Der Ausnahme-Coach: England-Trainer Tuchel auf den Spuren eines Wieners
Thomas Tuchel kann dieser Tage WM-Geschichte schreiben. Holen sich die Engländer am Sonntag in East Rutherford das erste Mal nach 60 Jahren wieder den FIFA-WM-Pokal, dann tun sie das als erste Mannschaft mit einem Trainer, der einen anderen Pass als seine Spieler besitzt.
Denn siehe da – noch nie konnte ein Team mit einem ausländischen Trainer Weltmeister werden. Tuchel fehlen nur noch zwei Spiele: das heutige gegen Argentinien in Atlanta und das Finale am Sonntag.
Zwei Finalisten
Keine Premiere wäre es, ins Finale einzuziehen. Und da tun sich große Parallelen mit einem Trainer auf, der in seinem Metier zu den Besten zählte: Ernst Happel. Der 1992 verstorbene Wiener, der oft als Grantler beschrieben wurde, führte die Niederländer 1978 in Argentinien auf Platz zwei. Erst im Endspiel von Buenos Aires gab es eine 1:3-Niederlage gegen die Gastgeber.

Legende Ernst Happel
Happel war damals wie Tuchel heute 52 Jahre alt – und seine Vorgeschichte ähnlich. Als Kicker war der Deutsche zwar im Gegensatz zum Österreicher nicht wirklich erfolgreich (drei Einsätze im DFB-U18-Team, aber nie in der Bundesliga), aber in der Trainerlaufbahn gibt es eine Gemeinsamkeit: 1970 holte Happel mit einem niederländischen Klub (Feyenoord Rotterdam) den Europapokal der Landesmeister.
Welttrainer des Jahres
Tuchel schaffte dies auch mit einem Klub aus dem Land, dessen Nationalteam er nun betreut: 2021 gewann er mit Chelsea den Nachfolgebewerb – die Champions League. Happel legte 1970 mit dem Weltpokal nach, Tuchel 2021 mit dem Triumph bei der Klub-WM und wurde auch Welttrainer des Jahres.
Doch der erste in dieser erstaunlich dünnen Liste war ein Engländer. George Raynor führte sensationell Schweden zum Vizeweltmeistertitel 1958 im eigenen Land. Erst gegen Brasilien gab es im Finale eine 2:5-Niederlage. Sechs Jahre zuvor hatte Raynor die schwedische Olympiaauswahl zu Bronze geführt.
Ebenfalls erwähnenswert: Der Spanier Roberto Martinez wurde mit Belgien 2018 in Russland WM-Dritter. Bei der laufenden WM trainierte der mittlerweile 53-Jährige die Portugiesen und trat nach der 0:1-Achtelfinalniederlage ausgerechnet gegen sein Heimatland zurück.
Deutsche Heldensaga
Bei Europameisterschaften gab es bereits einen Titelträger im „fremden Land“ – und das war auch ein Deutscher. Trainer-Legende Otto Rehhagel schaffte 2004 sensationell mit Griechenland den Coup und wurde dort zum Volkshelden. Übrigens nach einem 1:0-Finalsieg über die Portugiesen, die vom Brasilianer Luiz Felipe Scolari betreut wurden.
kurier.at, hot | 15.07.2026, 6:30