Das Cellulite-Märchen von den verfluchten Frauenpopos
Ich erzähle Ihnen einen Witz:
Frage: Warum haben Männer keine Cellulite?
Antwort: Weil’s scheiße aussieht.
Haben Sie gelacht?
Nein, oder? Und gekannt haben Sie ihn vermutlich auch schon. Er ist so alt wie die Mär von der Cellulite selbst. Ist er lustig? Nein. Es ist ein sogenannter Rohrkrepierer. Aber das ist egal. Er wird seit Jahrzehnten und nach wie vor bereitwillig von selbst ernannten „frechen Grenzgängern“ erzählt. Vorzugsweise in Anwesenheit sommerlich leicht bekleideter Frauen und Mädchen, wie ich beobachten und erleben musste.
Dieser Spruch ist von zeitloser Penetranz – und bleibt ebenso penetrant in den Köpfen vieler, so auch in meinem. Denn so geschmacklos dieser Spruch auch ist, so sehr erfüllt er seinen Sinn: Unerreichbare Schönheitsnormen werden glucksend in die Köpfe junger Mädchen und Frauen gepumpt. Und dabei im Übrigen auch in die Köpfe von Jungs, die ebenfalls lernen, dass Cellulite scheinbar weiblich und unattraktiv ist.
Zeit und Geld, Kontrolle und Beschäftigung
Natürlich ist das nicht nur das Werk eines faden Witzes, aber er steht doch symptomatisch für die dreisten Gruselmärchen, die sich unsere Gesellschaft als Schönheitsideal ausgedacht hat: eine fiktive Norm, die kaum erreichbar ist. Frau darf kaum Fett außer an den richtigen Stellen haben.
Sie soll ein starkes, niemals nachlassendes Bindegewebe besitzen (verfluchte Genetik) und natürlich außerdem haarlos, jugendlich glatt und alterslos sein (verfluchter Alterungsprozess der Zellen und des Hormonhaushalts).
Der reale weibliche Körper mit Fett, natürlich schwächer werdendem Bindegewebe und Dellen wird verteufelt, dessen Bekämpfung zur obersten Prämisse für Glück und Seelenheil. Wissen Sie, wie zeit- und geldaufwendig es ist, ein Ziel zu verfolgen, das kaum erreichbar ist? Sehr. Zeit und Geld, die auch in Bildung, Vermögensaufbau, Karriere und Unabhängigkeit fließen könnten.
Aber das ist in einer patriarchalen Gesellschaft bekanntlich unerwünscht. Das beschrieb schon Naomi Wolf in ihrem Buch „Beauty Myth“ aus dem Jahr 1990. Deshalb hält man Frauen und Mädchen mit der „Lösung“ erfundener „Problemzonen“ und einer Obsession unerreichbarer Standards beschäftigt. Und es schadet auch nicht, dass sie sich dabei immer (zumindest ein wenig) schämen. So nimmt Frau auch weniger Raum ein.
Umso weniger, wenn in der kurzen Hose bei über 30 Grad einige Dellen erkennbar werden. Da wird sich dann noch mehr geschämt oder doch noch einmal umgezogen und trotz Hitze zur langen Hose gegriffen, um die „Schandflecken“ zu verstecken. Ganz nach dem Motto: Wenn ich sie nicht zeige, sind sie auch nicht da. Ob dieser Kindheitstrick gegen den Fluch wirkt? Wohl kaum.
Denn in diesem Märchen gesellschaftlicher Normen ist Cellulite der Fluch der bösen Fee, der um jeden Preis verhindert werden muss. Warum? „Weil es scheiße aussieht.“ Nur ist es dieses Mal zur Abwechslung kein Prinz, der uns retten soll, sondern teure Behandlungen, Bienengift, Chilli-Cremen, Trockenbürsten, Pilates und alles, was sich die milliardenschwere Kosmetik- und Schönheitsindustrie, Social Media und „witzige Typen“ sonst noch ausdenken.
Zu unserer Rettung stehen wir also im Badezimmer und striemen unsere Beine bis zum Po mit Trockenbürsten. Danach schmieren wir durchblutungsfördernde Cremen auf die gereizte Haut und bilden uns ein, das Brennen sei ein gutes Zeichen. Anschließend geht es nach langen Arbeitstagen noch zum Reformer Pilates. Im Schnitt 25 bis 30 Euro für 50 Minuten.
Dabei sind diese Studios Orte, die vom Selbsthass „normaler Frauen“ auf ihre Körper leben und dem mystischen Wesen des kaum erreichbaren Pilates-Körpers nicht alternder Frauen huldigen. Der Erreichung – oder zumindest dem Versuch – werden ein veritabler Teil der verfügbaren Zeit und des Einkommens geopfert.
Opferrituale gegen den Fluch
Und so pilgere auch ich nach einem langen Arbeitstag in die Opferstätte. Überziehe die dellenübersäten Oberschenkel mit hautengen Leggings, schlüpfe in rutschfeste Socken, die ich zuletzt im Schulhort getragen habe, und beginne auf der Streckbank mein Opferritual an die böse Fee, die mich mit schwachem Bindegewebe verflucht hat. Das Training ist hart. Das Ziel aber ist nicht Kraft. Das Ziel ist, nicht „scheiße auszusehen“. Witzig, oder?
Dabei ist das eigentlich Lustige: Cellulite ist so verbreitet, dass sie eigentlich als Standard gelten müsste. Aber Standards werden meistens von Männern festgelegt, die sie selbst nicht erfüllen müssen. Ist das nicht ein Treppenwitz?
Postskriptum: Die physische Besessenheit mit dem perfekten weiblichen Körper ist, so Naomi Wolf, eine Falle, die Frauen in einer Spirale aus Hoffnung, Verunsicherung und Selbsthass gefangen hält. In der patriarchalen Gesellschaft werden Frauen über die unerreichbaren Schönheitsnormen unter Kontrolle gehalten. Also smash the patriarchy, oder haben Sie andere Vorschläge?
„Dauerzustand“ ist die Kolumne von Newsdesk-Redakteurin Diana Dauer über die Lebenswelt als Frau, über das Älterwerden, Alltags-Sexismus, ein System, das uns allen schadet, und Schablonen, die man in diesem ausfüllen müsste. [email protected]
kurier.at | 26.07.2026, 6:00