Deutsch lernen zwischen Stadtgeschichte und Alltag: Wie eine "Sprachmission" Migranten in Halle beim Ankommen hilft

Stadtgeschichte in Halle

Deutsch lernen nicht im Klassenzimmer – sondern mitten im Geschehen

Stand: 23.07.2026 20:22 Uhr

Deutschunterricht muss nicht immer im Klassenraum stattfinden. Beim Deutschen Roten Kreuz in Halle geht es für die Teilnehmer regelmäßig hinaus in die Stadt. Bei der jüngsten "Sprachmission" führte der Weg zum halleschen Stadtbad. Dort traf Sprachförderung auf Stadtgeschichte, Ehrenamt und Integration.

von Tino Wiemeier, MDR SACHSEN-ANHALT

An diesem Morgen sieht zunächst alles nach einem ganz gewöhnlichen Unterrichtstag aus. Rund 20 Frauen und Männer sitzen im Seminarraum des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Halle. Die Teilnehmer stammen unter anderem aus der Ukraine, Afghanistan und Eritrea. Vorne steht Sprachlehrer Dzmitry Turchyn und erklärt das Programm des Tages.

In einem Raum sitzen an in U-Form gestellten Tischen erwachsene Menschen, jeweils Zettel vor sich, in ihrer Mitte steht ein Mann

Die "Sprachmission" in Halle im Kursraum des DRK.

Doch statt Grammatikübungen und Vokabeltraining wartet diesmal ein Ausflug auf die Gruppe. Ziel ist das historische Stadtbad Halle im Paulusviertel. "Heute geht es auf eine Sprachmission", kündigt Turchyn an.

Der gebürtige Belarusse arbeitet im Projekt "Leben. Zukunft. Sachsen-Anhalt" und setzt bewusst auf einen anderen Ansatz als viele klassische Sprachkurse. Sprache soll nicht nur gelernt, sondern vor allem angewendet werden. Deshalb verlassen die Teilnehmer regelmäßig den Unterrichtsraum und erkunden gemeinsam ihre Umgebung.

Video: Baustellenbesuch beim Stadtbad Halle (2 Min)

Idee kam aus dem Kurs

Die Anregung für die "Sprachmission Stadtbad Halle" kam von einer Teilnehmerin. Die Ukrainerin Nadiia Chekhliaieva lebt seit vier Jahren in Halle. Schon früh interessierte sie sich für die Geschichte des Stadtbads und hatte darüber sogar einen Vortrag im Sprachkurs gehalten.

"Ich finde, wenn man in einer neuen Stadt wohnt, muss man ihre Geschichte und wichtige Orte kennenlernen", sagt sie. Für Sprachlehrer Dzmitry Turchyn war die Idee sofort interessant. Schließlich gehe es nicht nur darum, neue Wörter zu lernen, sondern auch darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihre neue Heimat besser kennenzulernen.

Integration durch Begegnung

Finanziert wird das Angebot über den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der Europäischen Union. Das Projekt richtet sich an Menschen aus Nicht-EU-Staaten und soll deren Integration erleichtern.

TeilnehmerInnen treffen sich zu Sprach- und Integrationsförderung im "Café Merhaba" in Stendal

Neben niedrigschwelligen Sprachkursen gehören Informationsveranstaltungen, Begegnungsnachmittage und gemeinsame Exkursionen zum Konzept. Die Teilnahme ist freiwillig. Prüfungen oder Zertifikate stehen nicht im Mittelpunkt. Stattdessen geht es um praktische Erfahrungen, Begegnungen und um die Frage, wie Sprache im Alltag genutzt werden kann. Katja Fischer, Geschäftsführerin des DRK-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, sieht darin einen wichtigen Baustein erfolgreicher Integration.

Auch an anderen Standorten des Projekts werden ähnliche Ansätze verfolgt. Während Teilnehmer in Naumburg beispielsweise Exkursionen in Weinanbaugebiete unternehmen, gibt es in der östlichen Altmark Angebote in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter. "Immer nach den Bedürfnissen und Interessen der Teilnehmer", beschreibt Fischer den Ansatz.

