Geerbter Wohlstand: Was deutschen Milliardären fehlt
Der andere Blick mit Daten
Wer in Deutschland wirklich reich werden will, muss erben. Das ist ein schlechtes Zeichen
Deutschland hat im internationalen Vergleich die wenigsten Selfmade-Milliardäre. Das zeigt, wie sehr es dem Land an wirtschaftlichem Schwung mangelt. Und es weckt gefährliche Begehrlichkeiten.
25.07.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Deutschland ist ein reiches Land, noch jedenfalls. Doch seit Jahren mangelt es ihm an wirtschaftlicher Dynamik. Wenn das so bleibt, ist für viele Deutsche der Traum vom wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg gefährdet. Schon ist die Rede von verkrusteten Strukturen.
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Wie verkrustet sie wirklich sind, zeigt ein Blick in die Welt der Superreichen, den die NZZ mithilfe von Daten des amerikanischen Wirtschaftsmagazins «Forbes» geworfen hat:
Die obigen Daten zeigen: Wer in Deutschland wirklich reich werden will, muss erben. Unter allen Staatsangehörigkeiten mit mindestens 50 Milliardären hat Deutschland den höchsten Anteil an Erben. Von den 208 Milliardären mit deutscher Staatsangehörigkeit sind es laut «Forbes» 154. Das sind 74 Prozent, weit mehr als beispielsweise in der Schweiz mit 57 Prozent. Ebenso hoch ist der Anteil der Erbmilliardäre, wenn man den Wohnsitz in Deutschland zugrunde legt. Von den 3348 Milliardären, für die Forbes angibt, ob sie ihr Vermögen geerbt oder selbst aufgebaut haben, sind weltweit 33,1 Prozent Erben.
Auffällig ist ausserdem, dass der Anteil an Frauen unter den deutschen Milliardären bei nur 28 Prozent liegt. Keine einzige hat es laut «Forbes» aus eigener Kraft in den Klub der Superreichen geschafft.
Das zeigt zunächst, welchen enormen Wohlstand frühere Generationen in Deutschland geschaffen haben. Erben wie Stefan Quandt und seine Schwester Susanne Klatten, beide Aktionäre von BMW, Theo Albrecht junior, Karl Albrecht junior und Beate Heister von Aldi, Friede Springer und Liz Mohn von Bertelsmann stehen sinnbildlich für eine Generation, die ihren Reichtum dem Erbe dynamischer Gründer zu verdanken hat.
Mangel an Unternehmergeist
Es zeigt aber auch, wie sehr es Deutschland mittlerweile an wirtschaftlichem Schwung mangelt. Vom einstigen Unternehmergeist ist kaum noch etwas zu sehen. Der letzte grosse Weltkonzern, den Deutsche gegründet haben, ist das Walldorfer Softwareunternehmen SAP. Das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. In der Zwischenzeit sind andere Länder an Deutschland vorbeigezogen, vor allem die USA und China.
Elon Musk hat mit Tesla und SpaceX, Jeff Bezos mit Amazon und Mark Zuckerberg mit Facebook Unternehmen von Weltrang geschaffen. In China haben Jack Ma mit Alibaba und Ren Zhengfei mit Huawei das Gleiche getan. Ihre Produkte und Dienstleistungen haben bestehende Märkte umgekrempelt und neue geschaffen. Mit ihren Ideen haben sie den Volkswirtschaften Wachstumsimpulse gegeben. So sind sie zu Selfmade-Milliardären geworden.
Vergleichbare Erfolgsgeschichten sucht man in Deutschland vergebens. Zwar wurden zwischen Flensburg und Garmisch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 3053 Unternehmen gegründet. Das ist besser als nichts. Doch mangelt es den Neugründungen hierzulande an durchschlagenden Innovationen, die volkswirtschaftlich einen Unterschied machen. Lediglich 36 der in Deutschland ansässigen Startup-Unternehmen sind sogenannte Einhörner, Unternehmen mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Euro, die nicht an der Börse notiert sind. Zum Vergleich: In den USA gibt es 806 Einhörner, in China 381, in Grossbritannien immerhin noch 80 und in Indien 61.
