5 Jahre nach der Katastrophe: „Die kamen einfach“ – Die Flut, die Trier-Ehrang zusammenschweißte

5 Jahre nach der Katastrophe „Die kamen einfach“ – Die Flut, die Trier-Ehrang zusammenschweißte

Trier · Als die Kyll am 15. Juli 2021 den Ortskern von Trier-Ehrang verwüstete, verloren viele Menschen ihr Zuhause – und fanden: einander. Der Stadtteil zeigt, was aus gemeinsam erlebten Leid wachsen kann.

14.07.2026 , 06:09 Uhr

 Das überflutete Ehrang aus der Vogelperspektive: Dieses Foto stammt vom Juli 2021. Ist aus dieser Katastrophe Zusammenhalt entstanden?

Das überflutete Ehrang aus der Vogelperspektive: Dieses Foto stammt vom Juli 2021. Ist aus dieser Katastrophe Zusammenhalt entstanden?

Foto: Portaflug Föhren

Als das Wasser nach der Flutkatastrophe sinkt, Hans Casel zu seinem Haus zurückkehren kann, bietet sich ihm ein Bild der Verwüstung. Alles ist voller Schlamm, Keller und Erdgeschoss zerstört. Auf Hilfe warten muss er nicht. Die steht schneller vor der Tür als erwartet. Familie, Freunde, Bekannte – und Menschen, die er kaum auf dem Schirm hatte.

Darunter: jene, denen Jahre zuvor er geholfen hatte. Seit Jahren engagiert sich der 77-Jährige beim Arbeitskreis Flüchtlinge in Trier-Ehrang, hilft Neuankömmlingen gemeinsam mit seinen Kollegen, Fuß zu fassen. Nun sind es die ehemals Geflüchteten, die ihm zur Hilfe eilen.

Betroffener aus Ehrang: „Habe nur funktioniert“

Mit Spaten eilen sie in den Keller, schlagen durchnässte Wandverkleidungen aus dem Keller, schleppen Schutt aus dem Haus. „Die Brühe lief ihnen nur so runter“, erzählt er. „’Endlich können wir uns dankbar zeigen für das, was ihr für uns getan habt‘, haben sie gesagt“, erinnert er sich an einen der Momente zurück, die ihm nach der Flut besonders in Erinnerung geblieben sind.

Dabei beginnt der 14. Juli 2021 für den Ehranger ebenso wie für viele andere Menschen in dem Stadtteil mit Fassungslosigkeit. Am Morgen sieht er, wie hoch die Kyll bereits steht, bringt vorsorglich sein Auto in Sicherheit. Wenig später werden die Menschen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

Auch seine Frau und er müssen ihr Haus hinter sich lassen, kommen bei seiner Schwester außerhalb der Gefahrenzone unter. Von dort aus müssen sie mit ansehen, wie das Wasser in ihr Zuhause eindringt. „Wir haben gesehen, wie reißend das Wasser war, was da alles durch das Dorf geschwemmt wurde.“

Möbel, Erinnerungsstücke, wichtige Dokumente, alte Fotos – alles liegt danach unter Schlamm. „Die Menschen haben unterschiedlich reagiert. Die einen haben angefangen zu weinen“, versucht Casel rückblickend das Unvorstellbare zusammenzufassen. „Ich habe nur funktioniert.“ Eine Weile geht das gut: „Nach zwei, drei Wochen hat es einmal Bumm gemacht.“ Die aufgestauten Gefühle brechen hervor, der Ehranger bricht zusammen.

„Man musste nicht um Hilfe bitten, sie war da“

Präsent sind die Bilder der Zerstörung noch heute für den 77-Jährigen – aber auch jene der Hilfsbereitschaft. Die Feuerwehr, die Betroffene mit Essen versorgt, Familie und Freunde, die gleich mit anpacken. Bekannte, die ungefragt Pumpen und Generatoren vorbeibringen. Fremde, die vor der Tür stehen, schlicht fragen: „Können wir helfen?“

Wenn er davon erzählt, steht dem Mann, der jahrzehntelang Pressesprecher im Bistum Trier war, die Dankbarkeit noch heute ins Gesicht geschrieben. „Man musste niemanden anrufen. Die kamen einfach.“

Ehrang: Aus spontaner Hilfe wird dauerhaftes Miteinander

Doch was ist von der spontanen Solidarität nach der Katastrophe geblieben? Ist daraus etwas Dauerhaftes entstanden? Ob das Wir-Gefühl in Trier-Ehrang heute ein anderes ist als damals, so einfach lasse sich das nicht beantworten, findet Casel. Das gemeinsam Erlebte schweiße aber definitiv zusammen, findet Casel. „So was hinterlässt Spuren.“