Sprache dort lernen, wo sie gebraucht wird

Dass das Konzept funktioniert, davon ist Dzmitry Turchyn überzeugt. In den vergangenen Monaten haben die Teilnehmer bereits verschiedene Stadtteile Halles erkundet. Im Paulusviertel etwa mussten sie Passanten nach dem Weg fragen oder bestimmte Orte und Geschäfte finden. Vokabeln werden dabei nicht abstrakt gepaukt, sondern in konkreten Situationen angewendet. "Die Sprache wird dort am besten gelernt, wo man sie braucht", sagt Turchyn.

Zwei Zahnräder mit Fahnen darauf

Vor dem Stadtbad wird deutlich, warum viele Menschen das Angebot nutzen. Sie möchten im Alltag sicherer werden, neue Kontakte knüpfen und bessere Chancen im Berufsleben haben. Kursteilnehmerin Iryna Liskova beschreibt es so: Sie wolle mit unterschiedlichen Menschen sprechen, sich verständigen und besser verstehen, was bei der Arbeit von ihr erwartet werde. Für viele bedeute gutes Deutsch vor allem eines: dazugehören.

"Sie wollen sich hier wohlfühlen und die Sprache ist in dem Zusammenhang A und O", sagt Turchyn. "Ohne Sprache geht die Integration nicht."

Vom Stadtbad ins "Statt-Bad"

Das eigentliche Ziel des Ausflugs wartet anschließend im sogenannten "Statt-Bad". Weil das historische Stadtbad derzeit saniert wird, nutzt der Förderverein Zukunft Stadtbad Halle andere Räume als Quartier und Veranstaltungsort. Dort erhalten die Teilnehmer einen eigens angepassten Vortrag zur Geschichte des denkmalgeschützten Gebäudes.

Erwachsene Menschen sitzen in einem Raum, an dessen Wand viele Gesichter abgebildet und das Wort "Wasserfreude", und tragen etwas auf Zettel ein. Vor ihnen steht ein Mann und spricht.

Nächster Halt: Stattbad. Hier bekommen die Kursteilnehmenden einen Vortrag.

Referent Wieland Kunze engagiert sich sowohl ehrenamtlich beim DRK als auch beim Förderverein. Für sein besonderes Publikum hat er Tempo und Inhalte bewusst angepasst. "Langsamer und einfacher und nicht so viele Details, wie ich das bei normalen Führungen mache", erklärt er.

Beim Zuhören kommen moderne Übersetzungsprogramme auf Smartphones zum Einsatz. Gleichzeitig machen sich viele Teilnehmer ganz klassisch mit Stift und Notizblock Notizen. Neue Begriffe, historische Fakten und unbekannte Redewendungen werden festgehalten und später im Unterricht weiterverarbeitet.

Ein Zettel mit einer Tabelle, über der steht: "Sprachmission Stadtbad" und "Aufgabe 1: Hör gut zu!"

Ohne Unterrichtsaufgaben geht es auch bei einer "Sprachmission" im Deutschkurs nicht.

Ein Projekt, das nach Wiederholung verlangt

Für Kathleen Hirschnitz, Vorsitzende des Fördervereins Zukunft Stadtbad Halle, ist die Zusammenarbeit mit dem DRK etwas Besonderes. Zwar arbeite der Verein regelmäßig mit anderen Partnern zusammen, die Verbindung von Sprachförderung, Integration und Stadtgeschichte sei jedoch neu. "Mit dem DRK und dem Thema Integration, Sprachförderung, das ist natürlich ein völlig neues Format", sagt sie. "Ich glaube, es schreit nach Wiederholung."

Am Ende des Tages nehmen die Teilnehmer weit mehr mit als nur Informationen über das Stadtbad. Sie haben neue Menschen kennengelernt, ihre Kenntnisse der deutschen Sprache erweitert und zugleich ein Stück Hallesche Stadtgeschichte entdeckt.

Genau das war das Ziel der Sprachmission. Und genau darin liegt die Idee des Projekts: Deutsch nicht nur im Klassenzimmer zu lernen, sondern dort, wo das Leben stattfindet.

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MDR (Tino Wiemeier, Alisa Sonntag)