Dießener Fayencen beim Apfelbaumpflanzen entdeckt

Stand: 23.07.2026, 12:47 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Wolfgang Lösche, Barbara Blankenburg

Fachmann zu Gast: Wolfgang Lösche referierte über die Wiederentdeckung der handwerklichen Fayencen aus Dießen. Marktarchivarin Barbara Blankenburg moderierte die Veranstaltung. © Nagl

1963 stieß Ernst Lösche beim Pflanzen eines Apfelbaums auf bemalte Keramikscherben. In den 1970er-Jahren wurde auf dem Grundstück in St. Georgen eine Werkstattbruchgrube freigelegt.

Dießen – Anlässlich des 700. Marktjubiläums lädt Dießen mit der Vortragsreihe „Siebenmal Dießen“ dazu ein, die Geschichte des Ortes aus unterschiedlichen Blickwinkeln neu zu entdecken. Im zweiten Vortrag nahm der Volkskundler, Kunsthistoriker und Keramikforscher Wolfgang Lösche seine zahlreichen Zuhörer mit auf eine spannende Reise in die Geschichte des Hafnerhandwerks, einer Tradition, die den Markt über Jahrhunderte geprägt hat.

Fayencekrug 1676

Ein Dießener Fayence-Krug aus dem Jahr 1676 befindet sich heute im Fayencemuseum in Dillingen. © Lösche

Heute sei die Marktgemeinde vor allem durch den Dießener Töpfermarkt berühmt, „einen der schönsten und interessantesten Keramikmärkte Europas“, betonte Marktarchivarin Barbara Blankenburg. „Wer sich im Ortsbild genau umsieht, wird an vielen Fassaden keramischen Schmuck entdecken, der in Dießen hergestellt wurde. Und nicht zuletzt sind auch im Rathaus bedeutende historische Keramikstücke ausgestellt.“

Warum die Geschichte der Keramikproduktion in Dießen für die Forschung von besonderer Bedeutung ist, erläuterte Wolfgang Lösche anhand zahlreicher Bilddokumente und wissenschaftlicher Erkenntnisse. Im Mittelpunkt seines Vortrags standen die Hafner des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Werkstätten mit der Herstellung hochwertiger handwerklicher Fayencen den Ruf Dießens begründeten. Gemeint ist das „Plab und Weiß-Geschirr“ – kunstvoll gefertigte, blau-weiße Fayencen, die nach heutigem Forschungsstand zu den frühesten bekannten Fayencen Süddeutschlands zählen.

Deren Wiederentdeckung sei, so Lösche, einem „puren Zufall“ zu verdanken. „Es ist schon eine Legende, aber ich muss sie immer wieder erzählen“: Im Jahr 1963 sei sein Vater Ernst Lösche beim Pflanzen eines Apfelbaums auf eine große Menge von Keramikscherben gestoßen. „Es waren auch bemalte Stücke dabei – Stücke, die man zuvor in Dießen noch nie zu Gesicht bekommen hatte.“

In den 1970er-Jahren wurde schließlich auf dem Grundstück der Keramikwerkstatt Lösche in St. Georgen ein wahrer Schatz freigelegt: eine Werkstattbruchgrube, in der Generationen von Hafnern über Jahrhunderte ihre Produktionsabfälle deponiert hatten. Weitere Funde auf Hafnergrundstücken an der Mühlstraße, der Prinz-Ludwig-Straße, der Johannisstraße und der Schützenstraße ergänzten das Bild. Beim Arbeiten am Dießener Münsterkirchturm im Jahr 1985 stießen Bauarbeiter zudem auf die Reste der ehemaligen Klosterapotheke. Unzählige Scherben, Fehlbrände und Ofenreste ermöglichen heute einen unmittelbaren Einblick in die Arbeitsweise der damaligen Hafner.

Auch das Grundstück des ehemaligen Gasthofs „Drei Rosen“ sei im Status Animarum als ehemaliges Hafnergrundstück ausgewiesen, betonte Lösche. Das bedeutende Kirchenbuch aus dem Jahr 1704 verzeichnet sämtliche Anwesen des damaligen Hauptortes Dießen sowie der Ortsteile St. Georgen und Wengen. „Wenn auf dem Drei-Rosen-Grundstück bald neue Wohnungen gebaut werden, dann schaue ich natürlich genau hin, was dort aus der Erde kommt“, sagte Lösche.

Durch die Ausgrabungen und durch historische Schriftstücke aus der Klosterkämmerei sowie aus dem Rathaus konnte außerdem nachgewiesen werden, dass in Dießen vom 11. bis ins 18. Jahrhundert kontinuierlich Keramik produziert wurde. Das älteste Zeugnis ist die Keramikgrabplatte der Seligen Kunissa von Dießen, die im Jahr 1020 verstarb. Damit wird deutlich, dass der heutige Dießener Töpfermarkt keine moderne Erfindung ist, sondern auf einer jahrhundertealten handwerklichen Tradition aufbaut. (una)