Die Brat macht jetzt Rock: Wie ist Charli XCX' Album "Music, Fashion, Film"?

Musikneuerscheinung

Die Brat macht jetzt Rock: Wie ist Charli XCX' Album "Music, Fashion, Film"?

Der giftgrüne "Gören-Sommer" 2024 ist vorbei. Die hyperaktive britische Allzweckwaffe des Pop macht jetzt "Rockmusik". Drei Blicke auf das Album

Christian Schachinger Jakob Thaller Helene Slancar

Schwarz-weiß-Fotografie einer Person, die einen auffälligen, pelzartigen Mantel, ein Oberteil mit Spitze und eine gemusterte Hose trägt. Die Person hat dunkles Augen-Make-up und befindet sich in einem schlichten, dunklen Raum.
Von Giftgrün zu Schwarz-Weiß: Für Charli XCX scheint das bunte Popleben ausgerechnet im Sommer 2026 vorbei. Derzeit hält man bei schickem Rocker- und Heroin-Chic.

Generischer Bastard

Das Cover zeigt drei alte Männer in einer abgerockten Küche sitzend. John Cale hat mit The Velvet Underground die dunkle Seite der Rockmusik miterfunden. Die legendäre Zwiderwurzn blickt relativ unangefressen in die Kamera. Auch Modemacher Marc Jacobs und Regisseur Martin Scorsese wirken abgelebt. Vielleicht aber haben sie als große Vorbilder der Frau auch nur deren neues Album gehört. Es verbreitet keine gute Laune. Der 2024 von Charli XCX dank ihres Albums Brat ausgerufene "Görensommer" und eine damit verbundene lebensfrohe Aufsässigkeit scheinen vorüber.

Charli XCX geht es als Frontfrau des Hyperpop nun so richtig schlecht, obwohl es ihr eigentlich gut gehen müsste. Aber Vorsicht, Ironie und Rollenprosa! "We’re both under the influence of life imitating art, and we both know it." Auch im Bentley wird geweint. Die Welt geht dann in SS26 trotzdem unter. In I'm Afraid hat Charli Angst. Charli macht auf Bartleby, der Schreiber und verweigert. "I'd rather not" wird bei ihr zu "I don't want to". Am Schluss führt sie auf einer Party in Paris eine Konversation zum Thema Philosophie. Très chic! Horrorspezialist David Cronenberg als Gast raunt dazu wissend "Nothing lasts forever".

Schwarz-weiß-Fotografie von drei Männern in einer Küche. Zwei sitzen in schwarzer Kleidung an einem Tisch, einer hält eine Zigarette, während der andere mit ernstem Ausdruck den Betrachter anschaut. Der dritte Mann steht im Hintergrund lässig an einer Wand gelehnt. Auf dem Tisch steht ein Aschenbecher.
John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese als Coverboys des neuen Albums.

Charli XCX macht laut Eigenbekunden "Rockmusik". Der Dancefloor sei tot. Die neue Musik klingt wie ein generischer Bastard aus Sabrina Carpenter, dem runtergedimmten Titelsong aus Malcolm mittendrin und einer milden Form von Grunge-Depression. Ein Hit ist nicht dabei. Auch das geht vorüber. Uns bleibt immer noch ihr Banger von 2012, I Love It für das schwedische Duo Icona Pop. (Christian Schachinger)

Ganz gut

Mit dem giftgrünen Pop-Ereignis Brat gewann die früher eher undergroundige Charli XCX 2024 wohl mehr Fans, als sie jemals wollte. Gleichzeitig erntete sie ratlose Aufmerksamkeit älterer Generationen, die sich in demonstrativ verständnislosen Fragen wie "Muss man die kennen?" oder "Muss man das verstehen?" manifestierte. Dass nach diversen anderen Projekten ausgerechnet drei alte Kult-Männer das Albumcover zieren, sollte sowohl die Pop-Girlies als auch die Kultursnobs irritieren.

Ein Rock-Album ist es ungeachtet des Titelsongs Rock Music nicht geworden, maximal hört man da poppigen Rock oder aber eher rockigen Pop. Trotzdem tragen Zeilen wie "I'm really banging my head / I'm really hurting my neck / The nerve damage is real" eine so charmante Selbstironie in sich, dass sich davon selbst jene Veteranen der Fraktion Stromgitarre verstanden fühlen dürften, die wie der geschätzte Kollege Christian Schachinger bereits vor der Geburt von Charli XCX einen Teil ihres Hörvermögens eingebüßt haben.

Auf der grungigen Shopping-Hymne Card Declined dröhnt eine nett verzerrte Gitarre vor sich hin, im darauffolgenden Camera überlegt Charli, ihr Leben wegzuwerfen, weil sich die ganze Aufmerksamkeit doch als unangenehm erwiesen hat. Dass sie nicht die Erste mit dieser Erkenntnis ist, schwingt dabei ständig im ausgeprägten Bewusstsein für die eigene Performativität mit. Sollte man das nicht gut finden, war das sowieso ihre Absicht.

Beinahe verfängt sich das Album in dieser Selbstironie, doch dann wird man im Abschlusslied von David Cronenberg abgeholt, der mit eindringlichen Worten über die Endlichkeit des Lebens sinniert. Am Ende ist alles schlecht. Und das ist ganz gut. (Jakob Thaller)

Nicht unspannend

Jeder, der schon einmal eine Nacht im Club durchgefeiert hat, weiß, der Tag danach ist, gelinde gesagt, ernüchternd. Nachdem die Tanzfläche totgetanzt wurde und die letzten hoffnungsvollen Sounds ihres Hyperpop-Hits Brat verklungen sind, ist auch Charli XCX auf ihrem neuen Album mehr oder weniger entzaubert. Auf Music, Fashion, Film sind die Nachwirkungen des limettengrünen Vorgängers nur mehr in absurd platzierten Pausen, Glitches und heruntergeschraubtem Autotune-Gequake zu spüren. Wenn Rockmusik aus Schrumm-Schrumm-Gitarren besteht, dann hält Music, Fashion, Film das Versprechen, das es mit dem ersten Song macht, ein. Ansonsten ist das Genre mehr als Richtlinie zu verstehen: Die Drums kommen aus der Maschine und die Gesangsperformance ist trocken.

Auch die Texte von Music, Fashion, Film sind aufs Mindeste heruntergeschraubt. Sie handeln von Charli als Mensch in der Öffentlichkeit, als Produkt eines fehlerhaften Markts, einer apathischen Figur des Spätkapitalismus (etwa in Card Declined). Die elf kurzen Liedchen sind eingeklammert von einer Art Galgenhumor: Schon in SS26 stellt Charli fest, weder Musik, noch Mode oder Film werden die Gesellschaft vor dem Zerfall retten. Mit endlosen Loops wird die fatale Vermutung illustriert, Kunst hätte außer endlosen Reproduktionen nichts mehr zu bieten.

Im letzten Song, einer Zusammenarbeit mit Filmregisseur David Cronenberg und vielleicht dem einzigen direkten Wink auf die titelgebende Disziplin, heißt es nicht weniger beunruhigend: "Nothing lasts forever". Charli XCX hat mit Music, Fashion, Film nicht versucht, sich selbst zu übertreffen. Gerade mit diesem Minimalismus ist ihr ein nicht unspannendes Album gelungen, mit dem sie den Boden für Neues ebnet. (Helene Slancar, 24.7.2026)

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