Warum der Norden bei Hitze plötzlich so begehrt ist

Schleswig-Holstein

40 Grad in Südeuropa: Wollen bald alle an der Ostsee Urlaub machen?

Sommer in Westerland auf Sylt: Schleswig-Holstein ist eine der beliebtesten Sommerdestinationen Deutschlands.
IMAGO/Swen Pförtner

Schleswig-Holstein könnte für hitzegeplagte Menschen zum vergleichsweise kühlen Rückzugsort werden. Warum das nördlichste Bundesland im Sommer einen entscheidenden Temperaturvorteil hat.

Wenn in manchen Regionen die Thermometer die 40-Grad-Marke knacken, die Luft in den Städten steht und der Asphalt glüht, richtet sich der Blick hitzegeplagter Menschen nach Norden. Schleswig-Holsteins Allzeithoch liegt bei 39,2 Grad und wird nur selten erreicht.

Meist weht hier, im vermeintlich dauerregengeplagten Norden, genau das, was Städte im Süden vermissen lassen: eine kühle Brise. Das Land zwischen Nord- und Ostsee könnte also in Zeiten von wiederkehrenden Hitzewellen zum kühlen Zufluchtsort werden.

Klimawandel: Tourismusströme könnten sich verschieben

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Eine Studie des Joint Research Center der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2023 untersuchte bereits die Zusammenhänge zwischen klimatischen Bedingungen und Tourismusströmen. Obwohl die Untersuchung stark auf Verhaltensannahmen statt auf repräsentativen Umfragen basiert, prognostizieren die Forscher bei einer Erwärmung um bis zu zwei Grad leichte Verschiebungen der Nachfrage.

Südeuropa verliere dann leicht an Attraktivität, während Regionen an der Ostsee dazugewinnen würden. Bei einer Erwärmung von drei Grad verschieben sich die Ströme den Forschern zufolge erheblich. Zentraleuropa, Großbritannien, Skandinavien und das Baltikum könnten dann mit einem Nachfrageplus von bis zu 15 Prozent rechnen.

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Coolcation spielt in SH noch keine Rolle

Dänemark und Schweden positionieren sich bereits aktiv mit dem englischen Begriff Coolcation – ein Wortspiel aus cool (kühl) und vacation (Urlaub). Auch für den Norden schien das vor zwei Jahren ein Zukunftsmodell zu sein. „Das ist etwas, wo wir eine Chance auch für Schleswig-Holstein sehen“, sagte Bettina Bunge, die damalige Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TA.SH).

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Noch ist es aber nicht so weit. „Aus Marktforschungsdaten wissen wir, dass Coolcation gegenwärtig noch keine große Rolle spielt“, sagt TA.SH-Sprecherin Manuela Schütze heute. Zwar würden einige Urlauber über die drückende Hitze in Südeuropa berichten, doch am Buchungsverhalten ändert das vorerst nichts: Rund 90 Prozent würden innerhalb der kommenden drei Jahre erneut dorthin reisen. Dennoch bleibt Schleswig-Holstein auch ohne diesen Trend eine der beliebtesten Sommerdestinationen Deutschlands.

Kühler Norden: Schleswig-Holsteins Klima-Vorteile

Dass es im Norden im Sommer meist angenehmer bleibt als im Binnenland, hat physikalische Gründe. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) profitiert Schleswig-Holstein von seiner Lage zwischen Nord- und Ostsee.

„Wasser speichert die Temperatur lange und reagiert dadurch verzögert zur Luft“, sagt DWD-Meteorologin Natascha Papenhausen. Während sich Landflächen bei Sonneneinstrahlung schnell aufheizen, reagieren die Meere träge. „Da Schleswig-Holstein ein sehr schmaler Landstrich ist, profitiert nahezu die gesamte Region von diesem kühlenden Effekt“, sagt Papenhausen.

Wind und Luftfeuchte: Hitze erträglicher

Wie stark der Effekt ausfällt, hängt allerdings von der Windrichtung ab: Weht der Wind von Westen oder Osten, strömt die kühle Meeresluft über das Land. Bei südlichen Winden hingegen gelangen die aufgeheizten Luftmassen aus dem Binnenland bis nach Schleswig-Holstein.

Nicht nur die tatsächliche Temperatur unterscheidet sich vom Süden Deutschlands. Auch das Hitzeempfinden fällt im Norden häufig kühler aus. „Der Wind im Zusammenhang mit der relativen Luftfeuchte spielt eine entscheidende Rolle beim Hitzeempfinden des Menschen“, sagt Papenhausen. Während stehende, feuchte Luft die Belastung für den Körper deutlich erhöht, kann Wind die Wärme spürbar erträglicher machen. Gerade an den Küsten sorgt die stetige Brise deshalb häufig für eine deutlich geringere Hitzebelastung als in den aufgeheizten Innenstädten.

Norden ist ein „klimatisch begünstigter Rückzugsort“

„Auch wenn die Anzahl der heißen Tage absolut gesehen leicht ansteigen wird, bleibt der Norden durch seine geografische Lage ein klimatisch begünstigter Rückzugsort für Menschen, die hohe Temperaturen weniger gut vertragen“, sagt die Meteorologin.

Sollten die Gästezahlen im Norden weiter steigen, könnte das einzelne Regionen allerdings vor neue Herausforderungen stellen. Schon heute treffen in der Hauptsaison die Interessen von Urlaubern und Einheimischen aufeinander.

„Besonders stark besuchte Orte haben die Belastungssituation im Blick und setzen sich intensiv mit Themen wie Infrastruktur, Verkehr oder Kapazitäten an Stränden und in Ortszentren auseinander“, sagt Schütze. (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)