Das digitale Auto mit Touchscreen und Co.: "Manche Knöpfe wird es immer geben"

Auf dem Touchscreen eines Autos sind verschiedene Apps, unter anderem für Nachrichten, zu sehen.

AUDIO: Digitale Technik in Autos: Sicherheitsrisiko Touchscreen? (10 Min)

Psychologe im Interview

Trotz Touchscreen und WLAN: Warum Knöpfe auch im digitalen Auto ein Muss sind

Stand: 19.07.2026 05:00 Uhr

Moderne Autos sind vollgestopft mit digitaler Technik. Wo früher Drehknöpfe, Schieberegler und Schlüssel waren, dominieren heute Computer, Bildschirme und Apps. Das klingt nach Fortschritt. Und doch klagen manche Autofahrerinnen und Autofahrer, dass die neue Technik sie überfordern würde. Deshalb denken die Autohersteller wieder verstärkt darüber nach, zu bewährten Bedieninstrumenten zurückzukehren. Wie sinnvoll ist das? Der Psychologe André Wiggerich von der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen gibt im Interview Antworten.

von MDR AKTUELL

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MDR AKTUELL: Herr Wiggerich, wie hat sich die Bedienung des Autos in den vergangenen zehn Jahren verändert?

André Wiggerich: Dazu müssen wir erst einmal festhalten, dass die Zahl der Informationen, die Autofahrerinnen und Autofahrer aktuell bekommen, in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Da sind einerseits viele Assistenzsysteme, die sicherheitsförderlich sein können – zum Beispiel, weil sie mich in spezifischen Situationen warnen. Es können Entertainmentfunktionen sein, es können Komfortfunktionen wie die Klimaanlage sein, die möchte ich grundsätzlich schon haben. Und was auch Automobilhersteller immer wieder feststellen ist: Dadurch, dass wir Nutzer gelernt haben, in unserem Alltag sehr stark mit Smartphones und Tablets zu interagieren, haben wir in gewisser Weise auch die Erwartung, dass das im Fahrzeug genauso gut klappt.

Man kann eigentlich sogar sagen: Es gibt einen gewissen Lerneffekt in der Bevölkerung, und diese Erwartung hat dazu geführt, dass wir auch im Fahrzeug damit umgehen möchten. André Wiggerich, Psychologe bei der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen

Funktioniert das aus Ihrer Beobachtung heraus, oder sehen Sie eher die Risiken, die sich damit verbinden, wenn ich mich zum Beispiel erst kompliziert durch eine Menüführung navigieren muss?

Das muss man differenziert betrachten: Wenn ich mir vorstelle, dass ich auf ein Stauende auffahre und das Fahrzeug hinter mir warnen möchte, würde ich üblicherweise die Warnblinkanlage einschalten – eine sehr zeitkritische und sehr komplexe Aufgabe. Da wäre es auf jeden Fall besser, wenn ich die möglichst schnell erledigen kann. Dafür wäre eine Taste wichtig, die in einem sehr gewohnten Umfeld ist – die ich leicht auch haptisch bedienen kann. Wenn ich mir vorstellen würde, ich müsste die gleiche Funktion in einem Touchscreen erst finden, würde das viel, viel länger dauern und das wäre wahrscheinlich eher kritischer zu sehen.

Das heißt, der Vorteil von den üblichen Knöpfen, Drehreglern und Hebeln ist der, dass ich sie fühlen kann. Ich kann sie haptisch erkennen. Sie sind in der Regel auch immer an der gleichen Position. Und wenn ich sie betätige, bekomme ich über diesen haptischen Impuls in der Hand auch gleichzeitig eine Rückmeldung, dass ich sie betätigt habe, weil ich spüre, dass sich da etwas bewegt hat, etwas verändert hat. Das ist beim Touchscreen üblicherweise nicht so. Da ist es ja so, dass das Display an sich variabel aufgebaut sein kann. Die Information ist also nicht notwendigerweise an der gleichen Stelle. Ich muss also auf jeden Fall hinschauen, um zu erkennen, wo ich möglicherweise dann eben per Fingerdruck meine Funktion auslösen muss.

