Anonymer Brief torpediert Stellenbesetzung bei der Feuerwehr Wiesbaden

Stand: 20.07.2026, 17:49 Uhr

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Ein Feuerwehrmann in Einsatzkleidung steht vor dem rhein-Main-Concress-Center in Wiesbaden.

Die Berufsfeuerwehr leidet seit Jahren unter akutem Personalmangel und einer hohen Überstundenbelastung. © Michael Schick

Ein anonymes Schreiben blockiert die Nachfolge des ausgeschiedenen Amtsleiters der Wiesbadener Berufsfeuerwehr. Der Magistrat wertet den Brief als „beispiellosen Versuch der Einflussnahme" auf das laufende Auswahlverfahren.

Wieder ein anonymer Brief, wieder schwere Vorwürfe gegen Führungskräfte, wieder muss sich der Magistrat mit internen Konflikten befassen. Was sich aktuell bei der Wiesbadener Berufsfeuerwehr abspielt, ist kein Einzelfall. Er reiht sich in eine Serie anonymer Schreiben ein, die in den vergangenen Jahren Ämter und städtische Unternehmen erschüttert haben.

Auslöser ist ein 16-seitiges anonymes Schreiben, das die Besetzung der Leitung der Berufsfeuerwehr kritisiert und aktuelle sowie ehemalige Führungskräfte persönlich angreift. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) und der Magistrat werten den Brief in einer Mitteilung als „beispiellosen Versuch der Einflussnahme“ auf das laufende Auswahlverfahren. Die Entscheidung über die Nachfolge des ausgeschiedenen Amtsleiters Andreas Kleber verzögert sich dadurch. Aus Gründen der Fürsorgepflicht äußert sich die Stadt nicht zu einzelnen Anschuldigungen.

Es droht eine längere Vakanz an der Spitze

Die Feuerwehr steht bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre vor einer länger als geplant dauernden Personalsuche. Nachdem der langjährige Amtsleiter Harald Müller 2019 in den Ruhestand gegangen war, verhinderten Konkurrentenklagen rund drei Jahre lang eine Neubesetzung. Erst 2022 trat Kleber sein Amt an. Nun droht erneut eine längere Vakanz an der Spitze.

Der aktuelle Brief steht jedoch nicht isoliert. In den vergangenen Jahren erreichten immer wieder anonyme Schreiben Politik, Verwaltung und Medien. Im Gesundheitsamt sorgte eine Serie anonymer Briefe für monatelange Diskussionen über Führungsstil und Arbeitsklima. Viele der Vorwürfe bestätigten sich nach Prüfungen zwar nicht, die Debatte über die Führungskultur blieb jedoch bestehen. Auch bei Eswe Verkehr spielten anonyme Hinweise eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung interner Vorgänge. 2019 kursierte zudem ein anonymer Brief, der Vetternwirtschaft und Missstände in verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung anprangerte. Die einzelnen Fälle unterscheiden sich. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass Beschäftigte immer wieder den Weg anonymer Schreiben wählen.

Die Berufsfeuerwehr steht wegen der aktuellen Vorwürfe unter zusätzlichem Druck. Sie leidet bereits seit Jahren unter akutem Personalmangel und einer hohen Überstundenbelastung. Gewerkschaften beklagen Defizite bei Ausstattung, Personalplanung und Organisation, die Stadt verweist auf den bundesweiten Fachkräftemangel und laufende Investitionen.

Oberbürgermeister Mende kündigt an, dass der Magistrat im August eine schriftliche Stellungnahme zu allen im Schreiben genannten Aspekten erhalten wird. Diese Stellungnahme werde danach auch dem zuständigen Ausschuss der Stadtverordnetenversammlung nicht öffentlich zur Verfügung gestellt.

Unabhängig davon, wie der Magistrat die Vorwürfe im Einzelnen bewertet und welche Ergebnisse die angekündigte Stellungnahme bringen wird, bleibt eine grundsätzliche Frage: Warum häufen sich in Wiesbaden anonyme Schreiben aus unterschiedlichen Bereichen der Stadtverwaltung? Anonyme Hinweise gehören zwar zum Alltag vieler Behörden. Auffällig ist in Wiesbaden jedoch die Dichte und Dimension solcher Schreiben in zentralen Ämtern und städtischen Gesellschaften – und die Tatsache, dass sie sich immer wieder um ähnliche Themen drehen: Führung, Vertrauen, Arbeitsklima, Personalentscheidungen und Organisationskultur.

Der aktuelle Brandbrief könnte deshalb mehr sein als ein weiterer Konflikt um die Besetzung einer Spitzenposition. Er ist möglicherweise das jüngste Symptom eines tieferliegenden Problems: eines Vertrauensverlustes zwischen Teilen der Belegschaft und der Verwaltungsspitze. Ob dieser Eindruck berechtigt ist oder nicht, muss nun aufgearbeitet werden. Dass sich diese Frage inzwischen wiederholt stellt, lässt sich im Rathaus allerdings kaum mehr ignorieren.