Keine schöpferische Zerstörung
Neugründungen in Deutschland fällt es schwer, aus den Kinderschuhen zu wachsen. Ein Grund dafür ist der Mangel an Wagniskapital und an Fachkräften; bei den Investitionen von Wagniskapitalgebern liegt das Land im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung international auf dem 18. Platz, hinter den USA und den europäischen Nachbarländern.
Dazu kommen Regulierungen und Bürokratie, die den Gründern Fesseln anlegen. Gebremst wird die Bereitschaft zur Gründung von Unternehmen ausserdem durch die hohe Steuer- und Abgabenlast sowie das restriktive Arbeitsrecht. Viele Gründer zieht es daher ins Ausland, vor allem in die USA, wo Wagniskapitalgeber darauf warten, ihr Geld in erfolgversprechende Startups zu investieren.
Der Mangel an wirtschaftlicher Dynamik durch «schöpferische Zerstörung» nach Joseph Schumpeter spiegelt sich in den Vermögensstrukturen wider. Deutschland ist ein Land, in dem das individuelle Vermögen stark durch jenes der Eltern bestimmt wird. Entsprechend gering ist die Durchlässigkeit zwischen den Vermögensschichten. Das Vermögen der Deutschen beruht zu 30 bis 50 Prozent auf Erbschaften und Schenkungen.
Dabei entfällt die Hälfte des jährlichen Erbschafts- und Schenkungsvolumens auf die obersten 10 Prozent der Erben. Die unteren 50 Prozent erhalten lediglich 7 Prozent der Erbschaften.
Forderung nach höherer Erbschaftssteuer
In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird die Bedeutung der Erbschaften zunehmen. Denn dann reicht die Babyboomer-Generation, die derzeit den Grossteil der Vermögen hält, diese an ihre Kinder und ihre Enkel weiter. Ökonomen schätzen das jährliche Erbschaftsvolumen auf Werte zwischen 200 und 400 Milliarden Euro.
Besondere Bedeutung kommt dem Betriebsvermögen zu. Es befindet sich zum grossen Teil in den Händen der reichsten 1 Prozent der Haushalte und macht rund 50 Prozent ihres Vermögens aus. Im Vergleich zu den Spareinlagen, die für die untere Hälfte der Vermögensbesitzer die dominierende Form der Vermögensanlage sind, weist das Betriebsvermögen höhere Renditen auf. Dazu kommt, dass es im Erbfall steuerlich begünstigt wird. Führt ein Erbe das übertragene Unternehmen mehrere Jahre fort und erhält die Arbeitsplätze, verzichtet der Staat auf einen grossen Teil der Erbschaftssteuer.
All das weckt nun immer mehr Begehrlichkeiten. Linke Politiker betrachten Erbschaften als «leistungslose Einkommen» für die Erben. Der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert, die Erbschaftssteuer zu erhöhen und die Vermögenssteuer wieder einzuführen. Die SPD werde das noch in diesem Jahr zu ihrem «Schlüsselthema» machen, kündigte er jüngst an.
Bessere Rahmenbedingungen erforderlich
Doch Erbschaften sind kein «leistungsloses Einkommen». Sie bilden vielmehr die Basis für Investitionen, fördern den Aufbau von Kapital und sichern die Bereitschaft unternehmerischer Talente, sich in Deutschland zu engagieren.
Zielführender, als Erbschaften stärker zu besteuern, ist es daher, die Rahmenbedingungen für Unternehmensgründer zu verbessern. Statt die Reichen ärmer zu machen, erhielten alle Bürger dadurch bessere Möglichkeiten, als Unternehmer reich zu werden. Gelingt das nicht, werden die Begehrlichkeiten weiter wachsen. Und wenn die Eigentumsrechte erst einmal ins Wanken geraten, tut es auch die freie Marktwirtschaft.
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