Angelika Klüssendorfs Roman «Trost»: Konfliktlinien einer Patchworkfamilie
Der tägliche Kampf mit den eigenen Gefühlen ist auch ein komatöser Zustand: Angelika Klüssendorfs neues Buch «Trost»
Die Romane der in der DDR aufgewachsenen Autorin sind Wunderwerke der Entzauberung. In «Trost» widmet sie sich den Konfliktlinien in Patchworkfamilien.
Paul Jandl18.07.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Unerbittlich einfühlsame Beobachtungsgabe: die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf.
DTS/Imago
Der schönste Satz über Hühner steht im Buch «Autobiographie» des amerikanischen Schriftstellers Robert Creeley: «Hühner sind so offensichtlich verletzlich, dass sie einem ein seltsames Vertrauen entgegenbringen und man sich gross fühlt, zuständig und gütig, wenn man sieht, dass wieder einmal alles in Ordnung ist bei ihnen.» Eine ganze Hühnerphilosophie, die natürlich auch eine Menschenphilosophie wäre, könnte man an diesen Satz anhängen. Und damit wiederum würde man sich schon ein Stück auf den neuen Roman von Angelika Klüssendorf zubewegen, der passenderweise «Trost» heisst.
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In «Trost» geht es um Eulenbarthühner, die in einem brandenburgischen Dorf vor sich hin scharren, und um die Menschen, die sich um sie kümmern. Man ahnt mehr voneinander, als man vom jeweils andern wissen kann. Was wissen die Hühner, als ihre Bezugsperson Rita eines Tages vor dem eigenen Haus zusammenbricht? Sie wird nicht zurückkehren. Der Stich einer mitten im Februar verschluckten Wespe hat einen allergischen Schock ausgelöst. Die Atemnot führt zur Sauerstoffunterversorgung des Gehirns und damit zum Koma. Aus dem Koma wird Rita nicht mehr erwachen.
Rita war Schriftstellerin. Sie hatte gerade an einem Buch über «Tiere vor Gericht» gearbeitet. Im Jahr 864 hat der Rat von Worms einen unbotmässigen Bienenstock zum Tod durch Ersticken verurteilt. Im Jahr 1587 gab es in St. Julien einen achtmonatigen Prozess gegen Rüsselkäfer. «Käfer» wird Rita von ihrem Freund Joachim genannt, aber es ist kein Kosename mehr, sondern ein Schuldspruch: über das Wesen, das da neben ihm kreucht. Mit der Wucht zynischer Teilnahmslosigkeit wird es Schritt für Schritt zertreten.
Affenzirkus namens Liebe
Angelika Klüssendorfs Romane sind Wunderwerke der Entzauberung. Die komplexe Unheimlichkeit menschlicher Beziehungen wird hier in eine einfache und dennoch vielschichtig schillernde Sprache gebracht. Mit dem Roman «Das Mädchen» hat die in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin vor fünfzehn Jahren eine autobiografische Trilogie begonnen, die vordergründig an Tristesse kaum zu überbieten war. Der Vater Alkoholiker, die Mutter Sadistin. Kinderheim, Jugendgefängnis. Aber auch Hoffnung, weil selbst in diesem Roman die Liebe das biegsame Rückgrat des Lebens ist.
Vieles, was in den früheren Büchern Klüssendorfs steckt, findet sich auch in «Trost». Vor allem die unerbittlich einfühlsame Beobachtungsgabe, die vielem etwas Tragikomisches gibt. Keiner ist unschuldig an der Misere, in die sich Menschen bringen, die einander mögen. Aber keiner ist wirklich schuld. Das ist der Trost von «Trost», dem Roman, der in und um Berlin spielt. In unüberschaubaren Patchworkfamilienverhältnissen, wie sie heute üblich geworden sind und zu ganz neuen Konfliktlinien führen.
In der Rückschau erlebt man zu Beginn des Romans noch ein gemeinsames Weihnachtsfest. Die Feierlichkeit als Katalysator persönlicher Eigenschaften erfüllt ganz ihren Zweck. Joachim macht sich über Rita lustig. Er kann ihr ihre Zuneigung zu den Hühnern nicht verzeihen und dass sie ihnen Namen gibt. Rita bleibt in ihrem alten Beziehungsmuster gefangen. Sie «hat Angst, verlassen zu werden, und so tut sie alles dafür, dass sie verlassen wird – als wollte sie es hinter sich bringen. Wenn es nicht geschieht und der andere hartnäckig bleibt, beginnt sie sich aufzulösen. Sie führt einen Affenzirkus auf, sich dieser Liebe würdig zu erweisen, erspürt Stimmungen, bevor sie da sind.»
