Debüt von Adèle Yon: Die Angst vor dem wandernden Gen
Warum wurde Urgroßmutter lobotomiert? Die französische Autorin Adèle Yon begibt sich in ihrem Debüt auf eine literarisch-wissenschaftliche Spurensuche.
Foto: Charlotte Krebs/piper
Wie korrigiert man ein defektes Gen? Das könnte die Eingangsfrage eines Buchs sein, das die französische Literaturszene begeistert. „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ ist kein klassischer Roman. Adèle Yons Debüt vereint autobiografische Aspekte, wissenschaftliche Recherche und literarisches Erzählen. Diese Mischung macht es so interessant.
Ausgangspunkt ist eine sehr persönliche Angst: Adèle Yon, damals Mitte zwanzig und in einer toxischen Beziehung, fürchtet, dem Wahnsinn zu verfallen. Diese Angst ist kein Zufall; in ihrer großbürgerlichen Familie gilt sie als eine Art Erbkrankheit, die vor allem die Frauen trifft: „Die Angst, dass ich in mir trage, was auch meine Urgroßmutter in sich getragen hat: das wandernde Gen, das für so viel Leid gesorgt hat.“
Diese Urgroßmutter Elisabeth, genannt Betsy, wurde in den 1950er Jahren als schizophren diagnostiziert, einer Lobotomie unterzogen und siebzehn Jahre lang in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten. In der Familie war ihr Name tabu, umgeben von diffusen Andeutungen über ein „zu viel“ an Temperament und Intensität.
Das Buch
Adèle Yon: „Mein wahrer Name ist Elisabeth“. Übersetzt aus dem Französischen von Sula Textor. Piper Verlag, München 2026, 432 Seiten, 26 Euro; E-Book 21,99 Euro
Erst nachdem ein Großonkel der Autorin Suizid begeht, beginnt die Familie ihr Schweigen zu brechen. Yon nutzt diesen Moment, zeichnet Gespräche mit Verwandten auf, sichtet Briefe ihrer Urgroßeltern, durchforstet medizinische Archive. Das alles mündet in einer 430-seitigen Recherche, die zugleich ihre Doktorarbeit und ihr literarisches Debüt darstellt. Statt das Material chronologisch zu ordnen, folgt Yon dem Rhythmus ihrer eigenen Entdeckungen – eine Struktur, die manche LeserInnen als „trügerisch unstrukturiert“ beschrieben haben, die aber gerade dadurch Spannung erzeugt, gleich einer echten Spurensuche.
Nach dem Vorbild Eisensteins
Diese Art der Darstellung hat Yon zufolge ein Vorbild: das unvollendete Filmprojekt „Glass House“ von Sergei Eisenstein (1930), bei dem verschiedene Handlungsebenen gleichzeitig sichtbar werden, wie hinter Glaswänden. Übertragen auf Yons Buch bedeutet das: Briefe, Krankenakten, Gespräche und Gegenwartsbeobachtungen stehen nebeneinander, ohne dass eine Ebene die andere dominiert. Eben diese Machart sorgt für einen angenehmen Lesefluss. Einzig im zweiten von vier Teilen bricht die Autorin mit ihrer eigenen Struktur. Hier überwiegt der medizinhistorische Part, gibt wenig Abwechslung vor, was schnell ermüdend wirken kann.
Was Yons Recherche über die private Geschichte hinaushebt, ist ihr politischer Kontext. Yon zeigt, wie die Lobotomie im Frankreich der Nachkriegszeit überproportional häufig an Frauen vorgenommen wurde. Und das oft schon deshalb, weil sie ihrer zugewiesenen Rolle als Ehefrau oder Mutter nicht nachkamen. Seitens Betsy bedeutete das: sechs Schwangerschaften in sieben Jahren, postpartale Erschöpfung, Widerspenstigkeit gegenüber Ehemann und Familie. All das wurde im psychiatrischen Diskurs jener Zeit als Krankheitssymptom gedeutet.
Die Autorin macht deutlich, dass es bei den Lobotomien selten um Heilung ging, stattdessen „ließ man die Patientin wissentlich geistig verkümmern, um sie anschließend in die soziale Ordnung wieder eingliedern zu können“. Gewünscht waren Frauen, die sich fügten, nicht solche, die etwa wütend wurden. Yon fragt hierzu, ob „Wut ein weibliches Attribut sein“ kann und zeigt auf, dass gerade „wütende Frauen“ besonders oft medizinisch abgestraft wurden.
Gerade die Verbindung von individuellem Schicksal und struktureller Analyse macht die Stärke des Buchs aus: Es erzählt nicht nur, was Betsy widerfahren ist, sondern legt offen, welches gesellschaftliche System solche Eingriffe ermöglichte und wie dessen Muster, in anderer Form, bis heute nachwirken.
Verbindung zu sexueller Gewalt
Während der Psychiatrie und den dort vollzogenen Lobotomien überproportional viel Aufmerksamkeit zuteilwird, kommt ein wesentlicher Aspekt jedoch zu kurz: Yon will einen Zusammenhang erkennen zwischen lobotomierten Frauen und jenen, die „in ihrem Leben auch Opfer sexualisierter Gewalt geworden waren oder traumatisierende sexuelle Erfahrungen gemacht hatten“. Auch Betsy soll durch ihren Vater (und ihren Mann?) Übergriffigkeiten erlebt haben. Statt hier wie zuvor in die Tiefe zu gehen, belässt es Yon aber bei einer Aussage zu dem Thema.
Dennoch: „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ ist ein aufwühlendes, klug komponiertes Debüt, das sich der Frage widmet, wie viel Eigenständigkeit einer Frau in einem patriarchalen System zugestanden wird, bevor sie als „krank“ gilt. Yon gelingt es, ihrer Urgroßmutter Betsy am Ende des Buchs eine eigene Stimme zurückzugeben: ein Akt der literarischen Wiedergutmachung, der berührt, ohne ins Sentimentale abzudriften.
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