Sergei Gerasimow über das Leben und Sterben der russischen Sprache in der Ukraine
Alles steuert auf einen Punkt zu, an dem vom Russischen in der Ukraine nur noch ein Baumstumpf übrig bleibt
Kiew will Ukrainisch zur Einheitsspache machen und verkennt dabei die Realität des Alltags. Der Schriftsteller Sergei Gerasimow über eine Sprache, die nicht so leicht vergehen will.
Sergei Gerasimow25.07.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Ukrainisch für Schule und Staat – aber auch wirklich fürs Leben? – Schüler am Kadetten-Gymnasium in Kiew, 2024.
Efrem Lukatsky / AP
Vor fünf Monaten erwischten ukrainische Antikorruptionsermittler Julia Timoschenko, die Vorsitzende einer der Parlamentsfraktionen, mit einer Plastiktüte voller Dollar, nahmen sie fest und beschuldigten sie, damit Stimmen von Abgeordneten gekauft zu haben. Es gelangten Tonaufnahmen an die Öffentlichkeit, in denen Timoschenko mit Abgeordneten darüber zu sprechen schien, wie diese abstimmen sollen und wie viel Geld sie dafür erhalten würden.
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Bemerkenswert ist, dass Julia Timoschenko selbst – die in der Öffentlichkeit ausschliesslich Ukrainisch spricht – die Höhe der Bestechungsgelder in gut vernehmlichem russischem Flüsterton aushandelt. Man könnte darob vermuten, dass es sich bei den Aufnahmen um Fälschungen handelt. Doch selbst wenn dem so wäre, hat der Fälscher erkannt, dass das Szenario weit überzeugender wirkt, wenn Timoschenko auf Russisch verhandelt, als wenn sie dies auf Ukrainisch getan hätte.
Doppelmoral
Wir Ukrainer wissen nur zu gut, dass unsere Regierung, welche die ukrainische Sprache im Fernsehen so sehr hochhält, in Wirklichkeit Russisch spricht, wenn es unnötig scheint, irgendjemandem Sand in die Augen zu streuen.
Und das gilt nicht nur für die Regierung.
40 Prozent der ukrainischen Schulkinder sprechen in den Pausen untereinander Russisch. In Kiew liegt dieser Anteil sogar noch höher: bei 82 Prozent. In Charkiw bin ich noch niemals auf Kinder oder Jugendliche gestossen, die sich ungezwungen auf Ukrainisch unterhalten haben. Sie alle beherrschen die ukrainische Sprache perfekt und haben kein Problem, sich mit ihren Lehrern auf Ukrainisch zu verständigen – so wie es das Gesetz vorschreibt. Für sie ist Ukrainisch – genau wie für Politiker, die es lieben, in der Öffentlichkeit Ukrainisch zu sprechen, Klandestines aber auf Russisch aushandeln – wie ein Passfoto: Es existiert nur, um es dem Staat vorzuzeigen. Russisch dagegen ist wie ein Instagram-Foto: Es ist für einen selbst und die Freunde da.
Die Sprache, die Kinder in ukrainischen Schulen lernen, und die Sprache, die sie tatsächlich sprechen, unterscheidet sich oft. Dazu gibt es viele Theorien. So etwa wird die Neigung, Russisch zu sprechen, als Folge eines verdrängten familiären Traumas erklärt: Wenn einer Russisch spricht, dann ist seinen Eltern, seinen Grosseltern oder Urgrosseltern etwas Schlimmes angetan worden. Wenn man herausfinden will, was es war, wechselt man bewusst zum Ukrainischen.
Oder man spricht zum Beispiel Russisch, weil man viel zu viele russischsprachige Trivialitäten konsumiert, vor allem über die sozialen Netzwerke.
Und noch eine interessante These: Man spricht Russisch, weil Russisch eine Sprache des Hochmuts darstellt, die nur schon durch ihre sprachlichen Strukturen das Nervensystem vereinnahmt und einen zwingt, sie zu gebrauchen.
Darüber hinaus sprechen ukrainische Jugendliche Russisch aus Trotz und weil ihnen die Fähigkeit zur kritischen Reflexion abgeht. Aber in diesem Fall sollte man sich keine Sorgen machen, denn bald werden sie erwachsen sein, selbst denken und sich für Ukrainisch entscheiden.
Ukrainische Jugendliche sprechen aber vielleicht auch darum weiter Russisch, weil sie zu Hause Russisch hören. Wir müssen daher den Eltern erklären, dass sie ausschliesslich Ukrainisch mit ihren Kindern sprechen sollten, wenn sie nicht wollen, dass der Krieg für ihre Kinder anhält. Aus irgendeinem Grund jedoch sind die Eltern unbesonnen, schenken selbst einem so schlagenden Argument keine Beachtung und hören nicht auf, Russisch zu sprechen.