Zu Weihnachten ausserdem mit dabei: Joachims Kinder aus seiner früheren Beziehung mit Renate. Sie heissen Jane und Eric. Eric ist in Begleitung seiner Freundin Helene und seines Sohnes Malte. Die siebzehnjährige Jane hat zu Rita eine zwischen kindlicher Vertrautheit und Frauensolidarität angesiedelte Beziehung aufgebaut. Nach der gewissermassen als Prolog dienenden Beschreibung des Weihnachtsfestes ist sie es, die in grosse Verzweiflung ausbricht. Ritas Unfall und die allmähliche Gewissheit, dass sie nicht mehr aus dem Koma erwachen wird, sind ein Schock, der ihr Leben aufs Schwerste erschüttert.
Joachim versucht, Souveränität zu bewahren, was sich allerdings als brüchiges Unterfangen erweist. Er braucht Tage, um sich zu einem Krankenhausbesuch durchzuringen, und sucht schnell Trost bei der achtundzwanzig Jahre jüngeren Schwester von Ritas Nachbarn. Mit Folgen: Die Schmuckdesignerin Kerstin wird schwanger. Und sie will das Kind behalten.
Enzyklopädie der Tröstungen
Der faszinierend multiperspektivisch angelegte Roman «Trost» liefert eine ganze Enzyklopädie der Tröstungen. Allerdings sind es in den meisten Fällen Selbsttröstungen. Joachims Ex-Frau verbringt die Tage mit einem Glas Wein vor dem Fernseher und versinkt so weit in den Rollen billiger Serien, dass sie schon genauso spricht wie ihre Lieblingsfiguren. Helene, die Schwiegertochter, rettet sich in eine Scheinwelt aus Esoterik und Drogen, während ihr weitgehend einkommensloser Mann Eric davon träumt, einmal gross herauszukommen. Als Barbesitzer.
Es sind die Corona-Jahre, während deren «Trost» angesiedelt ist. Der Ukraine-Krieg hat in diesem Jahr 2022 auch schon begonnen, und so sieht man die Gymnasiastin Jane und ihre Schulfreundin Lea als lebendigen Ausbund der Generation Z. Z wie abgrundtiefer Zweifel. «Ich kann gar nicht mehr denken, als bestände mein Gehirn aus knallender Blisterfolie», sagt Lea. Mit ihrer Intelligenz rettet sie sich dennoch in ein erstklassiges Abitur, während Jane die Schule hinschmeisst. Dennoch ist Jane, die junge Tochter Joachims, so etwas wie ein philosophischer Anker in Angelika Klüssendorfs Roman. Die Siebzehnjährige ist eine Menschenbeobachterin und sagt kluge, bisweilen auch etwas altkluge Dinge: «Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe.»
In «Trost» bleibt Ritas Koma eine tragische Referenzgrösse. Ein Nullzustand zwischen Leben und Tod, der den Herzschlag der übrigen Romanfiguren nur umso deutlicher spürbar macht. Buchstäblich berührend sind die Szenen, in denen Joachim und Jane am Krankenhausbett zu Rita Kontakt aufzunehmen versuchen. Von der einen Welt in die andere, vom Jetzt in eine Vergangenheit, in der die gemeinsamen Geschichten auf immer festhängen.
Was Angelika Klüssendorf kann: menschliche Eigenschaften als Aggregatzustände beschreiben, als etwas Wandelbares. Die Menschen in dieser so kompakt erzählten Geschichte werden nicht einem Verdacht ausgesetzt, sondern sind begleitet von einer empathischen Unschuldsvermutung. Womöglich ist der tägliche Kampf mit den eigenen Gefühlen auch ein komatöser Zustand. Man kann aus sich nicht heraus und kann sich den anderen nicht vermitteln.
Zurück zu den Hühnern, von denen eines am Ende des Romans noch eine bedeutende Rolle spielt: Der grösste Trost wäre es, wenn sich Robert Creeleys schöner Satz als Handlungsanleitung unter den Menschen durchsetzte: «Die Menschen sind so offensichtlich verletzlich, dass sie einem ein seltsames Vertrauen entgegenbringen und man sich gross fühlt, zuständig und gütig, wenn man sieht, dass wieder einmal alles in Ordnung ist bei ihnen.»
Angelika Klüssendorf: Trost. Roman. Piper-Verlag, München 2026. 208 S., Fr. 35.90.
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