Wenn es nach Melanie Bergweiler vom gemeinnützigen Träger Palais e.V. geht – sie begleitet den Stadtteil bereits seit rund zehn Jahren, zunächst als Quartiersmanagerin, heute in der Gemeinwesenarbeit – ist das Gemeinschaftsgefühl stärker geworden. Schon vor der Flut habe Ehrang von einem starken Vereinsleben gelebt. Doch heute seien Vereine, Schulen, Kirchen, Kitas und Initiativen noch enger vernetzt. „Viele Leute wissen: Wir machen das gemeinsam.“

Die Katastrophe machte sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt: wie stark ein Stadtteil sein kann, wenn alle zusammen anpacken. Diese Beobachtung haben Melanie Bergweiler (links) vom Palais e.V. und Hans Casel vom Arbeitskreis Flüchtlinge gemacht.

Foto: Trierischer Volksfreund/Claire Herrmann

Dass die Flut nicht nur kurzfristige Solidarität ausgelöst, sondern Strukturen geschaffen hat, zeigen zahlreiche Projekte, die seitdem entstanden sind. Mithilfe von Fördermitteln haben verschiedene Träger Orte der Begegnung geschaffen.

Eines der Leuchtturmprojekte: die mehr als 700 Quadratmeter große Außensportanlage in Trägerschaft der Gemeinschaft Ehranger Ortsvereine. Sie befindet sich direkt neben dem Gemeinschaftsgarten auf dem Gelände des ehemaligen Mitarbeiterparkplatzes des früheren Krankenhauses Ehrang. Zudem wurden zahlreiche Sozialprojekte wie das Ehriker Plaudercafé (DRK, Palais e.V., Diakonie Katastrophenhilfe), offene Treffs beim Gemeinschaftsgarten (Caritas Fluthilfe, DRK, Palais e.V.), das mobile Begegnungsprojekt „Flotte Elli“ sowie der Betrieb einer Fahrradwerkstatt für die Betroffenen (beides Caritas Fluthilfe) initiiert.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Bergweiler die Veranstaltung „Ehrang leuchtet“ (danach: „Ehrang leuchtet lebendig“). Nur wenige Monate nach der Flut wurden die Gassen illuminiert, in den Fenstern leuchteten Kerzen mit den Worten Mut und Hoffnung. „Die Menschen waren so berührt, sie haben geweint.“ Viele schöpften daraus Kraft: „Wir schaffen das.“

Noch heute profitiert Ehrang von den Projekten, die in Folge der Flut angestoßen wurden. Nicht alle werden weitergeführt, einige laufen aus. Vieles aber bleibt. Damit das auch weiterhin so ist, brauche es jedoch weiterhin Menschen, die Verantwortung übernehmen, sagt Bergweiler. Gesucht werden beispielsweise Freiwillige, die sich im Gemeinschaftsgarten und für die Außensportanlage engagieren (Details siehe Infobox).

 Auf mehr als 700 Quadratmetern kann man sich in der neuen Außensportanlage austoben. Träger und Betreiber ist die Gemeinschaft Ehranger Ortsvereine e.V., Konzeption und Umsetzung erfolgte durch die Gemeinwesen-/Quartiersarbeit Trier-Ehrang (Palais e.v.). Zu den Fördermittelgebern zählen die Diakonie Katastrophenhilfe RWL, action medeor e.V, Help - Hilfe zur Selbsthilfe e.V., Caritasverband Trier e.V., Ortsbeirat Ehrang-Quint, Sparkasse Trier und die Seniorenresidenz St. Peter Trier.

Auf mehr als 700 Quadratmetern kann man sich in der neuen Außensportanlage austoben. Träger und Betreiber ist die Gemeinschaft Ehranger Ortsvereine e.V., Konzeption und Umsetzung erfolgte durch die Gemeinwesen-/Quartiersarbeit Trier-Ehrang (Palais e.v.). Zu den Fördermittelgebern zählen die Diakonie Katastrophenhilfe RWL, action medeor e.V, Help - Hilfe zur Selbsthilfe e.V., Caritasverband Trier e.V., Ortsbeirat Ehrang-Quint, Sparkasse Trier und die Seniorenresidenz St. Peter Trier.

Foto: Marco Büscher

Flut hat Ehrang verändert – auf vielen Ebenen

Fünf Jahre nach der Flut blickt Casel voller Zuversicht auf seinen Stadtteil. Natürlich, man dürfe die Augen nicht davor verschließen, dass es immer noch viele Häuser gebe, die nach wie vor nicht saniert, einige Menschen weggezogen sind. „Ehrang hat viel gelitten“, sagt er. „Aber: Heute ist der Stadtteil schöner als vor der Flut.“

Zwischen Schlamm, Sperrmüll und zerstörten Häusern entstand so etwas, womit damals kaum jemand gerechnet hatte: ein Gemeinschaftsgefühl – getragen von Menschen, die füreinander da waren, als es darauf ankam.