Ein verfaulter Baumstumpf
Mindestens 40 Prozent der heranwachsenden Ukrainer lernen eine Sprache, sprechen sie aber nicht. Sie sprechen eine andere Sprache, die ihnen aber nicht vermittelt wird. Dies führt nicht zum horizontalen, sondern zum vertikalen Verschwinden des Russischen.
Die russische Sprache stirbt wie ein Baum. Zuerst verkümmern die obersten Äste: Kultur und insbesondere Literatur; die Fähigkeit, feine Nuancen des Denkens auszudrücken; komplexe grammatikalische Strukturen, das Tiefenverständnis der Sprache und ihr reichhaltiger Wortschatz. Was übrig bleibt, ist der Unrat russischer Schimpfwörter, die mittlerweile sogar aus dem Mund des Präsidenten und seiner Lieblingsminister zu vernehmen sind. Und natürlich verdorren auch die Wurzeln des Baumes: Buchverlage, Zeitungen, Zeitschriften, Bibliotheken.
Alles steuert auf einen Punkt zu, an dem von der russischen Sprache in der Ukraine am Ende nur noch ein verfaulter Baumstumpf übrig bleibt, der nicht mehr entwurzelt werden kann: eine Sprache, die nur noch zum Fluchen oder zum Flüstern verwendet wird.
Der Tod sucht andere
Ich befinde mich im Zentrum von Charkiw. Ich höre das Summen einer Shahed-Drohne über mir. Und da ist sie, sie fliegt so tief, dass ich die Nieten auf ihrem Rumpf zählen könnte – aber es gibt keine Nieten. Der Rumpf ist glatt und einheitlich grau. Ich schaue mir dieses Ding genau an, und es blickt verächtlich auf mich herab: Es scheint nicht die Absicht zu haben, im Sturzflug unbedeutende, nutzlose kleine Leute wie mich zu töten, die ihre Hälse nach oben recken, um es anzustarren.
Elf weitere Menschen stehen neben mir. Einige haben die Hände in den Taschen, andere halten die Arme vor der Brust verschränkt. Ich betrachte sie mit der Neugier eines Naturforschers, der das Verhalten eines indigenen Stammes beobachtet. Sie alle scheinen sich ihrer Unsterblichkeit sicher zu sein. Selbst nach vier Jahren Krieg hat man irgendwie immer noch das Gefühl, dass der Tod sich jemand anderen aussucht, nicht dich. Dass man nicht auf so dumme Weise sterben kann. Schliesslich bist du nicht dafür auf diese Welt gekommen und hast dein ganzes Leben damit verbracht, dem Dasein einen Sinn zu geben.
Während ich solche Gedanken wälze, verschwindet die Shahed hinter den Gebäuden, und eine Explosion bringt alles um uns herum zum Erzittern wie ein Erdbeben.
Sie hat das historische Gebäude des Kunstmuseums von Charkiw getroffen. Ein absichtlich gewähltes Ziel. Das Kunstmuseum ist für die Einwohner von Charkiw ein Herzensort. Ich habe es mindestens hundert Mal besucht. Als ich klein war, haben mich meine Eltern dorthin mitgenommen; dann bin ich auf eigene Faust hingegangen; und später mit meiner Tochter. Jetzt steht das Kunstmuseum in Flammen. Gewiss wird es auch Gemälde getroffen haben, viele werden für immer verloren sein.
Die elf Menschen um mich herum haben sich vom Himmel losgerissen und angefangen, darüber zu diskutieren, was sie gesehen haben. Sie sprechen alle Russisch. Der in Russland hergestellte Tod, der gerade über ihre Köpfe hinweggeflogen war, hat keinen von ihnen dazu gebracht, auf Ukrainisch zu wechseln. Wer weiss? Vielleicht haben sie alle mit verdrängten Familientraumata zu kämpfen, oder vielleicht schauen sie einfach nur zu viel Tiktok.
Ein weiteres Beispiel: In Kriwi Rih hat eine russische ballistische Rakete einen Spielplatz getroffen, auf dem kleine Kinder spielten. Neun von ihnen wurden getötet. In einem Video ist zu sehen, wie ein Mann ein blutüberströmtes Kind in den Armen trägt, weint, jammert und die Russen verflucht – auf Russisch. Jemand hinterliess einen Kommentar: «Der Mann und die Kinder tun mir so leid, aber dann ist da diese Moskauer Sprache. Wann geht ihnen endlich ein Licht auf?» Offenbar ist dem Kommentator bereits ein solches aufgegangen – er durchschaut alles auf dieser Welt mit äusserster Klarheit.
