Das Fahrrad passgenau auf den Körper einzustellen. Bike Fitting nennt sich das. "Auf einem 20.000-Euro-Bike fährt es sich nicht besser, wenn der Sitz nicht exakt passt", so der Fachmann. Dass das auch ein Geschäft sein kann, ist noch nicht überall durchgedrungen. In der Steiermark bietet laut der Umfrage kein einziger Betrieb dieses Service an.
Dienstleistung wächst
Dabei hat es jemand, der nur Fahrräder verkauft, eher schwer. Gewachsen wird etwa mit dem Werkstattgschäft. Auch der Umstand, dass auch bei Rädern der Verkauf via Online-Kanal wächst, macht es nicht leichter. Um rund zehn Prozent günstiger können Bikes online verkauft werden. So mancher komme dann aber zu ihm, um den Neuerwerb etwa anpassen zu lassen, sagt Streicher. Der Radius seiner Kundschaft reicht von Bayern bis Burgenland.
Ausruhen könne man sich nicht. "Der Sportfachhandel ist so im Wandel wie schon lange nicht", sagt Streicher und erinnert an die turbulenten Jahre davor: Zuerst ging es in den Coronajahren rapide bergauf, dann kamen Lieferengpässe, die Hersteller produzierten, was das Zeug hielt, die Lager der Händler wurden immer voller – es kam das böse Erwachen: Überangebot, Preisverfall. Mittlerweile haben sich die Läger zum Großteil wieder geleert. KTM hatte in der Bilanz hohe Rückstellungen für Wertberichtigungen eingestellt und zuletzt teilweise wieder aufgelöst. Es kam nicht ganz so schlimm wie erwartet. Die Zahlen werden Ende Juli veröffentlicht.
Wieder auf Kurs
Die Hersteller, die es allesamt ordentlich durchgerüttelt hat, sind am Weg der Besserung. 389.000 Fahrräder lieferten sie im Vorjahr aus, um 1,7 Prozent weniger als im Jahr davor, bei leicht steigendem Umsatz (plus 3,9 Prozent). Rund 230.000 Fahrräder wurden von KTM gebaut. Die Branche hatte von 2017 bis 2023 "sensationelle Jahre", sagt KTM-Geschäftsführer Limbrunner, jetzt "stabilisieren wir uns gerade". Rund 400 Leute sind in Mattighofen noch beschäftigt. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wurden rund 350 Millionen Euro Umsatz (nach zuletzt 384) erwirtschaftet. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 waren es 640 Millionen.
Auch der Kinderfahrradproduzent Woom vermeldete zuletzt wieder ein "deutlich positives Ergebnis". Knapp 300.000 Fahrräder und gut 100.000 Helme habe man in den ersten sechs Monaten verkauft, 107 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Das Helmsegment entwickelte sich dabei mit einem Umsatzplus von 17 Prozent genauso dynamisch wie das Fahrradgeschäft. Die Rede ist von einem "erfolgreichen Turnaround". Das Wachstum kommt vor allem aus den nordischen und den Benelux-Ländern und dem Vereinigten Königreich. Fachhändler Streicher hat keine außergewöhnlichen Wachstumsfantasien. Er sagt, dass er sich darauf konzentrieren werde, seine Dienstleistungen zu fairen Preisen anzubieten. Auftauchen könne man bei ihm nicht nur mit hochpreisigen Modellen, sondern auch mit dem Waffenrad. (Regina Bruckner, 23.7.2026)
Forum: 253 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.