CSU-Machtkampf: Die Bundespräsidentenfrage entscheidet über Söders Schicksal

Der Putsch gegen Markus Söder in Bayern ist vorläufig stecken geblieben. Aber eine Volte bei der Bundespräsidentenwahl könnte sein politisches Ende einläuten.

Als kleiner Junge war ich fasziniert von an der Decke hängenden Mobiles. Wie deren Elemente über Schaukeln und Schnüre verbunden sind, scheinbar durcheinander und verkreuz und verquer. Am Ende aber doch im Lot. Jedenfalls, bis man eines der Elemente aushängt oder anschubst und alles in Schieflage oder Bewegung kommt.

Politik ist ihrem Wesen nach ein riesengroßes Mobile, ähnelt einem Objekt von Jean Tinguely aus der Welt der kinetischen Kunst. Alles hängt aufs verworrenste mit allem zusammen, wie bei Tinguelys Maschinenskulpturen. Im günstigen Fall tariert es sich aus. Aber kaum fasst man das Gesamtkunstwerk an einer Stelle an, geraten die Verhältnisse ins Tanzen.

So verhält es sich im politischen Mobile derzeit mit dem Machtkampf in der CSU auf der einen Seite. Und der offenen Frage, wer nächster Bundespräsident, genauer: wer die erste Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland werden soll, auf der anderen.

Christoph Schwennicke

(Quelle: Reinaldo Coddou H.)

Zur Person

Christoph Schwennicke ist Politikchef von t-online. Seit 30 Jahren begleitet, beobachtet und analysiert er das politische Geschehen in Berlin, zuvor in Bonn. Für die "Süddeutsche Zeitung", den "Spiegel" und das Politmagazin "Cicero", dessen Chefredakteur und Verleger er über viele Jahre war.

Bestimmt ist es aufmerksamen Beobachtern des politischen Betriebs schon aufgefallen, dass sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder wieder rasiert und ernst zu nehmende Jacketts, ja mitunter sogar Krawatte trägt. Das sind die äußeren Merkmale eines veritablen Machtkampfes innerhalb der CSU und einer Erosion der Macht des CSU-Chefs und Ministerpräsidenten, wie man sie lange nicht gesehen hat.

Dahinter stehen eine tiefe Unzufriedenheit mit dem zur Selbstherrlichkeit neigenden Söder, schlechte Umfragewerte sowie eine zuletzt für die CSU enttäuschende Kommunalwahl. Ein alter Fahrensmann fasst seine Sicht auf Söders Stand in der Partei in Versen aus dem Gedicht über den fränkischen Raubritter "Eppelein von Geilingen" zusammen:

Sie haben ihn gefangen
mit Spießen und mit Stangen,
von Geilingen, den Eppelein.
Das war ein Jubeln und ein Schrei'n!
Die ganze Stadt war toll und voll,
und was an Gift und was an Groll
man schon seit Jahr und Tagen
geheim in sich getragen,
das machte sich gewaltsam Luft:
der Erzhalunk', der Schelm, der Schuft!

.... was viele an Gift und Groll seit Jahr und Tag geheim in sich getragen: Man kann es auch schnöder als der Dichter und auf gut Bayerisch sagen. Söder hat's beieinander. Nicht die Maß, sondern das Maß ist voll bei ihm. Die Assoziation mit dem Gedicht entbehrt nicht einer besonderen Delikatesse. Söder ist wie Eppelein Franke und kommt auch aus Nürnberg.