Universell schlägt national
Ein ukrainischer Politiker – zum Glück ein unbedeutender – gibt zum Besten, er bete täglich für Putins Gesundheit, weil Putin eine Million Mal so viel für die ukrainische nationale Idee getan habe wie alle ukrainischen Politiker des letzten Jahrzehnts. Mit anderen Worten: Für ihn wiegt eine abstrakte Idee schwerer als das Leben von Hunderttausenden Menschen.
Die Sprache ist einer der wichtigsten nationalen Werte. Allerdings bleibt jeder nationale Wert nur so lange ein Wert, als er nicht im Widerspruch zu universellen menschlichen Werten steht. Oder anders ausgedrückt: Universelle Werte sind immer wichtiger als nationale Werte, und wenn wir, aus welchem Grund auch immer, etwas anderes glauben, dann beginnen unsere nationalen Werte zu zerfallen und verwandeln sich allmählich in Un-Werte.
So allgemein formuliert, mag diese Aussage umstritten erscheinen, doch wenn wir uns konkrete Beispiele ansehen, erweist sie sich als ganz selbstverständlich. Nehmen wir einen beliebigen universellen menschlichen Wert, zum Beispiel die Verteidigung der Wahrheit. Wenn nationale Werte als wichtiger gelten, führt dies unweigerlich zum Verfall der Nation selbst. Die Nation pflegt eine falsche Geschichte, schreibt sich Errungenschaften zu, die ihr nicht zukommen, baut ihre Zukunft auf falschen Prämissen auf, leitet Flüsse vom Norden nach Süden um, rottet Spatzen aus, und die Hutu begehen Völkermord an den Tutsi, weil diese für sie nicht Menschen, sondern Kakerlaken sind.
Oder ein anderer universeller Wert, die Rechtsstaatlichkeit. Hier gilt genau dasselbe. Wenn wir uns erlauben, das Gesetz um irgendwelcher nationaler Werte willen zu brechen, dann verwandeln sich diese Werte in Laster. Wenn wir uns erlauben, einen Wert wie Gleichheit vor dem Gesetz zur Disposition zu stellen, öffnen wir die Tore für Korruption, Willkür, Machtmissbrauch und letztlich Diktatur.
Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Mitgefühl, Freiheit, Bescheidenheit, Menschlichkeit, Schönheit – all dies übertrifft nationale Werte. Wenn wir etwas anderes glauben, dann werden wir zu Feinden unserer eigenen Nation.
Sprache des Herkommens
Die Ukraine ist ein unangenehmes Land, in dem der Staat sich wie ein tumber Bildhauer verhält, der von bestimmten Ideen besessen ist, die Menschen wie einen Marmorblock behandelt und glaubt, das Recht zu haben, sie in jede Form zu meisseln, die ihm passt. Der Staat masst sich nicht nur das Recht dazu an, sondern er betrachtet es gar als seine Pflicht. Das macht den ukrainischen Staat zwar nicht furchterregend oder lebensbedrohlich, aber es bewirkt, dass sich viele von ihm entfremden.
Gemäss Umfragen, die während der Kriegsjahre durchgeführt wurden, sind mehr als 90 Prozent der Ukrainer stolz auf ihre Staatsangehörigkeit, während 20 Prozent oder etwas mehr planen, ihre Heimat dauerhaft zu verlassen. Und dies, obwohl eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort, an dem man lebt, ein Kern des ukrainischen Nationalcharakters ist. Mit anderen Worten: Etwa 10 Prozent meiner Landsleute sind zwar stolz darauf, Ukrainer zu sein, gleichzeitig aber lehnen sie die Ukraine ab. Das ist keine Schizophrenie, sondern eine Folge des allgemeinen Unbehagens an den Verhältnissen, selbst wenn man den Krieg ausser acht lässt.
Aus irgendeinem Grund wird, wenn zum Thema wird, warum nicht jeder aufs Ukrainische umsteigt, die naheliegendste – und subversivste – Erklärung nie erwähnt: dass Russisch für manche schlicht die Sprache ihres Herkommens ist. So einfach ist das. Ukrainisch ist die Amtssprache, was nicht dasselbe ist wie die Muttersprache. Eine Amtssprache ist wie jene transparenten postmodernen Nester, welche ukrainische Vögel auf den Schlachtfeldern mit Teilen von Glasfaserkabeln bauen, mit denen man Drohnen steuert: Zwar erfüllen sie ihren Zweck perfekt, aber Trost bieten sie nicht.
Sergei Gerasimow lebt als Schriftsteller in der Grossstadt Charkiw, die nach wie vor von den Russen beschossen wird. – Aus dem Englischen von A. Bn.
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