Das ist die Beschreibung dessen, was sich dadurch verändert, wenn ich mehr digitale Helfer wie einen Touchscreen im Auto habe. Aber was sieht denn der Psychologe darin? Ist das nicht dann doch ein Rückschritt, wenn ich vorher Funktionen hatte, von denen ich wusste, die sind immer an diesem Ort, die kann ich ganz schnell abrufen, da kann ich mich nicht vertun, während ich im Touchscreen erst mal scrollen muss?

Auch im Touchscreen kann ich letztendlich ja Lösungen darstellen, die immer an der gleichen Position sind. Also auch hier ist es wieder entscheidend, welche Art von Funktion wird da eigentlich umgesetzt: Sind es Funktionen, die ich sehr häufig nutze, dann bietet sich das auf jeden Fall an, das eben auf so eine Art Startbildschirm zu machen, der immer erreichbar ist.

Ein Mensch zeigt mit dem Finger auf den Touchscreen eines modernen Autos.

In modernen Autos gibt allerlei digitale Funktionen – von der Sicherheit bis hin zur Unterhaltung. (Symbolbild)

Wenn es Funktionen sind, die eher sehr selten oder in weniger komplexen Situationen genutzt werden, dann kann ich das durchaus auch an so eine Menüstruktur fassen. Im besten Fall sind es sogar Funktionen, die gar nicht während der Fahrt benutzt werden müssen. Da habe ich also genügend Zeit, mich dann auch im Stand durch das Menü zu klicken. Fakt ist auf jeden Fall: Wenn die Aufgabe zeitkritisch und komplex ist, dann sollte es so gestaltet sein, dass es möglichst wenig Blickabwendungszeit von der Fahraufgabe erfordert und eben sehr einfach bedienbar ist, direkt eine Rückmeldung für mich auslöst, sodass ich das eben leicht identifizieren und auslösen kann, ohne meinen Blick von der Straße abwenden zu müssen.

Kann es aber aus Benutzersicht wirklich darum gehen, immer noch mehr ins Auto zu implementieren, sodass immer mehr Möglichkeiten entstehen? Oder wäre es im Gegenteil mal sinnvoller, sich auf das Eigentliche, auf das Fahren, zurückzubesinnen?

Das ist ein tatsächlich sehr umstrittenes Thema. Auch, weil es auf der einen Seite unglaublich viele technische Möglichkeiten gibt, die ich hier nutzen kann, und die ins Fahrzeug kommen. Es gibt auch Studien, die sagen, dass Nutzer das heutzutage so erwarten, weil sie es von ihren Smartphones und Tablets von zu Hause kennen und auch diese Funktion einfach gerne nutzen möchten. Auf der anderen Seite gibt es dann die kritischen Stimmen, die sagen, 'na ja, das sind doch eigentlich ablenkende Tätigkeiten, die mit dem Fahren gar nicht viel zu tun haben'. Es gibt beispielsweise Hersteller, in deren Autos ich auch während der Fahrt einen Browser öffnen und theoretisch im Internet surfen kann. Die Frage ist: Was hat das denn mit der Fahraufgabe zu tun? Kann ich das nicht per se verbieten?

Was spricht dagegen?

Es gibt die kritischen Stimmen, die sagen: 'Wenn ich das per se verbiete, dann könnte ich die Wahrscheinlichkeit wieder erhöhen, dass der Nutzer dann doch zum Smartphone greift. Was natürlich den wahrscheinlich schlechteren Effekt hätte, weil er sein Smartphone in einem noch ungünstigeren Winkel hält und die Anzeige auch noch kleiner ist und möglicherweise das noch viel ablenkender wäre. Hier ist also ein Balanceakt entscheidend zwischen, welche Funktion gebe ich dem Nutzer letztendlich, die er auch wirklich fordert und sich wünscht, ohne dass er dann sein Smartphone halt nutzt? Aber welche Funktion versuche ich, zu unterbinden? Die stelle ich gar nicht während der Fahrt zur Verfügung, um halt möglichst wenig Ablenkung zu induzieren.

