Dacia-CEO: "Wir sind nicht nur ein Automobilhersteller"
Der europäische Automarkt schrumpft, chinesische Hersteller drängen mit aggressiven Preisen in preissensible Segmente, und gleichzeitig steigen die Anforderungen an Elektrifizierung und Restwertsicherung. Für eine Marke wie Dacia, die traditionell auf private Käufer:innen günstiger Autos setzt, ergibt sich daraus ein enger Handlungsspielraum. Wie Dacia darauf reagiert, erläuterte Katrin Adt im Gespräch mit Automotive News Europe. Adt führt das Unternehmen seit ihrem Wechsel von Mercedes-Benz und Smart und verantwortet aktuell die Einführung mehrerer neuer Modelle im wachstumsstarken C-Segment.
Der Striker soll neue Käufer:innen gewinnen
Mit dem neuen Modell Striker erweitert Dacia sein Angebot im C-Segment, dem größten Segment Europas. „Es ergänzt unsere Modellpalette, und es ist zugleich das zweite Auto, das wir nach dem Bigster in diesem Segment platzieren“, so Adt. Der Bigster habe dabei als eine Art Testballon gedient: „Es war etwas wie ein Experiment.“ Vom Jogger grenzt sie den Striker klar ab. Der Jogger liege eher zwischen den Segmenten, stamme von der B-Segment-Familie des Sandero ab und biete zwar sieben Sitze, aber nicht alle Eigenschaften eines echten C-Segment-Autos.
Ziel des Strikers sei nicht die interne Konkurrenz zu bestehenden Modellen, sondern die Erschließung neuer Zielgruppen. „Unsere Absicht ist es nicht, unsere Produkte zu kannibalisieren, sondern neue Kund:innen zu gewinnen. Wir glauben, dass dieses Auto, das das Beste aus drei Welten vereint, neue Käufer:innen finden wird“, erklärte sie. Statt sich an konkreten Wettbewerbermodellen zu orientieren, verweist sie auf eine Marktlücke: „Wir versuchen, die Bedürfnisse unserer Kund:innen zu erfüllen, statt mit anderen Marken zu konkurrieren.“ Konkrete Volumenziele nannte Adt nicht, kündigte aber „signifikante Volumina“ an.
Warum Rabatte für Dacia keine Option sind
Obwohl Dacia sich klassisch an Privatkund:innen richtet, schließt Adt Flottenkund:innen nicht aus: „Wir sind offen für Flottenkund:innen, und ich denke, das passt aus Produktsicht gut zu ihnen. Allerdings werden wir keine Rabatte anbieten, um das Volumen zu steigern.“ Eine gezielte Rabattierung lehnt sie grundsätzlich ab, mit Verweis auf die Restwerte, die laut einer Bewertung von JD Power unter den europäischen Massenmarkenmarken die höchsten sind. „Rabatte würden bedeuten, dass der Rückkaufwert nicht gut ist, und damit auch der Restwert nicht. Wenn es ein zentrales Element unserer Produkte gibt, dann ist es, dass wir die besten Restwerte der Branche haben, und das wollen wir bewahren“, so Adt. Die Preisobergrenze für den Striker steht noch nicht fest.
Für Dacia bleibt Marokko dabei ein zentraler Produktionsstandort. „Es ist gewissermaßen das Herz unserer Marke, zusammen mit Pitesti. Meine erste Geschäftsreise, zwei Tage nach meinem Start bei Dacia, ging nach Marokko, und ich war wirklich beeindruckt von diesem Ökosystem“, erinnerte sich Adt. Die Bedeutung des Standorts gehe über die reine Produktion hinaus: „Wir sind nicht nur ein Automobilhersteller. Wir sind dort das Herz und das Gesicht der Industrie.“
Unklar bleibt jedoch, wie sich mögliche neue Ursprungsregeln der EU im Rahmen einer „Made in Europe“-Initiative auf den Standort auswirken könnten. „Es ist schwer zu sagen. Marokko ist nichts, das wir aufgeben wollen“, so Adt, die dieselbe Haltung auch für den türkischen Standort formulierte.
Absatzeinbruch 2026 gilt inzwischen als überwunden
Die Rückgänge bei den Dacia-Verkäufen Anfang 2026 führte das Unternehmen zuvor auf Logistikprobleme in der Straße von Gibraltar, wetterbedingte Verzögerungen sowie die Umstellung einzelner Modelle auf Hybridantriebe zurück. „Diese Probleme sind jetzt vorbei. Aber inzwischen spüren wir die Auswirkungen der geopolitischen Lage, und der Krieg im Nahen Osten hat das Kundenverhalten verändert“, so die Dacia-CEO. Besonders betroffen seien Kund:innen mit engen Budgets: „Im Durchschnitt ist das Mobilitätsbudget um 15 Prozent gestiegen.“ Wie stark der Anstieg ausfällt, hänge davon ab, ob einzelne Länder Preisobergrenzen für Kraftstoff eingeführt haben.
Hinzu kommt laut Adt eine strukturelle Verschiebung im Markt: „Automobilhersteller, die weiterhin auf Verbrenner und Hybride setzen, teilen sich einen Kuchen, der kleiner wird. Und jetzt bekommen wir zusätzliche Konkurrenz um dieses Stück Kuchen aus China. Es wird also enger.“ Auf die Frage nach der Range-Extender-Technologie aus dem Horse-Powertrain-Joint-Venture mit Geely blieb Adt zurückhaltend: „Wir müssen bezahlbare Lösungen finden, und daran arbeiten wir gerade“, sagte sie, ohne konkrete Zusagen für Dacia zu machen.
Der Sandero soll günstig bleiben, trotz Regulierung
Für die kommende Generation des Sandero, die um das Jahr 2028 erwartet wird und erstmals auch eine vollelektrische Variante erhalten soll, bekräftigte Adt den Anspruch auf eine günstige Einstiegsversion: „Auf jeden Fall, uns ist bewusst, dass der Sandero vielleicht das erste Auto ist, das man sich leisten kann. Und unser Anspruch ist es, eine Einstiegsversion zu erhalten.“
Der Sandero war im vergangenen Jahr das meistverkaufte Auto Europas. Dass die Basisversion inzwischen die Marke von 10.000 Euro überschritten hat, begründete Adt vor allem mit regulatorischen Vorgaben: „Leider haben wir die 10.000-Euro-Marke vor einiger Zeit überschritten. Aber dieser Preisanstieg hängt auch mit Regulierungen zusammen, die wir zu erfüllen haben.“
Einen möglichen Ausweg sieht sie im Vorschlag von Renault an die EU, Regulierungen für Kleinwagen einzufrieren: „Das würde vermutlich helfen, die Preise so weit einzufrieren, dass Kund:innen sich wieder erlauben, neue Autos zu kaufen. Das beobachte ich mit ein wenig Sorge, dass wir den Neuwagenmarkt verlieren.“ Sie verwies auf einen Rückgang von rund drei Millionen Fahrzeugen pro Jahr seit 2019, eine Größenordnung, die dem gesamten deutschen Markt entspreche.
Beim Ausgleich steigender Kosten und schrumpfender Margen gibt es aus ihrer Sicht keine einfache Lösung: „Wenn es eine einzige Lösung für all die Probleme gäbe, wäre das schön. Leider sind es viele.“ Als einen Ansatzpunkt nannte sie die Verringerung der Vielfalt bei Antrieben, Modellen und Farben: „Je mehr Motoren, Modelle und Farben man anbietet, desto mehr steigen die Kosten.“
Quelle: Automotive News Europe – Dacia CEO on brand’s balancing act: Seeking growth, staying affordable while electrifying fast