David Garrett ist 2026 mit „Millennium Symphony“ auf Tour

Über Langeweile kann sich David Garrett nicht beklagen. Während der deutsch-amerikanische Geiger gerade durch Deutschland tourt, um bei Open-Air-Konzerten in Kur- und Schlossparks gemeinsam mit Band und Orchester sein Programm „Millennium Symphony“ zu präsentieren, das Pophits der vergangenen 25 Jahre gewidmet ist, laufen im Hintergrund schon die Vorbereitungen für die Veröffentlichung seines neuen Albums. Dessen Erscheinen ist für den 9. Oktober geplant. Es wird den Titel „Immortal“ tragen. Garrett interpretiert darauf Kompositionen etwa von Mozart, Debussy und John Williams und wechselt damit wieder ins klassischere Fach.

Sich während einer laufenden Tournee schon mit neuen Projekten zu beschäftigen, ist für den mittlerweile 45 Jahre alten Musiker wie ein Elixier: „Ein Jahr lang nur mit einem Programm zu touren, fände ich persönlich sehr einseitig. Da ich ja die Vielseitigkeit sehr schätze, ist es für mich eigentlich ein wunderbares System, mich während eines Crossover-Projekts im Hintergrund schon mit klassischer Musik zu beschäftigen oder bei einem Klassik-Programm bereits das nächste Crossover-Projekt zu entwerfen. So bleibt mein musikalisches Leben superspannend, auch weil auf diese Weise stets andere musikalische Aspekte gefragt sind“, sagt Garrett am Telefon im Gespräch mit der F.A.Z.

Auf Tour und im Studio

Am Anfang stehe ein Oberbegriff, dann folge die Suche nach geeigneten Stücken, beschreibt Garrett seine Herangehensweise am Beispiel des aktuellen Programms „Millennium Symphony“: „Da wollte ich 25 Songs aus den letzten 20, 25 Jahren finden, die mittlerweile auch schon Klassiker sind.“ Dann sammele man zunächst viele Titel, etliche streiche man schnell, weil sie nicht in Kombination mit anderen funktionierten oder man auf bessere Ideen mit weiteren Stücken komme: „Das Geigenspiel selbst steht in diesen Momenten eher im Hintergrund. Es geht um die Instrumentalisierung, und da muss man schon eine klare Idee im Kopf haben. Sie soll das Original tragen, aber auch deine eigene Musikalität einbringen. Und so entwickelt sich praktisch ein Arrangement.“

Das sei durchaus zeitaufwendig. „Wenn wir von 25 Stücken ausgehen, sind das gut 90 Minuten Musik, die erst einmal orchestriert werden müssen. Und die richtige Balance zwischen einem Sinfonieorchester und einer Band ist auch wichtig. Das ist ja bei jedem Stück unterschiedlich, auch bei jedem Genre. Glücklicherweise haben wir das alles schon bei der Albumproduktion herausgefunden und nehmen auf Tour sozusagen die beste Mischung mit: Die Orchestrierungen stehen alle, und die Band weiß ganz genau, was sie zu spielen hat. Das sind alles Topmusiker, und so bleibt live auch ein wenig Spielraum für Spontaneität.“

2017 wurde David Garrett (links) mit dem Frankfurter Musikpreis ausgezeichnet. Die Urkunde überreichte ihm der heutige Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), seinerzeit noch Stadtverordneter.
2017 wurde David Garrett (links) mit dem Frankfurter Musikpreis ausgezeichnet. Die Urkunde überreichte ihm der heutige Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), seinerzeit noch Stadtverordneter.Wonge Bergmann

Schon im Alter von vier Jahren wurde Garrett von seinem nebenberuflich als Geigenlehrer arbeitenden Vater an sein Instrument herangeführt und galt alsbald als Wunderkind. Seine musikalische Ausbildung vollendete er an der Juilliard School in New York, wo er von 1999 bis 2004 nicht nur bei dem Meisterviolinisten Itzhak Perlman studierte, sondern auch die Ohren offen hielt für all die anderen Musiken, die an dem Konservatorium erklangen.

Die genreübergreifenden musikalischen Eindrücke dürften ihren Teil zur Erschaffung jener Crossover-Figur beigetragen haben, für die Garrett seit nun zwei Jahrzehnten bekannt ist: der zwischen Klassik und Pop hin- und herhüpfende Geigenrebell mit der Rockstar-Anmutung, der in Sachen Geschwindigkeit selbst mit dem Teufel um die Wette spielen könnte und gewönne. Der Spagat zwischen den Genres hat ihm zwar die Kritik der Puristen, dafür aber ein Millionenpublikum in aller Welt und zahlreiche Auszeichnungen eingebracht, unter ihnen den Frankfurter Musikpreis 2017.

Das große Publikum hat Garrett auch bei der Auswahl jener Songs im Blick, die er für „Millennium Symphony“ ausgewählt und arrangiert hat. Es sind Welthits wie „Blinding Lights“ von The Weeknd, „Seven Nation Army“ von den White Stripes, „Shape Of You“ von Ed Sheeran, „Despacito“ von Luis Fonsi oder „Naughty Girl“ von Beyoncé darunter, die alle irgendwie zum kollektiven Gedächtnis gehören, weil sie den Weg nicht nur ins Radio, sondern auch in Werbespots gefunden haben oder zu Fangesängen in den Stadien geworden sind.

Darum allein will Garrett sie aber nicht ausgesucht haben. „Es sind doch die Stücke spannend, bei denen man erst denkt, die können für die Geige nicht funktionieren. Da muss man sich dann reinbeißen und die Frage beantworten, wie kriege ich das hin? Gibt es eine Basslinie, bei der ich ansetzen könnte? Oder eine Gegenmelodie zur Hauptmelodie, die den Geigenpart interessant machen könnte?“ So beschreibt er Details seiner Herangehensweise. „Nur weil ein bestimmter Song nett klingt, würde ich ihn nicht aufnehmen. Da muss schon mehr dran sein.“

Ein unbedingtes eigenes Lieblingsstück im aktuellen Liveprogramm will Garrett denn auch nicht nennen, aber doch einen Titel besonders hervorheben: „Das ist ‚Wake Me Up‘ von Avicii. Dieses Stück ist im ersten Teil des Konzerts eine Art Eisbrecher. Egal, ob ich es in China, in Mexiko oder in New York gespielt habe oder im vergangenen Jahr auch in Hallen in Deutschland, stets habe ich die Entspanntheit und Lockerheit im Publikum gespürt und gewusst, dass das Programm so funktioniert, wie ich es mir gewünscht habe.“

Bedenken, dass ein älter gewordenes Stammpublikum mit den Hits dieses Jahrhunderts, die noch nicht zu Oldies und Evergreens geworden sind, gar nicht so viel anfangen kann, hat der gebürtige Aachener nicht: „Auch ältere Zuhörer sind neugierig, folgen Streams oder den Empfehlungen auf Youtube. Die kennen die Songs. Außerdem ist das Ohr zeitlos und versucht sich immer wieder dem anzupassen, was um einen herum passiert.“

David Garrett spielt am 16. Juli in der Konzertmuschel der Trinkkuranlage in Bad Nauheim (mit Band, aber ohne Orchester) und am 8. August in der Schlossanlage Schwetzingen (mit Band und Orchester). Weitere Open-Air-Termine unter www.david-garrett.com