Stichwort: Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen

Die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen gehört zum Bundesverkehrsministerium. Ihre Aufgabe beschreibt sie unter anderem darin, die Sicherheit, Leistungsfähigkeit sowie Umweltverträglich- und Wirtschaftlichkeit von Straßen zu verbessern. Dem Ministerium gebe man wissenschaftlich gestützte Entscheidungshilfen. Ihren Sitz hat die Bundesanstalt mit rund 400 Beschäftigten in Bergisch-Gladbach.

Hersteller nehmen solche Hinweise ja auch auf und es ist zu beobachten, dass einige auch dem Wunsch von Nutzern nach mehr Einfachheit und intuitiver Bedienung entsprechen, die dann zurückkehren zu den alten Gewohnheiten, wo es ein bisschen Klick und Klack macht und die Displays eher zurückbauen. Halten Sie das grundsätzlich für vernünftig?

Knöpfe, Regler und Hebel wird es vor allen Dingen auch langfristig dann immer geben, wenn ich zum Beispiel nach rechts oder links blinken muss. Wenn wir uns vorstellen, wir müssten rechts blinken und gleichzeitig rechts lenken und ich müsste das über ein Touchdisplay machen: dann fehlen mir die Hände dafür. Weil letztendlich kann ich das Lenkrad schlecht mit einer Hand gut um eine Kurve drehen und dann noch mit der Hand gleichzeitig in ein Display greifen, das in der Mitte positioniert ist.

Funktionen, an denen ich deutlich mehr Zeit habe, bei denen ich auch mein Blickverhalten selbstgerichtet steuern kann und wo ich auch sagen kann: Ich kann das in einer Situation machen, die vielleicht nicht so fordernd ist, da bieten sich dann so Touchscreens wahrscheinlich selber an. Und wenn ich das auch noch unterbrechen kann, beispielsweise, ich kann sagen, ja, ich schaue mal kurz auf das Display mit einem ganz kurzen Blick. Und schaue dann wieder nach vorne. Dann sind das Funktionen, wo sich dann so ein Display wahrscheinlich stärker anbietet als das physische Element, weil ich im Display deutlich mehr Funktionen abbilden und auch verschieden hierarchisch organisieren kann. Da komme ich dann mit. Drehregler stoßen natürlich langfristig einfach aus Platzgründen auch an die Grenzen, wenn ich so viele Funktionen auch als Hersteller abbilden möchte.

[...] Letztendlich kann ich das Lenkrad schlecht mit einer Hand gut um eine Kurve drehen und dann noch mit der Hand gleichzeitig in ein Display greifen, das in der Mitte positioniert ist. André Wiggerich, Psychologe bei der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen

Ist das jetzt ein Plädoyer des Psychologen für mehr Funktionen im Touchscreen oder halten Sie diese Displays inzwischen für überfrachtet?

Das ist eine sehr sehr spannende Frage, tatsächlich. Da gibt es keine einfache Antwort. Denn hier spielt wahrscheinlich auch der Wunsch nach Individualität und individuellen Lösungen eine wichtige Rolle. Das wird in Zukunft, denke ich, deutlich stärker in den Fokus rücken, dass ich als Nutzer, wenn ich das möchte, viel stärker selber bestimmen kann, welche Informationen ich mir auf einem Startbildschirm wünsche, oder welche Informationen durch einen bestimmten Taster am Lenkrad bedienbar sind. Die Voraussetzung ist immer, dass ich mich eben damit beschäftige und das möchte.

Ich muss in der Hinterhand immer berücksichtigen, dass es auch die Nutzer gibt, die alleine mit dieser Wahlmöglichkeit möglicherweise schon überfordert sind. Ich glaube, dass weniger die absolute Menge an Informationen, die quasi über so einen Touchscreen dargestellt wird, entscheidend ist, als mehr, dass die Information situationsgerecht, ergonomisch und irgendwie aufgabenorientiert gestaltet ist. Dass der Nutzer also die Möglichkeit hat, in seinem eigenen Tempo die Aufgabe zu kontrollieren und möglichst wenig Interaktionsfehler zu machen.

Die Fragen stellte Sven Kochale.

Anmerkung der Redaktion: Bei dieser Fassung des Interviews handelt es sich um eine stellenweise gekürzte Variante. Das vollständige Gespräch hören Sie im oben verlinkten Audio.